Kultur
22.06.2018

Brendon Urie von Panic! At The Disco: Immer her mit der Angst

Nach seinem Musical-Debüt schrieb der Amerikaner für das Album "Pray For The Wicked" Hymnen auf das Risiko.

Mitte Mai 2017, Broadway, New York. Am Abend hat Brendon Urie Premiere in seiner Rolle als Charlie Price in dem Musical „Kinky Boots“. Bei der Durchlaufprobe am Nachmittag fällt ihm ein Glas aus der Hand und zerbricht.

„Ich war vor Schock wie erstarrt“, erzählt der Sänger von Panic! At The Disco im Interview mit dem KURIER. „Die anderen im Ensemble hoben die Scherben auf und machten weiter, als wär nichts gewesen. Aber ich dachte, jetzt habe ich alles versaut. Und das war nicht der einzige ,Warum habe ich mir das angetan?’-Moment!“

Aber für genau diese Momente nahm Urie die Rolle an: „Es war mein Kindheitstraum, am Broadway zu singen. Als Bub habe ich Musicals wie ,Les Miserables’ und ,The Sound Of Music’ geliebt. Trotzdem machte mir die Rolle anfangs Angst. Ich hatte noch nie zuvor Theater gespielt und musste noch dazu mit einem britischen Akzent sprechen. Aber gerade weil es so ein Horror war, war es auch so lohnend. Es gibt keinen besseren Schub für das Selbstvertrauen, als Ängste zu überwinden. Ich brauche solche Herausforderungen, um mich lebendig zu fühlen.“

Kein Kompromiss

Jetzt verarbeitet Urie diese (und andere) Karriere-prägende Erfahrungen in „Pray For The Wicked“, dem soeben erschienen neuen Album von Panic! At The Disco. 14 Jahre nach der Gründung ist er das letzte verbliebene Mitglied der Band und muss im Sound keine Kompromisse mehr eingehen. Deshalb hört man der Platte seine Liebe für glamourösen Pop und breite Melodien deutlich an. Er paart das mit perkussiven Rhythmen, dichten Bläsern und schrulligen, elektronischen Einschüben.

In den Texten geht es um das Überwinden von Grenzen, um große Träume, die zu großen Triumphen führen. „Ich habe mich lange genug mit Mittelmaß zufrieden gegeben“, sagt der 31-Jährige. „Ich kam als Ersatzgitarrist zu Panic! At The Disco, war deshalb anfangs total unsicher. Ich dachte immer, ich habe kein Recht, zu sagen, was ich will. Und ich wollte niemandem auf die Zehen treten. Jetzt bin ich der einzige, der noch da ist, weil ich der einzige bin, der die Musik noch genauso liebt wie zu Beginn. Das gibt mir Selbstvertrauen.“

Mormonen-Brauch

Aber auch der Erfolg gibt ihm Selbstvertrauen. Das vorige Album „Death Of A Bachelor“ – das erste, das er ganz alleine aufgenommen hat – war das erste Werk von Panic! At The Disco, das Platz eins der Charts eroberte. Mit ein Grund, warum er jetzt für seine Mutter den Song „Hey Look Ma, I Made It“ geschrieben hat.

„Ich bin in Las Vegas in einer Mormonen-Familie aufgewachsen“, erzählt Urie. „Da ist es Brauch, dass man eine gute Ausbildung macht, dann ein Jahr auf Mission für die Kirche geht, sich danach einen Job sucht und eine Familie gründet. Das wünschte sich meine Mum auch für mich. Als ich ihr eröffnete, dass ich eigentlich ein Atheist bin und in der Band spielen will, brach für sie zuerst einmal eine Welt zusammen. Sie dachte, ich werde ewig ein hungernder, mit dem Leben kämpfender Musiker sein. Aber nach drei Wochen kam sie zu mir und sagte: ,Du bist mein Sohn und ich liebe dich. Was immer du tun willst, ich werde dich unterstützen.“

Auch wenn Urie es nie aufgeben will, Gefühle wie diese in eigene Songs zu packen („Das macht mir Gänsehaut“), ist er schon in Gesprächen für das nächste Musical. Und wie steht es mit Film-Rollen? „Oh ja, das ist natürlich auch ein großer Traum. Und es macht mir Angst – also her damit!“