Christoph Zielinski und die Dinge, über die man nicht sprechen kann

Der Krebsforscher Christoph Zielinski hat seinen zweiten Roman geschrieben: „Villa Wundergold“.
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Medizinische Fachbücher hat Christoph Zielinski unzählige geschrieben. 2025 legte der Krebsforscher seinen ersten Roman vor. In „Laurenzerberg“ erzählte er von polnisch-jüdischen Migranten im Wien der 1960er-Jahre. Das Buch war inspiriert von den Erzählungen seiner Eltern und anderer Migranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus diktatorischen Regimen in ein für sie fremdes Land emigrierten oder flohen. Sein neuer Roman „Villa Wundergold“ setzt früher, bereits vor dem Zweiten Weltkrieg an: Er erzählt von Schicksalen, unter anderem dem seiner Familie, die in jenem historischen Raum wurzelten, der bis 1918 als Galizien bekannt war und zu Österreich gehörte.

Das Schreiben liegt in der Familie. Christoph Zielinskis Vater war der Schriftsteller Adam Zielinski, seine Mutter Sophie Zielinski Slawistin an der Universität Wien.

KURIER: Die Schriftstellerei hat sich in Ihrer Familie Zeit gelassen. Ihr Vater hat spät begonnen, zu publizieren. Sie haben mit 72 Ihren ersten Roman veröffentlicht.

Christoph Zielinski: Ich habe schon in der Mittelschule Kurzgeschichten geschrieben. Zufälligerweise hat mich die Feuilleton-Chefin der „Presse“ entdeckt und einige meiner Kurzgeschichten veröffentlicht. Ich habe später mein Studium damit finanziell aufgebessert. Ich glaube, mein Höhepunkt war eine Seite mit dem Titel „Camus, Hemingway und ich“. Wobei mir schon klar war, dass wir drei qualitativ anderswo angesiedelt waren. Ich habe dann bei einem Literatur-Ausschreiben beim Molden-Verlag mitgemacht und mir gedacht: Wenn das was wird, werde ich Schriftsteller, wenn es nichts wird, werde ich Arzt. Wir sehen, was daraus geworden ist. Ich habe den Preis nicht bekommen. Der Verlag ist kurze Zeit später eingegangen. Ich glaube aber, nicht meinetwegen.

Sie haben sich dann ganz auf die Medizin konzentriert.

Ja. Man kann diese Sachen ja nicht halb machen. Ganz im Gegenteil, ich habe eine große Faszination für die wissenschaftliche Forschung entwickelt, habe drei Jahre in den USA gelebt und dort viel geforscht, weil mich die Neugier immer sehr gesteuert hat. Irgendwann war diese Zeit für mich vorbei, ich sagte mir, ich bin jetzt „nur Doktor“ und dadurch habe ich ein paar Stunden am Tag Zeit gefunden, die ich sonst mit wissenschaftlichen Publikationen verbracht habe.

Ihr Vater hat Ihre schriftstellerische Karriere nicht mehr miterlebt.

Nein. Ich habe mich sehr auf Dinge konzentriert, von denen ich glaube, dass mein Vater sie nicht schreiben konnte oder wollte. All das, was da in dieser „Villa Wundergold“ steht, sind eigentlich Geschichten aus den Jahren 1935 bis 1947. Es sind Geschichten von Leuten, die ich gekannt habe. Ich habe das auch im letzten Kapitel meines ersten Romans geschrieben: Wie man über Dinge nicht sprechen kann. Wenn ich mich umhöre, fällt mir auf, dass das ein Phänomen in fast allen Familien ist: Über die Verfolgung wird nicht gesprochen. Interessanterweise ist das eine Parallele zu den sogenannten Arisierern.

Familien, die Juden enteignet haben, haben später auch nicht darüber gesprochen.

Die einen sind Opfer und die anderen schuldig. Wobei, wenn sich diejenigen, die Juden enteignet haben, wenigstens schuldig fühlen würden, würde das mein Leben leichter machen.

Wie würden Sie das Genre Ihres neuen Buches beschreiben? Ist das ein historischer Roman?

Es ist ein historisch unterlegter Roman. In der Tradition eines, und ich will da jetzt nicht größenwahnsinnig wirken, eines Lion Feuchtwanger und seines Romans „Die Geschwister Oppermann“.

Mit einem beträchtlichen Teil Familien-Biografie.

Ja. Wobei Timothy Snyders Sachbuch „Bloodlands“ lebensverändernd für mich war. Es beschäftigt mich bis heute. Es gibt im Westen diese außerordentliche „Verachtung“ für Zentral- und Osteuropa. Es wird über die Geschichte Osteuropas oder Zentraleuropas so gut wie nicht gesprochen. Wenn Sie einen gebildeten Österreicher fragen, wer die Zaren in Russland waren, kann kaum einer etwas dazu sagen. Aber die französischen Könige seit Louis XIV. können die Leute runterbeten.

