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Literatur
10/14/2019

Buchpreis (1): Raphaela Edelbauer lässt die Leichen aus dem Keller

Die 29-Jährige ist mit "Das flüssige Land" im Finale 2019: Die österreichische Vergangenheit kommt hoch.

von Peter Pisa

Von der Wienerin Raphaela Edelbauer (Bild) war zu hören: Es gehe ihr nicht um ein Buch fürs heurige Herbstprogramm des Stuttgarter Klett Cotta Verlags.

Sondern?

Für die nächsten 100 Jahre habe sie „Das flüssige Land“ geschrieben.

Mutig ist ihre Feststellung. Recht hat sie. Wenn schon, denn schon. Allerdings: Zweifellos ist Hans Leberts nicht unähnlicher Roman „Die Wolfshaut“ (1960) ein österreichischer Jahrhundertroman.

Aber heute nur antiquarisch erhältlich; und Lebert, 1993 in Baden bei Wien gestorben, ist vergessen. Hochgelobt wurde er und dann, zur Sicherheit, vergessen.

Sein steirischer Ort, der für ganz Österreich steht, heißt „Schweigen“. Es regnet, es modert, die Vergangenheit, die nationalsozialistische Vergangenheit steigt hoch und stinkt gewaltig.

Auch Raphaela Edelbauers Ort ist in der Steiermark. Schwer zu finden. Irgendwo sitzt ein Maskenhändler, alle brauchen Masken, und stochert im Krautsalat. Dort ist Groß-Einland.

Einbetoniert

Ruths Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen, deren Wunsch war es, in Groß-Einland, wo sie aufgewachsen sind, beerdigt zu werden.

Ruth ist Physikerin. Sie will es schnell regeln und zurück in die Stadt. Sie wird Jahre in Groß-Einland bleiben ... wo die Leute schon immer alles Unangenehme ins Bergwerk unter dem Ort geworfen haben.

Zu den Zwangsarbeitern, die zu Kriegsende unten einbetoniert wurden, vielleicht noch lebend.

Jetzt kommt alles hoch. Die Vergangenheit kommt hoch. Die Erde verdaut nicht alles. Jedenfalls keine Kriegsverbrechen. Manchmal meldet sich eine Leiche: Hallo, ich bin noch da!

Die Straßen brechen auf, die Pflastersteine am Hauptplatz hat es herausgehoben, man muss zur Kirche klettern. Macht kaum jemand.

Das Loch verschlingt schmatzend Groß-Einland.

Und oberhalb , da steht ein Schloss wie von Kafka, eine falsche Gräfin übt Macht aus, ihr gehört der gesamte Ort, sie hat alle(s) gekauft samt Leichen in Keller und Garten.

Die Gräfin ist zwar ansprechbar, aber redet nicht übers Wesentliche. Das Loch hält sie für eine Unpässlichkeit. Ruth wird von ihr sofort vereinnahmt, um Füllmaterial soll sie sich kümmern.

Andererseits sollen Touristen geholt werden, und im Loch soll eine Schwebebahn entstehen. Die Blasmusik wird deshalb auf 400 Mann aufgestockt.

So verrückt kann es im Roman / in Groß-Einland gar nicht zugehen, dass man nicht an österreichische Verhältnisse erinnert wird.

Raphaela Edelbauer zieht einen nicht so tief hinein wie seinerzeit Hans Lebert. Soll heißen: Man versinkt nicht mit, sondern beobachtet alles vom Wald aus. Man wird selbst nicht schmutzig und kann sich über Literatur freuen, aus der ein Weg zwischen Vergangenheit und Gegenwart gebaut ist. Er ist sehr kurz.

 

Raphaela
Edelbauer:
„Das flüssige
Land“
Klett-Cotta.
350 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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