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Literatur
09/24/2021

Annie Ernaux und der Roman hinter dem Goldenen Bären

Die französische Schriftstellerin brauchte 40 Jahre, um über die verbotene Abtreibung 1963 zu schreiben: "Das Ereignis"

von Peter Pisa

Annie Ernaux taucht in ihre Erinnerung ein wie in ein Archiv; und nimmt an, dass sie dort andere trifft, die Ähnliches erlebt haben.

Bei „Die Scham“ waren es wahrscheinlich nicht so viele. Es ging darum, dass ihr Vater die Mutter umbringen wollte.

Die Französin ist kürzlich 81 geworden. Bevor sie sich als eine der interessantesten Schriftstellerinnen Frankreichs ihrem Schmerz stellt, vergehen oft Jahrzehnte. Der Abstand ist notwendig, trotzdem fällt es ihr schwer, die Gefühle zu beherrschen.

Schwanger

Bei „Das Ereignis“ dauerte es fast 40 Jahre, von 1963 bis 1999. Erst jetzt wurde das Buch ins Deutsche übersetzt; und die Verfilmung bekam vor wenigen Tagen in Venedig den Goldenen Löwen.

Es gehört Mut dazu, zum Schreiben, Schauen und zum Lesen. Das Lebensereignis ist eine Abtreibung – sie war damals verboten (wie heute in Texas): Der Frau drohte Gefängnis und Aufenthaltsverbot, dem Arzt zusätzlich Berufsverbot. (Sogar das Werben für Verhütungsmittel stand noch in den 1960ern unter Strafe.)

1963 war Annie Ernaux 23, Philosophiestudentin in der Normandie – und schwanger. Ihr Freund meldete sich nur, um mitzuteilen, wie schwierig die Lage sei.

Für sie stand die Abtreibung fest. In ihren damaligen Kalendereintragungen steht nie das Wort „schwanger“ – in alten Kalendereintragungen stehen „das Ding“ und „es“, um das Geschehene nicht näher kommen zu lassen.

Schrecklich klingt das. „Das Ereignis“ ist hart, alles wird so genau wie nie erzählt, um die Lebenswirklichkeit von Frauen nicht zu verschleiern: Sonst würde sich Ernaux als „Komplizin der männlichen Weltherrschaft“ fühlen ... die Engelmacherinnen produziert.

Einen Arzt fand sie nicht, aber Verzweiflung. Zitat: „Im Vergleich zu einer zerstörten Karriere wog eine Stricknadel in der Vagina nicht schwer.“

Notaufnahme

Was eine kleine graue Frau in Paris, eine Krankenschwester, für – nach heutiger Rechnung – 900 Euro mit ihr letztlich im Schlafzimmer anstellte, brachte Annie Ernaux Tage später in die Notaufnahme.

Wo sie ein junger Chirurg wie Dreck behandelte ... und nach dem Eingriff peinlich berührt war. Weil er seine Flegelhaftigkeit bereute? Weil er zu spät erfahren hatte, dass die Patientin nicht „irgendwer“ war, sondern ... eine Studierte!

Annie Ernaux kürzte in „Das Ereignis“ alle Namen ab. Den Namen des widerlichen Arztes hätte sie gern bekannt gemacht. Sie weiß ihn leider nicht.

 

Annie Ernaux:
„Das Ereignis“
Übersetzt von
Sonja Finck.
Suhrkamp Verlag.
104 Seiten.
18,95 Euro

KURIER-Wertung: *****

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