© Filmladen

50. Viennale
10/29/2012

Brandauer: Sexualforscher im Holzfällerhemd

Klaus Maria Brandauer ist nach zehn Jahren wieder in einem österreichischen Film zu sehen: als Sexualforscher Wilhelm Reich.

Er war einer der Letzten, der auf die Bühne gerufen wurde – und wollte gleich auch wieder von ihr herunter: Klaus Maria Brandauer, gewichtiger Star in Antonin Svobodas neuem "The Strange Case of Wilhelm Reich" (Kinostart: 11. Jänner). Der Film über den legendären österreichischen Emigranten und Sexualforscher feierte auf der Viennale seine Weltpremiere.

Gerade noch habe er die große Leinwand dominiert, grummelte Brandauer, und jetzt müsse er hier als Zwerg vor einer Leinwand stehen: "Eine Bühne vor einer Kinoleinwand ist eine falsche Bühne."

Überhaupt machten es Regisseur und Hauptdarsteller der Moderatorin dieses Gala-Abends nicht leicht. Warum man auf Englisch gedreht habe, wollte sie wissen. "Weil es in Amerika spielt". Aha.

Und wie lange sich Brandauer auf die Rolle vorbereitet habe? "69 Jahre, also mein Leben lang."

Nun, er hätte sich vielleicht noch länger vorbereiten sollen. Der große Klaus Maria Brandauer, nach zehn Jahren ("Jedermanns Fest", 2002) endlich wieder in einem österreichischen Film zu sehen, überzeugt leider nicht. Womöglich nicht zuletzt deshalb, weil man ihn ins Korsett der englischen Sprache gezwängt hat. So konnte sich das Brandauerische in Brandauer, seine sonst so faszinierenden Spielfreudigkeiten und Manierismen, einfach nicht entfalten. Stattdessen gab es viele hölzerne Dialoge im Holzfällerhemd, die versuchten, die Wilhelm Reich’sche Orgasmus-Theorie und sein etwas dubioses Orgon-Universum zu erklären.

Sexuelle Revolution

Wilhelm Reich, der sich mit Freud überworfen hatte, ging im Bereich der Körper-Psychotherapie eigene Wege. In der 68er-Bewegung wurde er gar als Begründer der sexuellen Revolution gefeiert. Unter den Nazis hatte er in die USA emigrieren müssen.

Antonin Svobodas Film konzentriert sich auf Reichs letzte Jahre, Rückblenden inklusive. Reich verkaufte zu diesem Zeitpunkt Holzkabinen als Therapiezellen und versuchte, Regen zu machen. Damit machte er sich im konservativen Amerika verdächtig, wurde prompt als Scharlatan verhaftet und landete im Gefängnis.

Regisseur Svoboda ("Spiele Leben", "Immer nie am Meer") hatte bereits eine Doku über diesen Mann gemacht und reichte nun seinen Spielfilm nach. Das Ergebnis ist ein lebloses, statisches Historienstück, in dem das Waldviertel Amerika spielt: Was in Pennsylvania stattfand, wurde in Niederösterreich gedreht – und sieht wirklich gut aus. Ebenso wie die unaufgeregte Ausstattung samt der eleganten Kostüme der 50er-Jahre.

Warum er sich so lange mit dem Wissenschaftler beschäftigt habe, will die verzweifelte Moderatorin noch wissen. Svoboda: "Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich irgendwann draufkommen."

Viennale-Ausblick: Weitere Österreicher und Halloween-Grusel

Auch der österreichische Filmemacher Florian Flicker meldet sich zurück: Für seine freie Adaption von Karl Schönherrs Drama "Der Weibsteufel" von 1914 wurde er bei dem Filmfestival in Sarajewo preisgekrönt. "Grenzgänger" ist eine Dreiecksgeschichte u.a. mit Andreas Lust und sieht mal aus wie ein Western, mal wieder wie ein Schmugglerfilm. (30. 10., Gartenbau).

Mit großen Vorschusslorbeeren bedacht auch der neue österreichische Film des Regiepaares Tizza Covi und Rainer Frimmel: "Der Glanz des Tages" , in dem der Schauspieler Philip Hochmair plötzlich Besuch von seinem bis dahin unbekannten Onkel Walter erhält, einem Ex-Bärenringer (31. 10., Gartenbau).

Und am Samstag steht die Weltpremiere von Peter Kerns "Diamantenfieber" auf dem Programm: Josef Hader spielt einen zwielichtigen Juwelenhändler (3. 11., Gartenbau). Wer’s unösterreichisch bevorzugt, dem sei – passend zu Halloween – die Möglichkeit ans Herz gelegt, John Carpenters großartig gruseliges "The Thing" (1981) einmal im Kino zu sehen. Davor gibt’s noch das Original von 1951, "The Thing From Another World" (31. 10., Gartenbau).

Geldnot: Filmfestivals rebellieren

Ganze 770.000 Euro seien nicht genug für 18 österreichische Filmfestivals. Im Rahmen der Viennale findet heute, Dienstag, eine Podiumsdiskussion zur angespannten finanziellen Lage heimischer Filmfestivals statt. Die drei größten unter ihnen – Viennale, Diagonale und Crossing Europe – schöpfen davon den Löwenanteil ab. 18 Festivals haben sich nun österreichweit zusammengeschlossen und fordern gemeinsam mehr Geld: Schließlich sorge man für 230.000 Kinobesucher jährlich und biete mehr als 1800 Filme. In der mit Österreich durchaus vergleichbaren Schweiz würden in nur 13 Festivals 2,9 Mio. Euro fließen: also etwa das Vierfache.

INFO: "Raus aus der Kommastelle!" – Präsentation des Forums österreichischer Filmfestivals am Dienstag, 20.30 Uhr im Viennale Festivalzentrum, Dominikanerbastei 11.

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