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Literatur
12/07/2019

Danilo Kiš: Sein früher Roman über Auschwitz

Der jugoslawische Dichter erzählt in „Psalm 44“ von einer Flucht. So realistisch war er danach nie mehr.

von Peter Pisa

Wenn man zurückkommt ...

Bei Danilo Kiš - Foto oben - geschah es ohne Vater, den er literatisch festhielt. Der Vater, ungarischer Jude, war 1944 in Auschwitz ermordet worden. Der Sohn, erwachsen geworden, kehrte in die Vojvodina zurück, nach Subotica, und die Farben waren nicht mehr da, die Formen waren nicht mehr da, der Duft vom Mohnkuchen war verschwunden. Später, im Roman „Frühe Leiden“, schrie er auf:

Nicht einmal „seine“ Straße der Kastanien fand er wieder, die Bäume mit den ausgestreckten Zweigen, die einen Säulengang bildeten – „Es muss sie hier geben!“

Nimmermehr.

Mit dem Baby

Wenn man zurückkommt ... Das war, gelesen in den 1990ern, ein derart starkes Erlebnis der Verlorenheit, dass es sich fest eingrub und immer in Verbindung mit Danilo Kiš auftaucht.

In „Psalm 44“ (1962) – dem Frühwerk, das erst jetzt übersetzt wurde – fällt die Geschichte einer Rückkehr positiver aus.

Es ist eine Rückkehr ins Leben.

Der Roman ist kurz, doch hat er ein Gewicht, das schwer zu (er)tragen ist.

Gegen Kriegsende gelingt Maria (Vater Jude, Mutter Katholikin) die Flucht aus Auschwitz – gemeinsam mit ihrem sieben Wochen alten Baby, das sie im Lager bekommen hat.

Der Vater weiß nichts vom Kind: Jakob ist ein junger Arzt, Mengele hofft, er werde „Sammlung jüdischer Schädel und Skelette“ vor den Alliierten retten. Für Maria erreicht Jakob die Vergünstigung, im Nebenlager Birkenau zu arbeiten.

Empathisch war Kiš immer, ironisch wurde er erst später, derart realistisch wie in „Psalm 44“ war er danach nie mehr.

In Rückblicken ist Maria ein kleines Mädchen, dem schon in der Schule der antisemitische Vorwurf gemacht wurde, „ihre“ Juden hätten Jesus ans Kreuz genagelt.

Das Massaker an der Zivilbevölkerung von Novi Sad (1942) hat sie selbst beobachtet. Im Roman wird bei einer Frau, noch nicht tot, mit dem Zersägen begonnen. Von jemandem, der Abdecker war, der also die toten Tiere entsorgt hatte, bevor er unter den ungarischen Besatzern Schlächter wurde.

Der Psalm 44 gehört zu den Klageliedern: „Warum schläfst du, Herr? Steh auf, uns zur Hilfe!“

Maria glaubt deshalb lieber an ihren eigenen Gott: „zu gleichen Teilen bestehend aus Hoffnung, Güte, Barmherzigkeit, Liebe ...“

„ ... und aus Hass“, sagt Jeanne, mit der Maria in der Auschwitz-Baracke zusammen ist.

„Ja. Auch aus Hass.“

***

Im Epilog besuchen Maria, ihr Mann und der fünfjährige Sohn 1950 Auschwitz, Im Museum sehen sie die Matratzen, gefüllt mit Haaren, die zerbrochenen Brillen ...

Das Damentäschchen, das aussieht, als wäre es aus Pergament hergestellt worden, aber es war aus Haut der Ermordeten ... was war das wohl für ein (SS-)Mann, der es seiner Freundin schenken wollte?


Danilo Kiš:
Psalm 44“
Übersetzt von
Katharina Wolf-Griesshaber.
Nachwort von Ilma Rakusa.
Hanser Verlag.
136 Seiten.
20,60 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern