Indigene Künstlerin Bobbi Lockyer: "Wir wollen nicht unter einem Baum gebären"
Bobbi Lockyer sticht ins Auge: Zum Interview kommt sie mit pinken Haaren und in bunter Kleidung. Farbe ist ihr Markenzeichen, auch das ihrer Kunst. Die indigene Fotografin, Malerin und Designerin aus Australien ist Teil des diesjährigen Fotofestivals La Gacilly-Baden. Ihr erster Eindruck von Österreich? „Ich liebe es. Es ist so farbenfroh.“
KURIER: Sie beschreiben sich selbst als Meerjungfrauen-Königin mit pinken Haaren. Was hat das mit Ihrer Kunst zu tun?
Bobbi Lockyer: Ich liebe Farben und muss sie in alles einbringen, was ich erschaffe – in meiner Fotografie, Malerei, Mode. Außerdem beschäftigt sich ein Teil meiner Arbeiten mit uns als Küstenvolk. Es geht um die Verbindung zum Ozean und die Verantwortung, mit dem Meer und seinen Lebewesen achtsam umzugehen.
Ein anderer Teil Ihrer Arbeiten dreht sich um „Birthing on Country“ – also traditionelle Geburten indigener Völker in Australien. Worum geht es da?
Viele denken, dass wir indigenen Frauen unsere Kinder unter einem Baum gebären wollen. Aber das ist es nicht. Uns ist es wichtig, Mütter, Schwestern, Großmütter bei der Geburt dabeizuhaben. Und dass Neugeborene als erstes mit der Erde unseres Landes in Berührung kommen. Das wird uns bei Geburten in Spitälern oft verwehrt.
Bobbi Lockyer beschäftigt sich in ihren Bildern mit dem Thema Geburt.
Insgesamt zeigen Sie in Ihrer Kunst die Schönheit indigener Kultur. Wie ist die Situation Ihrer Minderheit derzeit?
Während der Kolonialisierung wurden wir getötet, Familien auseinandergerissen und Kinder ihren Müttern weggenommen. Diese Traumata wirken bis heute nach. Wir kämpfen mit Vorurteilen wie „Aborigines sind faul, stehlen und trinken“. Unsere Lebenserwartung ist niedriger, die Gefängnisrate höher.
Derlei Ungleichheiten betreffen auch andere indigene Völker, wie etwa jene Amerikas. Gibt es weltweit Parallelen als Folge der Kolonialisierung?
Definitiv. Überall herrschen rassistische Stereotype. Aber Australien ist das einzige Land, das keinen Vertrag mit den indigenen Völkern hat. Es gibt keinerlei Anerkennung.
2023 stimmten die Australier in einem Referendum gegen eine Änderung der Verfassung zu mehr politischer Mitsprache der Indigenen. Wie kann man sich das erklären?
Wir machen nur drei Prozent der Bevölkerung aus – aber alle Australier durften darüber abstimmen, ob wir eine Stimme haben dürfen. Das ist absurd. Australien als Ganzes hat uns im Stich gelassen.
Lockyer porträtiert die Menschen indigener Völker in Australien.
Kann Kunst etwas gegen Rassismus ausrichten?
Absolut. Kunst ist für viele Menschen ein Zugang zur Welt – besonders für jene, die nicht gut lesen und schreiben können. Für uns ist sie außerdem ein Weg, Geschichten weiterzugeben. Unsere Kultur basiert auf mündlicher Überlieferung, Tanz, Gesang, Kunst. Das möchte ich weiterführen.
In den sozialen Medien sprechen Sie offen über sehr persönliche Aspekte Ihres Lebens – wie ein traumatisches Geburtserlebnis oder häusliche Gewalt, die Sie in einer früheren Beziehung erlebt haben. Ist diese Offenheit zentral für Ihre Arbeit?
Kunst war immer mein Rückzugsort. Schon als Kind, als ich gemobbt wurde. Als die Beziehung zu meinem früheren Partner – er ist auch der Vater meiner vier Kinder – immer schlimmer wurde, hörte ich aber auf, zu malen. Ich war nicht mehr ich selbst, habe nur noch Schwarz getragen. Nach der Trennung war ich völlig am Boden. Dann hat mich meine Mutter ermutigt, wieder anzufangen. Die Kunst hat mich gerettet.
Die Künstlerin wurde 1986 in Port Hedland an der Westküste Australiens geboren und gehört zu den Völkern der Ngarluma, Kariyarra, Nyul Nyul und Yawuru.
Ihre Arbeiten sind von der Kultur indigener Völker geprägt und zierten Magazine wie Vogue. 2021 präsentierte sie ihre Modekollektion auf der Pariser Fashion Week.
Heute kreieren Sie Designs für die Fashionweek in Paris und werden in der Vogue gefeatured...
Ich liebe es, verschiedene Ausdrucksformen zu verbinden: Stoffe zu bemalen, daraus Mode zu fertigen und die Stücke dann zu fotografieren. So ist die Vogue auf mich aufmerksam geworden. Als sie mir auf Instagram geschrieben haben, dachte ich zuerst, es sei ein Fake. Aber es war echt. Jetzt darf ich meine Kultur nach außen hin repräsentieren. Als ich klein war, gab es niemanden auf Magazincovern oder im Fernsehen, der so war wie ich.
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