© Brecht Van Maele

Literatur
10/09/2021

Dave Eggers setzt "Der Circle" mit neuen Ideen fort

In "Every" ist der Konzern noch größer geworden, ein Online-Kaufhaus wie Amazon gehört jetzt dazu

von Peter Pisa

Moment, das neues Computerprogramm sagt gerade, wie mir das Mittagessen geschmeckt hat ...

Die Senfgurken waren zu süß. Stimmt genau!

Toll, dass das Handy weiß, was nur ich weiß. Gar nicht toll?

Der Roman „Every“ ist der zweite Versuch, den Konzern, der Riesen wie Google und Apple und Facebook, Twitter vereint, von innen zu vernichten (und unsereins zu befreien).

Sicherheit

In „Der Circle“, dem Roman, der 2014 den Amerikaner Dave Eggers weltberühmt gemacht hat, ist das nicht gelungen.

Im Gegenteil: Jetzt, in der Fortsetzung, ist der Konzern noch größer geworden und heißt jetzt „Every“, ein Internet-Händler Marke Amazon gehört dazu.

Eine ehemalige Försterin Delaney heißt sie, hat sich nach jahrelanger Vorbereitung einschleusen lassen. Ihr Sabotageplan: Sie will derart arge Software auf den Markt bringen, dass die Welt aufschreien und die Macht von „Every“ zerschlagen MUSS.

Aber nein, eine App, die errechnet, ob man gute Eltern hat, ist ein Kassenschlager. Die totale Transparenz gibt Leuten ... Sicherheit. Sie lassen sich daheim überwachen – weil man propagiert, das verhindere Gewalt.

„Every“ darf zuhören. Dann ist man halt beim Sex etwas leiser.

Popeye

Dave Eggers ist kein Sprachkünstler. Aber das Können reicht völlig, um seine vielen Einfälle zu transportieren.

Der Roman ist um nichts weniger gruselig als „Der Circle“. Eggers ist mit seiner Zukunft immer nur einen Schritt voraus. Maximal einen Schritt: Die Infantilität, sich 20 Mal am Tag für Soziale Medien in Popeye-Pose mit Pfeife zu fotografieren, passt gut ins Heute.

66 Prozent

Die Prognose des Todeszeitpunkts (aufgrund der Lebensweise, Ernährung, Genetik, Geografie...) scheint machbar – falls der Mensch gläsern ist.

50 Mal, sagt Eggers, habe er seinen Text ändern müssen, weil er zu spät merkte, dass eine mutmaßlich von ihm erfundene App längst in Verwendung ist.

Ex-Försterin Delaney im Kampf gegen den Kraken ist keine Heldin, die man sich merken wird.

Was bleibt, ist die anschauliche Warnung, wie schnell man ins Totalitäre rutscht. Und es bleibt, wohin Befragungen führen, mit denen dank „Every“ künftig z. B. die Qualität von Kunst bestimmt wird:

Im Louvre wurde anhand der Prozentpunkte, die Besucher vergeben, festgestellt, dass Leonardo da Vincis „Letztes Abendmahl“ bisher völlig überbewertet wurde – nur 66 Prozent finden das Bild gut, also zählt es zum Durchschnitt.

An der Befragung, wer „der größte Künstler der Geschichte“ ist, nahmen 32 Millionen Menschen teil. Eindeutiges Ergebnis: Es ist Norman Rockwell, gefolgt von Dale Chihuly.

Rockwell hatte viele kitschige Titelbilder der Saturday Evening Post gemalt (Bill Clinton zählt zu den Fans), Chihuly ist Glaskünstler.

Picasso kam auf Platz 4.


Dave Eggers: „Every“
Übersetzt von
Klaus Timmermann und
Ulrike Wasel.
Kiepenheuer
& Witsch.
592 Seiten.
25,95 Euro

KURIER-Wertung: ****

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