Den Menschen ist nicht klar, wie sehr wir verbunden sind. Man hat das ja zu Beginn des Ukraine-Kriegs gemerkt: Vielen ist nicht bewusst, dass die Grenze der Ukraine näher an Wien liegt als Vorarlberg.

Das stimmt. Dazu kommt noch eine weitere Dimension. Die Diskussion über das kolonialistische Erbe Englands, Frankreichs, Belgiens und so weiter. Bei Österreich heißt es immer wieder, Österreich habe keine Kolonien gehabt. Das stimmt nicht. Österreich hatte Kolonien. Und zwar nicht irgendwo in Afrika, sondern vor der Tür. In Wirklichkeit war das ein Völkerkerker.

Sie sprechen von der Monarchie.

Ja genau. Daraus resultiert die Verachtung für die quasi beherrschten Länder, weil ihre Geschichte hat unsere Geschichte zu sein.

Und wir Österreicher waren die Chefs.

Genau, wir waren die Chefs. In Rumänien ist der 3. Dezember Nationalfeiertag, und zwar deshalb, weil das der Tag war, an dem Rumänien von Österreich unabhängig geworden ist. Und wir reden uns noch ein, dass wir so wahnsinnig geliebt worden sind, aber da fallen wir auf den Schmäh vom Kaiser Franz Josef und den „Sissi“-Filmen herein. Das stimmt alles nicht. Ich stamme aus Polen und ich weiß, wie das war. In Galizien war es relativ gesehen noch am besten, aber trotzdem ist Polen ja in Wirklichkeit unter drei Mächten (Russland, Preußen, Österreich; Anm.), aufgeteilt worden, man hat Polen kolonialisiert.

Sie haben jetzt das Stichwort „Wir reden uns da etwas ein“ verwendet. In der K.-u.-k.-Armee haben 300.000 Juden gedient. Viele von ihnen haben sich ja auch irgendwo eingeredet, dass das gegen Antisemitismus helfen würde, dass sie damit voll integriert wären. In Ihrem Buch erzählen Sie die Geschichte von Karl, einem Rechtsanwalt und ehemaligen K.-u.-k.-Offizier, der von der Gestapo misshandelt und ermordet wird, obwohl er sich doch kurz zuvor noch seinen K.-u.-k.-Orden angeheftet hat und geglaubt hat, das hilft ihm.

Das stimmt. Viele Juden sind aber auch gegen das wahnsinnig antisemitische Russland in den Krieg gezogen. Gegen diese Dumpfheit, die aus Russland mit dem monumental herrschenden autokratischen Zaren gekommen ist, der sich den Antisemitismus ja mehr oder weniger auf die Fahnen geschrieben hatte.

Und in Wien haben viele Juden geglaubt, wenn sie sich anpassen, wird ihnen nichts passieren. Über Theodor Herzl und seine Idee eines Judenstaates haben viele Juden hier den Kopf geschüttelt, weil sie nicht wahrhaben konnten, wie stark der Antisemitismus in Wien war und noch werden würde.

Mit dem Versuch, sich zu adaptieren und zu assimilieren ist noch nicht alles erledigt. Weil Sie die Romanfigur des Karl, der so bestialisch ermordet wurde, angesprochen haben: Das war mein Großvater.

Sie sagten eingangs, es gibt in jeder Familie Dinge, über nicht gesprochen wird. Sie sind nun der Erste, der über diese Dinge schreibt.

Die Söhne erinnern sich daran, was die Väter verdrängen wollen.

Wo waren Ihre Quellen für diese Geschichten?

Manches weiß ich aus meiner Kindheit. Viele Menschen, die hier vorkommen, waren Freunde meiner Eltern. Ich habe auch aus den Entlassungspapieren meiner Tante aus dem Konzentrationslager in Lemberg vieles herausgelesen. Abgesehen natürlich von viel Fachliteratur.

Ihre Familie stammt aus Lemberg, einer Gegend mit einem reichen literarischen Erbe. Joseph Roth, Manès Sperber …

… Manès Sperber hab ich noch gekannt. Ich hab ihn in Paris besucht, wir sind im Jardin Luxembourg spazieren gegangen.

Was bedeutet Ihnen dieses Erbe?

Sehr viel. Ich habe pathologische Angst vor Vermessenheit, aber wenn ich ein bisschen was dazu beitragen könnte, dass diese Tradition weiterlebt, würde mich das freuen.

Was sollen die Menschen, die dieses Buch lesen, mitnehmen? Was wünschen Sie sich?

Die Überzeugung, dass nur Humanismus uns hilft.

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