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Kirill Serebrennikow bei dem Gerichtsprozess

© APA/AFP/ALEXANDER NEMENOV / ALEXANDER NEMENOV

Kultur
06/26/2020

Nach Schuldspruch: Regisseur Serebrennikow bleibt in Freiheit

Der Fall Kirill Serebrennikow beschäftigt die russische Justiz und die Kunstwelt seit rund drei Jahren. Der umstrittene Prozess in Moskau wegen angeblicher Veruntreuung führte zu Bewährungsstrafe.

Ein russisches Gericht hat den Starregisseur Kirill Serebrennikow in einem umstrittenen Verfahren schuldig gesprochen. Der 50-Jährige wurde wegen Veruntreuung von Fördergeldern verurteilt, wie das Bezirksgericht am Freitag in Moskau entschied.

Serebrennikow bleibt aber in Freiheit. Das Gericht verurteilte ihn zu drei Jahren Haft - die Strafe wurde aber zur Bewährung ausgesetzt. Es sei nicht nötig, ihn von der Gesellschaft zu isolieren, sagte die Richterin Olessja Mendelejewa am Freitag der Agentur Interfax zufolge.

Verbot, ein Theater zu leiten

Sie verhängte aber ein Verbot gegen ihn, weiter als Theaterdirektor zu arbeiten. Zudem sollten er und sein Team die veruntreute Summe von 129 Millionen Rubel (1,6 Millionen Euro) in die Staatskasse zurückzahlen. Vor dem Gerichtsgebäude brach Jubel unter den Demonstranten aus.

Serebrennikow ist auch im deutschen Sprachraum ein gefragter Künstler.  Im April 2021 soll seine Inszenierung von Richard Wagners "Parsifal" in der Wiener Staatsoper zu sehen sein.

Das Verfahren gilt als Schauprozess gegen die liberale Kunstszene in Russland. Beobachter des Verfahrens kritisierten, dass keine Beweise vorgelegt wurden. Hunderte Menschen, darunter viele Schauspieler, hatten trotz eines Demonstrationsverbots wegen der Coronapandemie in Moskau gegen das Urteil protestiert. Fans des mit vielen internationalen Preisen ausgezeichneten Filme- und Theatermachers hatten geweint, als Richterin Mendelejewa das Urteil verkündete.

Serebrennikow will weiter kämpfen

Serebrennikow will seine Verurteilung bekämpfen. Er sei nicht zufrieden mit dem Urteil, sagte er am Freitag der Agentur Interfax zufolge in Moskau, als er den Gerichtssaal verließ. Das Urteil sei noch nicht rechtskräftig, betonte Serebrennikows Verteidiger Dmitri Charitonow. Er wolle dagegen Einspruch einlegen.

Der Regisseur verließ unter Beifall seiner Fans das Gerichtsgebäude und sagte: "Danke für Eure Unterstützung. Danke, dass Ihr an unsere Unschuld glaubt. Für die Wahrheit muss man kämpfen." 

Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Haft beantragt. Drei Jahre hatte das Verfahren gedauert - mit Serebrennikow standen auch seine drei Kollegen Sofja Apfelbaum und Alexej Malobrodski sowie Juri Itin vor Gericht. Malobrodski und Itin wurden ebenfalls verurteilt, Apfelbaum verließ ohne Strafe den Gerichtssaal. Die Richterin warf dem Künstlerteam vor, eine Gruppe für einen kriminellen Plan zur eigenen Bereicherung gegründet zu haben.

Zahlreiche russische Künstler veröffentlichten im Vorfeld der Urteilsverkündung Videos, in denen sie ein ungerechtes Justizsystem beklagten. Viele Schauspieler, Sänger und Kulturschaffende erschienen am Freitag vor dem Gerichtsgebäude in Moskau. Sie empfingen Serebrennikow mit Beifall. Viele trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Free Kirill!", insgesamt seien etwa 400 Menschen dort, wie ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur berichtete.

Russische Kulturschaffende bezeichneten das Verfahren als Versuch, die "moderne Kunst" in dem Riesenreich endgültig zu beerdigen. Es habe keine Beweise gegeben, betonte auch die Verteidigung.

