Kultur
27.10.2018

"Bohemian Rhapsody": Bilder bleiben, Emotionen verblassen

Essay: Am Ende einer Ära wirft der Queen-Film erneut die Frage nach dem Umgang mit dem Erbe der Rock-Ikonen auf.

Menschenmassen bewegen sich auf das Londoner Wembley Stadion zu. Sie strömen zu „ Live Aid“. Man hört aufgeregte Radioreporter über dieses größte Rock-Konzert der Welt berichten.

Das sind die ersten Szenen von „ Bohemian Rhapsody“, dem filmischen Porträt von Queen und ihrem Sänger Freddie Mercury. Ich sehe sie und bin skeptisch. Ich war damals dort, am 13. Juli 1985 in Wembley. Ich erinnere mich an Empfindungen, die die Kinoleinwand mit diesen Szenen nicht vermitteln kann – an das erhebende Gefühl, Teil von etwas Weltbewegendem zu sein.

 

Der Film schwenkt auf die Ankunft von Queen im Backstagebereich um. Die Gitarre von Brian May, die er mit seinem Vater gebaut hat, wird zur Bühne gebracht. 1984, nach einem Interview im Tonstudio in München, hat Brian mich dieses kostbare Einzelstück spielen lassen.

Auf der Leinwand läuft derweil Rami Malek, der in " Bohemian Rhapsody“ die Rolle von Mercury übernommen hat, auf den Vorhang zur „Live Aid“-Bühne zu. Er dreht sich um – und irgendetwas in mir sträubt sich: Es fühlt sich falsch an, jetzt nicht Freddies Gesicht zu sehen. Dazu habe ich zu viele Erinnerungen an ihn. Ich durfte ihn interviewen, habe ihn dutzende Male auf der Bühne gesehen, bei Aftershow-Partys erlebt, konnte Queen als Journalistin in der letzten Karriere-Phase begleiten. Will ich mir diese  auch heute noch so lebhaften Erinnerungen an meine Realität von den Visionen eines Hollywood-Dramas überlagern lassen?

Perfekte Mimik

Weil „Bohemian Rhapsody“ nach der „Live-Aid“-Introszene auf die Band-Gründung zurückkommt, verfliegt meine Skepsis bald. Da war ich nicht dabei, dazu habe ich keine eigenen Bilder. Hauptsächlich ist die schwindende Skepsis aber den Schauspielern zu verdanken, die den Queen-Musikern nicht nur ähnlich sehen, sondern auch deren Mimik und Körperhaltung perfekt rüberbringen. Es reißt mich, als Gwilym Lee, der Brian May spielt, seinen ersten Satz sagt. Sein Tonfall ähnelt May so sehr, dass ich denke, der Gitarrist spricht selbst. Noch wichtiger: Rami Malek hat Mercurys Gestik so verinnerlicht, dass er absolut glaubwürdig ist.

 

Erst mit ihm begann das Projekt Form anzunehmen. Der anfangs als Mercury gehandelte Sasha Baron Cohen stieg aus, weil er zu lange auf seinen Vertrag warten musste. Denn ursprünglich lehnten May und Drummer Roger Taylor die Idee, einen Film über Mercurys Leben zu machen, ab. „Sie wurde aber so oft an uns herangetragen, dass wir erkannten: Wenn wir uns nicht einbringen, machen andere diesen Film alleine“, erklärt May. „Und dann könnten wir Freddies Andenken nicht schützen.“

 

Das Ziel: „Weil Freddie immer als der extravagante Showmann gesehen wurde, wollten wir ihn als den großartigen Musiker zeigen, der er war, aber auch seine Sensibilität porträtieren.“ Zwei Anliegen, die offenbar zu viel für einen Film sind. Die ersten zehn Karriere-Jahre, die Queen zu Weltstars machten, werden in ein paar Schlüsselszenen abgehandelt. Zu schnell, um spürbar zu machen, wie Queen zur „Familie“ zusammenwuchsen.

 

Schnell konzentriert sich „Bohemian Rhapsody“ nur auf Mecurys Sensitivität und die AIDS-Erkrankung, vermittelt das Gefühl, der Sänger wäre immer einsam und traurig gewesen. Da hakt es wieder zwischen den Leinwandbildern und meiner Realität. Ich erinnere mich an einen Freddie, der schon nachdenklich sein konnte, meistens aber witzig war und immensen Spaß am Leben hatte.

Faszination

Bohemian Rhapsody“ wirft so wieder die Frage auf, wie man zukünftigen Generationen die Faszination und Ausstrahlung ikonischer Rockstars begreiflich machen kann. Biografische Fakten stehen im Wikipedia. Aber wie kann man sie an der mitreißenden Energie von Shows von Queen, Prince oder Bowie, teilhaben lassen? Mit Musicals, die Klassiker der Rockgeschichte umdeuten und sie so der Aussage des Künstlers berauben? Sicher nicht!

 

Mit einer Doku? Vielleicht. Aber selbst die kann nie alle Facetten einer charismatischen Persönlichkeit erfassen. Da ist eine Filmbiografie schon ein gutes Mittel – wenn sie wie bei Queen mit Beteiligung derer gemacht ist, die dabei waren, die Wahrheit zeigen können, und das auch tun, weil die dramatisch genug ist und sie auch fürs Bankkonto keine reißerische Überzeichnung brauchen.

Aber vermutlich ist es gar nicht möglich, die emotionale Ebene dieser Ära, deren Ende schon begonnen hat, adäquat in die Zukunft zu tragen. Als ich aus dem Kino gehe, bin ich traurig, dass sie vorbei ist. Und dankbar, dabeigewesen zu sein.

 

INFO

"Bohemian Rhapsody" läuft in Österreich am 31. Oktober an.