Lebt in einer Dachgeschoßwohnung, vollgestopft mit Büchern: Vera Borek (78)

© Kurier/Gerhard Deutsch

Kultur
02/16/2019

Borek über Qualtinger: „Das ganze Café Gutruf hat gelacht“

Vera Borek erzählt mit trockenem Witz aus ihrem Leben: über ihre Liebe zu Helmut Qualtinger und den Kampf gegen den Alkohol

von Thomas Trenkler

Am Sonntag (17. Februar) um 11 Uhr bringt Vera Borek, Witwe nach Helmut Qualtinger, zusammen mit Eduard Wildner im Theater Akzent Lieder, Gedichte und Essays von Erich Kästner zu Gehör – unter dem Titel „Noch immer die alten Affen“, zusammengestellt von Susanne Höhne. Die Schauspielerin mit der markanten Stimme empfing den KURIER in ihrer mit Büchern vollgestopften Dachgeschoßwohnung am Rudolfsplatz.

KURIER: Wollen Sie das Interview vor Drucklegung gegenlesen?

Vera Borek: Nein. Ich vertraue Ihnen. Und wenn Sie „die alte Mumie“ schreiben sollten: Es stimmt ja auch. Was wollen Sie denn wissen? Ich kann aber kein Referat zu Erich Kästner halten. Ich weiß nur, dass er ein wunderbarer Mensch war. Ich hege eine große Bewunderung für ihn. Er ist nicht raus aus NS-Deutschland – und hatte große Querelen. Denn auch seine Bücher wurden verbrannt.

Sie wurden 1940 in Breslau geboren.

Meine Mutter ist aus Kattowitz, meine Großmutter hatte eine Pension. Mein Vater kam aus Wien, um einen Freund zu besuchen. Dort lernte er „die Tochter des Hauses“ kennen. Dann haben sie geheiratet und sind nach Breslau. Am dortigen Opernhaus war meine Mutter Sängerin. Meine Eltern – das rechne ich ihnen hoch an – waren nie in der Partei. Das sagen vielleicht viele, aber Sie können es mir glauben! Das war schwer in so einem Betrieb wie einer Oper. Mein Vater war selbstständiger Lederhändler, aber meine Mutter wurde immer getriezt und war immer unter Druck.

Anfang 1945 wurde Breslau von der Roten Armee eingekesselt, bis zum Ende der Schlacht am 6. Mai, zwei Tage vor der deutschen Kapitulation, fanden schwere Häuserkämpfe statt, zwei Drittel aller Gebäude wurden zerstört. Haben Sie noch Erinnerungen daran?

Ein bisschen. Ich hab’ natürlich mitgekriegt, wenn die Eltern geweint haben. Die Kinder und Frauen waren wegen der Kämpfe evakuiert. Mein Vater bekam einen Schuss ins Bein. Wir haben ihn gesucht und in einem Spital gefunden. In der Nachkriegszeit zogen die Polen zu. Und dann sind wir abgehauen. Nach Wien. Wann genau, weiß ich nicht mehr. Ist ja schon ein bissl her. Wir waren sehr arm. Hier hat meine Mutter kein Engagement mehr bekommen, sie war sehr verzweifelt. Daher hab’ ich mir gedacht: Ich will immer brav an einem Theater sein.

Warum Schauspielerin?

Mit fünf wollte ich Sängerin werden. Aber dann kam ich drauf, dass ich keine Stimme dafür hab. Und die braucht man schon. Meinen Eltern war alles recht, Hauptsache es wurde irgendwas aus mir. Denn ich war keine gute Schülerin. Mit Schauspielerin waren sie gleich einverstanden. Ich hab’ immer gern gelesen. Und wegen meiner Mutter als Kattowitzerin hab’ ich ein reines Deutsch gesprochen. Später wurde ich oft veräppelt. Taxifahrer haben mich gefragt: „Kommen S’ auf Urlaub?“ Denen hab’ ich eine Gosch’n ang’hängt! Dann wussten sie, dass ich keine Deutsche bin.

Ihr erstes Engagement hatten Sie in Bochum – bereits mit 17.

Sie wissen ja viel besser über mich Bescheid als ich! Meine Mutter musste den Vertrag unterzeichnen, weil ich minderjährig war.

Wie kam es überhaupt dazu?

Ich war in Hannover in der Schauspielschule. Bochum hat immer so ein Begabten-Jahr vergeben. Das hab’ ich gewonnen. Danach bin ich nach Münster. Von dort nach Wiesbaden. Und dann Hamburg.

Thalia Theater, geholt von Boy Gobert. Ja. Ich hatte mir gesagt: Wenn ich es nicht bis 30 schaffe, in die erste Reihe zu kommen, dann hat es keinen Sinn. Was ich dann gemacht hätte, weiß ich nicht. Ich war sieben Jahre am Thalia Theater – und das war meine schönste Zeit. Wirklich herrlich. Hübsche Wohnung gehabt. Und dann hab’ ich den Herrn Qualtinger kennengelernt – in Hamburg.

Sie sollen schüchtern gewesen sein.

