Kultur
02.10.2018

Bruegel-Jahrhundertschau in Wien: Moderner Blick aufs Theater der Welt

„Bruegel. Die Hand des Meisters“ (bis 13. Jänner) im Kunsthistorischen Museum

„Wir haben nicht zu hoffen gewagt, fast 30 Gemälde und knapp die Hälfte seiner Zeichnungen und Druckgrafiken in der ersten monumentalen Schau ausstellen zu können, die ausschließlich Pieter Bruegel dem Älteren gewidmet ist“, sagt Sabine Haag zur weltweit größten Schau dieses Superstars unter den alten Meistern des 16. Jahrhunderts mit dem Untertitel „Die Hand des Meisters“ im Kunsthistori-schen Museum Wien (KHM).

Die chronologisch angeordnete Jahrhundertschau ist der krönende Abschluss der KHM-Generaldirektorin nach zehn Jahren an der Spitze des Museums, ehe sie trotz ihrer großen Verdienste nicht zuletzt auch um die Wiedereröffnung der Kunstkammer nach einer für viele nicht nachvollziehbaren Entscheidung des damaligen Kulturministers Thomas Drozda abgelöst wird.

Details vergrößert

Präsentiert werden nach großen Projektionen zur Einstimmung neben dem KHM-Bestand von allein zwölf Ölbildern u.a. „Der Triumph des Todes“ aus dem Prado in Madrid, „Die Heuernte“ aus dem Palais Lobkowicz in Prag, „Die Anbetung der Könige im Schnee“ aus der Sammlung Oskar Reinhart in Winterthur und das Gemälde „Die Bucht von Neapel“ (1563), das erst nach der kürzlichen Restaurierung eindeutig Bruegel zugeordnet werden konnte.

Um die „materiellen Aspekte des Werks“ zu zeigen, ist „Die Kreuztragung Christi“ von vorne und hinten und ohne Rahmen zu sehen. „Um etwas von dem Wunder zu vermitteln, dass die Gemälde nach so langer Zeit überhaupt noch erhalten sind“, sagt eine der vier Kuratoren, Elke Oberthaler.

In den Kabinetten geht’s um die Details, die Ausschnitte, die Arbeitsmethodik: Untersuchung mit Infrarot, UV und Röntgen offenbaren die mit freiem Auge nicht erfassbare Schichten unter der Oberfläche. Die Unterzeichnungen verraten viel über Materialien, Komposition und Entstehungsprozess:

Wie hat Bruegel die komplexen Inhalte aufgebaut? Welche Figuren und Details hat er nachträglich hinzugefügt oder entfernt? Wie führt sein Pinselstrich den Betrachter durch die Bilder?

Aber auch 450 Jahre nach Breugels Tod geben sie noch Rätsel auf, etwa „Die tolle Grete“ (um 1562) mit ihrem Beutezug. Oder das Geheimnis der angeketteten Affen: 1562 malte Bruegel zwei Meerkatzen auf Eichenholz und setzte dabei die Grundstimmung von Gefangenschaft und stiller Sehnsucht der wehrlosen Tiere meisterhaft um.

Bruegel arbeitete mit einem unglaublichen Sinn fürs Detail. Seine „Wimmelbilder“ gehören zu den großartigsten Werken der Kunstgeschichte. Und in der berühmten „Bauernhochzeit“ ist eine Verordnung Karls V. im Bild festgelegt. Da die Feste der flämischen Bauern oft zu Ausschweifungen und Totschlag führten, verfügte der Kaiser 1546, dass eine Hochzeitsgesellschaft auf dem Land höchstes 20 Teilnehmer haben dürfe. Bruegel hielt sich auch an diese Weisung: Sein Gemälde zeigt nur 20 Personen.

Die Werkschau in Wien geht auf ein sechsjähriges internationales Forschungsprojekt zu Bruegel zurück, dessen Ergebnisse nun gezeigt werden. Für Kurator Manfred Sellink stehen die Technik, die Arbeitsweise, der kreative Prozess im Mittelpunkt: „Wie Andrei Tarkowski eine eigene Bildsprache im Film entwickelt hat, so ist das 400 Jahre vorher Bruegel in seinen Bildkompositionen gelungen.“

Digitales Angebot

Ergänzend und begleitend zur Ausstellung im Museum eröffnet die digitale Welt mit Zoom-Technik und hochauflösender Fototechnik ungeahnte Möglichkeiten der Bildbetrachtung.

„Inside Bruegel“ ist so konzipiert, „dass die zwölf Bruegel-Gemälde des KHM völlig neu erlebt werden können“, erklärt Projektleiter Frederik Temmermans. So könne jeder online die Bilder untersuchen und alle Einzelheiten erforschen, die man normalerweise als Ausstellungsbesucher gar nicht wahrnehmen kann.“

www.khm.at