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Literatur
04/17/2020

Eine Entdeckung: Die größte Tyrannin, so zart und zerbrechlich

Vicki Baum schrieb 1951 über eine sehr böse Frau, die sich immer nahm, was sie wollte

von Peter Pisa

In manchen ihrer Feuilletons, die Vicki Baum (Foto oben)  für insgesamt 35 Zeitungen und Zeitschriften schrieb, für die Neue Freie Presse ebenso wie für Ladies’ Home Journal, steht etwas, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Etwa: Ein Zirkusclown verrät ihr, dass man sich am besten entspannt, wenn man sich vorstellt, ein alter Socken zu sein.

Weich und schlapp.

Dann tut man sich nicht weh, wenn man hinfällt.

Dann stirbt man leichter.

Zumindest Socken gelingt das sehr gut.

Vicki Baum – 1888 in Wien geboren, 1932 emigriert, 1960 in Los Angeles gestorben – war ein Star. selbstironisch bezeichnete sich die Wienerin als „erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte“. Was jahrelang von Kulturjournalisten geglaubt wurde, trotz „Menschen im Hotel“, dem Roman, der ein exzellenter Stoff für Hollywood und die Garbo war.

Gern in Ohnmacht

„Vor Rehen wird gewarnt“ ist noch besser. Das Porträt einer bösen, sehr bösen Frau, die am Anfang als reizende alte Dame in die Geschichte eingeführt wird. So zart und zerbrechlich. Ein Reh.

Daraus hat Ann Ambros ihre Tyrannei entwickelt, gemäß dem Motto: „Ich kriege immer, was ich will.“ In Rückblicken während einer Eisenbahnfahrt wird erzählt.

Zitat: „Ann Ambros, die stets getan hatte, was sie wollte, und sich genommen, wonach sie verlangte ... Ihr Leben lang war sie unter dem Mitleid mit sich selbst gediehen, es war ihr Element, ihre allereigenste Heimat, es war die Wiege, in die sie sich verkroch, wann immer etwas nicht nach ihrem Willen ging.“

... und dann ging es, notfalls half ein kleiner Ohnmachtsanfall zur rechten Zeit.

Zuerst hat sie sich den Ehemann ihrer Schwester geschnappt. Er war Geigenvirtuose. Sie machte ihn zu ihrem Geliebten, dann zum Ehemann, dann machte sie sich zur Witwe. Und ihrer Schwester nahm sie auch noch die Tochter weg und machte sie zu ihrer Dienerin.

Vicki Baum durchschaute die Menschen. Sie protzte nicht mit psychologischem Wissen, sondern gab den Lesern beste Unterhaltung, damit sie sich entspannen wie die Socken.


Vicki Baum:
„Vor Rehen wird gewarnt“
Übersetzt von
Carl-Heinz
Ostertag.
Arche Verlag.
146 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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