Kultur
12/13/2018

Bruce Springsteen: „Mehr Leben, mehr Rock, mehr Liebe“

"The Boss" gibt mit der Solo-Akustik-Show "Springsteen On Broadway" berührende und witzige Einblicke in sein Privatleben

„Ich bin ,Mr. Born To Run‘, oder?“ Bruce Springsteen steht auf der Bühne des Walter Kerr Theatres am Broadway in New York und erzählt aus seinem Leben: „Ich wurde geboren, um meine Heimatstadt zu verlassen – dieses leblose, schwarze Loch, das mir nur die endlose Aneinanderreihung von Hausaufgaben, Kirche und Schule, Hausaufgaben, Kirche und Schule bieten konnte. Ich zog aus, um mehr Leben, mehr Rock ’n’ Roll, mehr Sex, mehr Liebe, mehr Hoffnung und vor allem mehr Wahrheit zu finden.“

Springsteen macht eine Pause und grinst: „Jetzt lebe ich zehn Minuten von meiner Heimatstadt entfernt . . . wer hat mir je den Scheiß in diesem Song geglaubt?“

So humorvoll leitet der Superstar bei seiner Show „Springsteen On Broadway“ den Song „Hometown“ ein. Diesen Samstag steht der Ausnahmemusiker mit der Mischung aus einnehmenden Erzählungen und akustischen Solo-Aufführungen einiger seiner berühmtesten Songs nach 236 Aufführungen zum letzten Mal auf der Bühne des nur 975 Zuschauer fassenden Theaters.

Überwältigend

Schon heute, Freitag, erscheint das Doppel-Album „Springsteen On Broadway“ mit allen Songs, aber auch den Erzählungen des 69-Jährigen. Und Netflix zeigt ab 16. Dezember die komplette, über zwei Stunden lange Show, deren Spielzeit wegen der überwältigenden Nachfrage von ursprünglich acht Wochen auf mehr als ein Jahr verlängert wurde.

Springsteen hat die Show entwickelt, nachdem er am Ende der Amtszeit von US-Präsident Obama gebeten wurde, im Weißen Haus eine Abschiedsshow für die dortigen Angestellten zu spielen. Da hatte er gerade die Autobiografie „Born To Run“ veröffentlicht, war nicht auf Konzert-Tour und hatte keine Band zu Verfügung. Also schlug er vor, ein bisschen aus dem Buch zu lesen und alleine ein paar Songs auf dem Klavier oder der Gitarre zu spielen.

Herausragend dabei ist die akustische Version von „Born In The USA“ mit ausgedehntem Slide-Gitarren-Intro und einer A-capella vorgetragenen ersten Strophe. Aber auch Songs wie „Thunder Road“, „Dancing In The Dark“ und „Land Of Hope And Dreams“ klingen in diesen leisen Solo-Interpretationen, die die sozialkritischen Aspekte dieser Klassiker in den Vordergrund heben, viel eindringlicher als in den hoch energetischen Rock-Versionen.

Die Songs „Tougher Than The Rest“ und „Brilliant Disguise“ singt Springsteen mit seiner Frau Patti Scialfa, und er erzählt dazwischen von der Liebe, die die beiden verbindet, seit er sie 1984 als Gitarristin und Background-Sängerin für die „Born In The USA“-Tour in seine Band holte.

Weichherzig

Großen Raum nimmt wie im Buch Springsteens Herkunft und Jugend in Freehold/New Jersey ein. Zutiefst berührend sind dabei die Geschichten über seinen Vater, der ihn in der Jugend immer verachtet hatte, weil der Sohn kein harter Mann, sondern ein schüchterner, zweifelnder, weichherziger Träumer war.

„Es gab mir das Gefühl, mich dafür schämen zu müssen, wer ich war“, erzählte Springsteen vor kurzem dem Esquire Magazine. „Ich war mehr wie meine Mutter, die zielstrebig, aber mit viel Mitgefühl für andere und offen und unbeschwert durchs Leben ging. Diese Art war meine Natur. Mein Vater sah das als Schwäche.“

In „Springsteen On Broadway“ erzählt der Amerikaner aber auch, wie er sich mit seinem Vater „nach einem lebenslangen Kreuzzug, das zu verarbeiten“, aussöhnte. Und er gibt den Hörer viel zum Lachen. Wenn er sich zum Beispiel selbstironisch daran erinnert, wie er als Siebenjähriger Elvis Presley im Fernsehen sah und seine Welt danach eine andere war. Oder daran, wie er Gitarrenunterricht nahm, den aber nach zwei Wochen abbrach, weil der Lehrer ihm Fingerübungen beibrachte, anstatt ihm die drei, vier Akkorde zu zeigen, die ein Rock-Song braucht – zusätzlich zu dem Wichtigsten, „dem Risiko, sich treu zu bleiben“.

Weisheit

Mit diesem Credo spürt Springsteen seit den frühen 70er-Jahren in seinen Songs nicht nur seiner Herkunft und Geschichte, sondern auch der amerikanischen Volksseele und den sozialen und politischen Problemen seiner Nation nach – immer weit mehr mit der Weisheit des Herzens als der des analytischen Verstandes. „Springsteen On Broadway“ zeigt – vielleicht deutlicher als jedes bisherige Album – wie effektiv „The Boss“ dabei war und immer noch ist.