© Vanessa German

Literatur
06/25/2022

Die Gebrauchsanleitung für Ehebrecher wird mitgeliefert

"Church Ladies" von der Amerikanerin Deesha Philyaw: Was man von Frauen erwartet und was sie brauchen

von Peter Pisa

Die „Church Ladies“, in diesem Fall sind es schwarze Frauen, gehen nicht nur regelmäßig zur Messe – sie nehmen auch an Bibelrunden teil, lassen sich vom Pastor sagen, dass sie keinen Sex haben dürfen und hören auf die Mutter: Unbedingt Mieder tragen, wenn man die Kirche betritt.

Damit man das Höschen nicht durch die Kleidung erahnen kann.

Kein Sündenfall

Als eine 45-Jährige erfährt, dass ihre gleichalte Freundin schon mit Männern geschlafen hat, ruft sie geschockt:

„Du hast irgendeinen Kerl rangelassen, statt dich reinzuhalten?“

Aber sie findet nichts dabei, sich ersatzweise von ihr zwischen den Beinen streicheln zu lassen.

Autorin Deesha Philyaw wuchs in einer Baptistengemeinde in Florida auf. Bald fragte sie sich: Was machen unverheiratete Frauen, die nicht Sex haben dürfen? Was machen unbefriedigte verheiratete Frauen? Führen sie alle ein Doppelleben?

„Church Ladies“ ist die Antwort. Das Motto: Das ist kein Sündenfall, sondern ein Schritt in die Freiheit.

Neun Kurzgeschichten hängen über der Kluft zwischen dem, was von Frauen erwartet wird und dem, was sie wollen und brauchen.

Vollmundig wird erzählt, schön fleischig – das Debüt der Schriftstellerin wurde sofort mit Literaturpreisen ausgezeichnet (und war im Finale um einen National Book Award, den Schriftsteller wie Faulkner, Philip Roth, Updike ... bekommen haben,)

Es interessierte Deesha Philyaw, was sich schwarze Südstaatenfrauen untereinander verraten. Oder niemals weitersagen.

Zum Beispiel: Eine Frau ist bei ihrer sterbenden Mutter im Hospiz, ein fremder Mann ist im Nebenzimmer, auch seine Mutter liegt im Sterben.

Nach dem Besuch haben sie hinter dem Hospiz Sex im Auto.

Oder Folgendes: Der verheiratete Pastor kommt jeden Montag zu einer Frau, die ihm Pfirsichkuchen bäckt. Danach gehen sie ins Schlafzimmer. Die kleine Tochter würde gern den restlichen Kuchen essen, die Mutter wirft ihn weg – das Mädchen soll sich nicht an Süßes gewöhnen. Ihr Leben wird nicht süß.

Das ist nur der Anfang, zumindest diese Geschichte wird Wurzeln schlagen im Leser / in der Leserin.

Die Formen ändern sich, auch als Brief wird erzählt und als Gebrauchsanleitung einer Geliebten „für gut christliche Ehebrecher“. Sie listet auf, was (nicht) geschehen darf, etwa:

„Ich bin nicht übermäßig an deinem Schwanz interessiert, obwohl er schon wichtig ist. Ich mag Hände.“

Und: „Du benutzt immer ein Kondom. Das ist nicht verhandelbar. Wenn du mit einem Kondom keinen hochkriegst, geh nach Hause zu deiner Frau.“

Es ist trotzdem ein erfreuliches Buch.


Deesha Philyaw:
„Church Ladies“
Übersetzt von
Sabine Roth und Elke Link.
Ars vivendi.
200 Seiten.
22,95 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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