Ich hab’ mich nicht rangeschmissen. Ich kannte die Texte von Helmut Qualtinger, hab ihn sehr verehrt. Ich fiel ihm halt auf. Wir hatten ein Gespräch, und zum Schluss sagte er: „Hier haben’s meine Karte. Rufen S’ mich halt mal an!“ – „Ich ruf’ Sie bestimmt nicht an!“ Aber ich hab’ gezittert und gewartet. Und nach drei Tagen hat er angerufen. Er nahm mich mit zu einem Empfang ihm zu Ehren. Ich kaufte mir – nur nebenbei, das ist ja wirklich nicht wichtig – ein neues Kleid. Und dann sind wir die ganze Nacht in der Küche gesessen. Das ist das berühmte erste, lange Gespräch.

Dass Sie ein Paar werden, war klar?

Sofort. Ich hab’ mich noch einmal von ihm losgerissen – und selbst diese eine Nacht bereut. So was Blödes! Er hat in Hamburg inszeniert, gespielt, gelesen. Und dann war das erschöpft.

Qualtinger wollte zurück nach Wien?

Ja, sicher, er war ja ein Wiener par excellence. Ich bin mitten in der Spielzeit aus dem Theater, das hat mir der Gobert nie verziehen. Wir sind nach Wien und haben uns zusammen eine Wohnung gesucht. Im Heiligenkreuzerhof, 200 Quadratmeter, dort konnte er sich bewegen.

Er hat seine erste Frau wegen Ihnen verlassen?

Ja. Das passiert ja in vielen Familien. War schwer genug. Nur der André Heller hat seine erste Frau sehr gemocht. Es gab dann keinen großen Kontakt mehr zu ihm.

 

 

Qualtinger hat viel getrunken.

Ja, leider. Aber wir haben – unter meiner Ägide – viel dagegen unternommen. Wir haben gekämpft, waren in Sanatorien und was weiß ich was. Und einmal hat er es fast ein Jahr lang geschafft. Dadurch habe ich, glaube ich, ein paar Jahre herausgeschunden. Aber er hat gelebt mit Alkohol. Was soll man machen?

Schon als Sie ihn kennenlernten?

Ja. Aber damals war es noch nicht lebensbedrohend. Es war fesch für mich. Und ich hab’ manchmal auch mitgemacht – in Maßen. Weil ich es so wunderbar fand, wenn er privat gespielt hat, wenn er Menschen imitiert hat, vom Doderer angefangen. Es war köstlich! Das ganze Café Gutruf hat gelacht. Als Star – das kann man doch sagen – hat er sehr viel verdient. Es war nur alles gleich wieder weg. Er hat immer das ganze Lokal eingeladen.

Was hat er am liebsten getrunken?

Keinen Wein, den hat er nicht vertragen. Meistens Bier. Und natürlich heimlich Schnäpse. Ich hab’ die Kellner bestochen. Es gab eine Flasche nur für ihn – mit extra viel Wasser. Er sagte dann: „Des schmeckt mir a nimma.“

Sie waren an seiner Seite, haben aber immer auf Eigenständigkeit geachtet.

Ja. Ich war anfangs sehr unglücklich. Weil mir aufgegangen war, dass ich mein schönes Engagement in Hamburg sausen ließ. Dann rief der Gustav Manker an. Er kannte mich aus Hamburg. So kam ich 1975 ans Volkstheater. Mit „Roulette“ bin ich eingestiegen. Ich war so eine Edelnutte, die im Bordell Rebellen versteckt. Und dann hat mich der Hans Gratzer an sein Schauspielhaus geholt.

Waren Sie zerrissen zwischen Volkstheater und Schauspielhaus?

Nein. Das Schauspielhaus war mein Haus. Dort habe ich Tage und Nächte verbracht. Und es ging sich immer gut aus, wenn etwas im Volkstheater war. Fest engagiert worden bin ich erst unter Emmy Werner.

Qualtinger soll Sie, war im „profil“ zu lesen, einmal betrogen haben.

Das war furchtbar. Weil es beim „König Lear“ so lange gedauert hat, bis wir alle tot waren. Da hat er sich währenddessen verlustiert. Dass er mich betrügt: Das hätte ich nicht gedacht. Nie! Weil er so ein anständiger Mensch war. Drei Wochen hat das gedauert. Und dann haben wir geheiratet. Um das zu besiegeln.

Das war 1982. Sie haben ihm gleich verziehen?

Es blieb mir nichts Anderes übrig. Ich war richtig krank, nahm zehn Kilo ab, hab auf der Bühne gezittert. Das war ja kein Zustand! Im Ganzen waren wir 17 Jahre zusammen. Und verheiratet fünf Jahre.

Qualtinger war ein großartiger Kabarettist, er interpretierte die Songs von Gerhard Bronner, er spielte den „Herr Karl“ und so weiter. Was war, Ihrer Meinung nach, noch wichtig?

Die Lesungen. Aus „Mein Kampf“ zum Beispiel. In Nürnberg – ausgerechnet! – haben sie leere Bierflaschen auf die Bühne geschmissen. Ich wollte ihn schon holen. Aber er blieb bis zum Schluss fest auf dem Stuhl sitzen.

Welche Lesungen haben Sie mit ihm bestritten?

Texte, in denen sich Ehepaare streiten. Wiener Literatur, Johann Nestroy, Karl Kraus. Er hat die Abende zusammengestellt. Beim ersten Mal sagte ich: „Wir müssen doch eine Probe machen!“ – „Was? Probe? Das kannst schon!“ Da ist mir erst aufgegangen, mit wem ich auftrete. Ich hatte Federn. Und hab’ mich reingeschmissen. Als junge Frau neben Qualtinger auf der Bühne zu sitzen: Das war schon was.