© Peng / DuMont Verlag

Literatur
12/18/2021

Bücher sind kleine Raketen: Sie helfen, wenn das Leben schwer wird

Im Weihnachtsschaufenster warten Tintenfische und das alte Hollywood, und Johnny Cash wechselt von Dunkelheit ins Licht

von Peter Pisa

Wenn ich Bücher sehe, höre ich zwei Stimmen in mir.

Die eine sagt: „Kauf sie!“

Die andere sagt: „Hast du gehört? Du sollst sie kaufen!“

Dieser innere Dialog ist auch für Buchhändler gerade jetzt die reinste Freude. 36 Prozent der Bücher, die während des Jahres verkauft werden, gehen im Weihnachtsgeschäft über den Ladentisch. Normalerweise. Aber noch ist es nicht zu spät. Diese Seite ist ein Schaufenster – mit höchst unterschiedlichen Büchern, die alle heuer erschienen sind. Die Kritiken waren bestens. Man darf also auf die inneren Stimmen hören („Kauf sie!“), um sich wie von einem Raumschiff wegbringen zu lassen, wenn die Welt schwer zu ertragen ist ...

 

Der Roman, den man liebt

Mexiko. Es riecht im Buch nach Nusskaramell und sauberen Leintüchern, und man könnte  Kitschiges befürchten. Nein, ist es nicht.  Magischer Realismus aus Mexiko über ein  Kind, das für einen Dämon gehalten  und von Bienen beschützt wird. Ein Roman, den man nicht bloß schätzt, sondern lieben wird. Eine Aufforderung, etwas, sensibler durchs  Leben zu gehen.

Sofia Segovia:
„Das Flüstern der Bienen“
Übersetzt von Kirsten Brandt.
List Verlag.
479 Seiten. 22,70 Euro

 

Lieder, die zur Vernunft bringen

Johnny Cash. Die Bilanz von Licht und Finsternis –  Rosanne  sagt über Johnny Cash: „Was
meinen Vater betrifft, so siegt für mich das Licht.“ Schon deshalb, weil er alle zur Vernunft bringt, die ihm bis zum letzten Song „Like the 309“  zuhören. Die überarbeitete Biografie holt exemplarisch „The Beast in Me“ heraus. Man hat ja selbst auch Bieste, die lauern. Die Geschichte des  seltsamen Genres der Countrymusik wird mitgeliefert.

Franz Dobler:
„The Beast in Me. Johnny Cash“
Heyne Verlag.
432 Seiten.
15,50 Euro

 

Von einem, der sich für Großes hielt

Serie. Alle sechs Romane über das fiktive Städtchen Holt in der Prärie von Colorado will man lesen. „Ein Sohn der Stadt“ soll hier  symbolisch stehen.  Der Roman ist aktuell, aber nicht der souveränste der Serie.  Kent Haruf kann Liebe erforschen, Dummheit, Zorn ... Im alten (jetzt  übersetzten)  Buch sind es Zorn und Provinzialität: Ein Bewohner hielt sich für den Größten, er hat die Stadt betrogen  und kehrt nach Jahren kaputt zurück.

Kent Haruf:
 „Ein Sohn der Stadt“
Übersetzt von pociao und Roberto de Hollanda. Diogenes Verlag.
288 Seiten. 24,95 Euro

 

Woher das Wiener Wasser kam

Horror. Sachbuch und Roman – und ein wahrer Horror: Vor dem Bau der Hochquellwasserleitung  (1873)  floss Regenwasser vom Matzleinsdorfer Friedhof an Leichen vorbei zu den Brunnen von Wien, der   Stadt des Durchfalls.

Alexander Bartl:
  „Walzer in Zeiten der Cholera“
 HarperCollins Verlag.
362 Seiten.
24,95  Euro

 

Streicheln, nicht essen

Kraken. Nie wieder Oktopussalat! Das sind Wasserwesen, die man streicheln müsste (das mögen sie wirklich). Nicht essen. Dieses wunderwunderschöne Kinderbuch ab acht bis zur Unendlichkeit ist zum Schauen und Staunen: Der Oktopus hat 2.000 Saugnäpfe, alle bringen Informationen. Das ist wie: 2.000 Handys läuten gleichzeitig.

Michael Stavarič:
  „Faszination Krake“
 Illustriert von Michèle Ganser.
Leykam Verlag.
144 Seiten. 25 Euro

 

Keine Angst vor Dostojewski

Hörspiele. Neun Mal Dostojewski, und man hört es gleich: Niemand braucht vor ihm Angst zu haben. Die Hörspiele mit Ignaz Kirchner, Klausjürgen Wussow u.a. lassen die Originale ( „Der Spieler“, „Raskolnikoff“ ... ) atmen. Und beschämen uns: „Kann es wirklich unter einem solchen Himmel ärgerliche, launische Menschen geben?“

Fjodor Dostojewski:
  „Die große Hörspiel-Edition“
 Der Audio Verlag.
10 CDs, 530 Minuten.
28,99 Euro

 

Manche mögen's nicht mehr heiß

Hollywood. Passt zum Kino der 1940er, 1950er. Old fashioned. Ein Abgesang aufs alte Hollywood mit Regisseur Billy Wilder im Mittelpunkt. Was er geben konnte – „Manche mögen’s heiß“, „Zeugin der Anklage“ . . . –, das wollte plötzlich niemand mehr. Billy Wilder sitzt gedankenverloren in seinem Haus. Er träumt davon,  Steven Spielberg („Der weiße Hai“) zu sein. Ewige Jugend, ewiger Erfolg: Das Bemühen darum sorgt beim Lesen für ein trauriges Lächeln.

Jonathan Coe:
 „Mr. Wilder & ich“
Übersetzt von Cathrine Hornung.
Folio Verlag.
280 Seiten. 22 Euro

 

Ein "Kick" mit der betrogenen Ehefrau

Eifersucht. Die dicken Romane des Norwegers – oft mit Harry Hole als Ermittler – sind ergiebiger. Aber manchmal braucht man ja  bloß einen kurzen Nervenkitzel, um danach  wieder in den Alltag entlassen zu werden. Jo Nesbø versucht’s mit sieben   Kurzgeschichten und einem Motiv: Eifersucht. So sitzt man z.B. im Flugzeug bleich  neben einer betrogenen Ehefrau, die Selbstmord begeht, indem sie sich umbringen lässt.

Jo Nesbø:
  „Eifersucht“
 Übersetzt von Günther Frauenlob.
Ullstein Verlag.
272 Seiten. 23,70 Euro

 

Der genialste Zeichenkurs

Peng. Das Buch des Oberösterreichers, der sich Peng nennt und Mayer heißt, geht um die Welt. Mach ein verkehrtes „U“ und ein schräg liegendes „U“ für Kopf und Nase. Und einen Strich, damit die Figur lächelt. Und rote Farbe für den Hintergrund. Coole Köpfe, tanzende Menschen, Giraffen, Katzen, Hunde, Bären – Schritt für Schritt. Der genialste Zeichenkurs, den’s gibt. Monatelang wird man kritzeln und mit Pinsel und Stift experimentieren.

Peng:
„Ich kann (nicht) zeichnen“
DuMont Verlag.
160 Seiten.
20,60 Euro

Zeichnung oben aus Pengs Zeichenbuch

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