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Als Richterin Olessja Mendelejewa am Freitag das Urteil verkündete, zeigten sich die Menschen vor dem Gerichtssaal tief betroffen, es flossen Tränen.

Die Richterin verlas das Urteil leise, schnell und mit monotoner Stimme, legte am späten Vormittag auch eine Pause ein. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte der Agentur Interfax zufolge, dass der Fall analysiert werden müsse - auch mit Blick auf staatliche Finanzierung der Kultur.

In einer Videoschaltung des Senders Echo Moskwy, der über die Urteilsverkündung live im Internet berichtete, sagte der wegen der schwierigen Lage für die Kultur in Russland ausgewanderte Kunstexperte Marat Gelman, dass sich Serebrennikow Feinde im Kreml gemacht habe. Serebrennikow habe sich aber niemals bereichert, betonte er. Der Theatermacher soll 129 Millionen Rubel (1,6 Millionen Euro) unterschlagen haben.

Keine Beweise vorgelegt

Der Starregisseur übt in seinen Filmen und Theateraufführungen immer wieder auch Gesellschaftskritik. Serebrennikow hatte in seinem Schlusswort am Montag seine Unschuld beteuert und hervorgehoben, dass in dem Verfahren keine Beweise vorgelegt worden seien. Zugleich räumte er ein, dass die Buchhaltung seines Theaters schrecklich organisiert gewesen sei. Er verstehe aber nichts von Buchhaltung und Finanzen, sagte er. Deshalb gebe es Experten dafür. Eine Buchhalterin hatte Serebrennikow belastet. Ihr Fall wird in einem getrennten Verfahren behandelt.

People wait for a verdict in the trial of Russian theatre director Serebrennikov in Moscow

Entsetzen im In- und Ausland

Der Schuldspruch hat in Russland und darüber hinaus breites Entsetzen ausgelöst. Der prominente Rapper Oxxxymiron (Oksimiron) rief seine zwei Millionen Follower bei Instagram auf, zum Gerichtsgebäude zu kommen, um gegen inszenierte Strafverfahren in Russland zu demonstrieren. Auch die deutsche Theaterszene protestierte gegen die Verurteilung Serebrennikows, der unter anderem für Bühnen in Berlin, Stuttgart und Hamburg gearbeitet hatte. 

Deutsche Theaterschaffende forderten am Freitag bei einer Demonstration vor der russischen Botschaft in Berlin seine Freilassung. Wie die Dramaturgin Birgit Lengers schilderte, wurde vergeblich versucht, dem Botschafter eine Unterstützerliste mit 56.000 Unterschriften zu überreichen. Bei dem Protest seien schätzungsweise 120 Menschen gewesen, so Lengers, die den internationalen Bereich des Deutschen Theaters Berlin leitet.

#freekirill

Im Internet gab es Solidaritätsbekundungen unter dem Schlagwort #freekirill. Die Schaubühne Berlin betonte, dass es Anschuldigungen gebe, "die in dem seit 2017 laufenden Strafprozess in keiner Weise belegt werden konnten". Das Theater sei "fassungslos und empört", dass Serebrennikow mehrere Jahre in einem Gefängnis verbringen solle.

Auch der deutsche Schauspielstar Lars Eidinger rief zur Demonstration vor der diplomatischen Vertretung auf.

"Regime gegen alles Lebendige"

Russland erlebe gerade die "Wiedergeburt einer stalinistischen Repressionsmaschine", sagte unterdessen die prominente Kulturexpertin Irina Prochorowa im Radiosender Echo Moskwy. Der Philosoph Leonid Gosman sprach von einem "echten Hass" des Machtapparats gegen Serebrennikow. "Das ist ein Regime, das gegen alles Lebendige, gegen alles Talentierte ist", sagte er in einer Videoschaltung der Internetplattform des Radiosenders.

Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sowie internationale Stars hatten sich für den Filme- und Theatermacher eingesetzt. Serebrennikow leitet in Moskau das populäre Theater Gogol-Zentrum. In Deutschland inszenierte er oft in Abwesenheit, weil er im Hausarrest saß und auch nach seiner Freilassung nicht reisen durfte.Tausende Kulturschaffende in Russland haben einen Unterstützerbrief für Serebrennikow unterzeichnet.