© Murdo MacLeod / Hoffmann und Campe

Literatur
05/09/2020

Edna O'Brien: "Das Mädchen" entkam Boko Haram

Die irische Schriftstellerin war in Nigeria. Die heute 89-Jährige will die grausame Wahrheit bewahren

von Peter Pisa

Im Sambisa-Wald im Nordosten Nigerias irrt ein Mädchen umher. Es trägt ein Baby im Arm. Hirten entdecken die beiden.

Das Mädchen ist ihren Entführern von Boko Haram entkommen. Nach Jahren in Gefangenschaft konnte es flüchten.

Ist das Mädchen 15? 17? 20? Es wird keine Antwort geben, es hat den Verstand verloren.

Die geliebte und gehasste irische Schriftstellerin Edna O’Brien (Foto oben) hat darüber in der Presse gelesen. Nachrichten in Zeitungen, sagt sie, sind Romane, die nur auf jemand warten, damit man sie schreibt.

Neun Euro

Edna O’Brien ist 89.

Sie war 85 (und 86), als sie trotz Warnungen zwei Mal nach Nigeria flog, mit geschmuggelten 15.000 Pfund in der Unterwäsche: Geld, das sie benötigte, um zu Frauen zu gelangen, die 2014 in der Stadt Chibok aus einem Schülerheim geraubt worden waren (und befreit werden konnten bzw. gelang ihnen die Flucht).

Von diesen 276 fehlt heute noch immer bei rund 100 jede Spur. Man nimmt an, sie wurden außer Landes gebracht und verkauft, um neun Euro.

Reiche Araber zahlten für besonders hübsche Mädchen bedeutend mehr. So finanzierten die Islamisten, die der anderen Terrorgruppe „Islamischer Staat“ die Treue schworen, ihre Waffenkäufe.

Edna O’Brien konnte mit sieben der jungen Frauen ausführlich reden.

Für den Roman „Das Mädchen“ – schon ihr 19. – verdichtete sie zu einer Person. Das ändert nichts an der Wahrheit. Die Wahrheit zu bewahren, darum ist es O’Brien immer gegangen.

Das war schon 1960 so, als sie in ihrem Debüt „The Country Girls“ von den unterdrückten irischen Frauen erzählte, die zwar alles am Funktionieren hielten, aber nicht mitreden durften ... während sich die Männer „hilflos tranken“.

Mehr hatte sie damals nicht gebraucht! Männer – allen voran ein Erzbischof sowie Minister der Regierung verdammten das Buch. Es kam zu Bücherverbrennungen. (Später kamen Preise und Ehrungen.)

Sie sagt, sie muss den Schmerz spüren, dann erst kann sie daraus Literatur machen. Während der Arbeit am Buch erkrankte sie an Krebs.

Licht

Beim Lesen geht das Leiden weiter. Mit Massenvergewaltigungen wird man konfrontiert, mit einer Steinigung, mit dem Herausschneiden einer Zunge ... Maryam, das ist die Ich-Erzählerin, wurde mit einem Kämpfer zwangsverheiratet (ein Glück, so heißt es). Und schwanger.

In Freiheit wird man Maryam das Kind wegnehmen, man wird es für tot erklären ...

Es ist verständlich, dass es O’Brien notwendig hatte, etwas Angenehmes in den Roman zu schreiben. Eine „kältere“ journalistischere Herangehensweise wäre zwar manchmal wünschenswerter gewesen, aber:

Das Ende musste halbwegs gut ausfallen: „Licht ergoss sich ins Zimmer, erhellte das Universum.“

 

Edna O’Brien: „Das Mädchen“
Übersetzt von
Kathrin Razum.
Hoffmann und Campe.
256 Seiten.
23,70 Euro.
Auch direkt hier erhältlich

KURIER-Wertung: ****

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