© Nikolaus Heidelbach / Hanser Verlag

Literatur
11/29/2019

Der liebe Augustin gibt eine Draufgabe

Michael Köhlmeiers "Märchen": Vom Streben nach der Symbiose aus Brüder Grimm und Kafka

von Peter Pisa

Bei „Bruder und Schwester Lenobel“ konnte man darüber streiten, ob’s passt.

Die von ihm erfundenen Märchen, die Michael Köhlmeier den Kapiteln voranstellte, störten den Fluss ... oder kündigten sie das Kommende an? Färbten sie es ein? Waren sie Ouvertüren? (Ja, ja, ja, aber sie haben trotzdem gestört.)

Nun sind „Die Märchen“ ein eigenes Buch geworden, 151 sind es auf 800 Seiten, und schon beim ersten Text versteht man, warum Köhlmeier so wichtig ist, dass Märchen nicht gedeutet werden – sie sollen für sich stehen, ganz allein. Bestenfalls wie Sterne. Wie Blumen.

Denn das kann man wirklich nicht „zerreden“, wenn Geschwister von der Mutter gequält werden und weglaufen und sich derart lieb haben im Wald, dass die Schwester Kinder auf die Welt bringt – genauer: einen weißen Wolf, einen Brombeerstrauch und einen glänzenden Stein.

Staunen soll man; und bemerken, dass der Märchendichter danach strebt, eine Mischung aus Brüder Grimm und Kafka zu erreichen.

Dazu und weg

Michael Köhlmeier hat einen eigenen Rhythmus gefunden, der den Eindruck erweckt, hier sitzt der Erzähler gegenüber, und während er redet, knackt man Nüsse und freut sich über die Geschichten.

Und eine Sprache hat er, die alt ist und neu, in der Art: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann ... schmusen sie noch heute miteinander.

Er nimmt sich auch Märchen vor, die es längst gibt. Manchmal erzählt er sie einfach „schöner“ – wie etwa vom Kegler im Stephansturm. Oder er hängt etwas dran wie beim „Lieben Augustin“, den Köhlmeier nach dem b’soffenen Sturz in die Pestgrube noch ein teuflisches Wettmuszieren austragen lässt.

Oder er lässt das halbe Märchen weg wie in „Floh und Teufel“. Warum er sich einmal so und einmal so entschieden hat, das weiß nur er.

Jedenfalls sind Märchen der Ursprung aller Schriftstellerei. Deshalb sagt Köhlmeier: „Mir wäre ein Schriftsteller suspekt, der sich nicht für Märchen interessiert. Das wäre wie ein Schreiner, der sagt, er interessiert sich nicht für Holz.“

 

Bild oben: Nikolaus Heidelbach illustrierte das Buch (Ausschnitt einer Zeichnung vom Teufel im Großen Walsertal)

Michael Köhlmeier:
„Die Märchen
Bilder von
Nikolaus
Heidelbach.
Hanser Verlag.
816 Seiten.
59,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

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