Kultur
10.06.2017

Bob Marley: Und wenn’s nicht so war, dann war es immerhin cool

Wer hält diesen dicken Roman über das Attentat auf den Reggae-Star durch?

Lautet das erste Wort in einem Buch "Aufgepasst", dann gehört es ignoriert.

Oder es bekommt den Booker Prize für das beste englischsprachige Buch (2015).

Was ziemlich überraschend war, weil "Die kurze Geschichte von sieben Morden" vor allem cool ist.

He, das ist ein guter Sch., verdammt. Eine sehr lange, 850 Seiten "kurze Geschichte", schon allein diese Ironie im Titel ist so cool, halt die Schnauze, Mann.

PNP gegen PLP

Jamaika in Buchform; in Krimiform (phasenweise) – Jamaika zu jener Zeit nach der Unabhängigkeit von Großbritannien, als die sozialistische PNP (People’s National Party) den pro-westlichen Kurs der konservativen PLP (Jamaica Labour Party) verlassen hat.

1976, zwei Tage vor einem Friedenskonzert, wurde auf den Reggaemusiker Bob Marley (1945–1981) in dessen Haus geschossen. Er erlitt leichte Verletzungen, Marleys Ehefrau und sein Manager hingegen schwere.

Bis heute ist ungeklärt, wer / was dahintersteckte.

PNP und PLP hielten sich damals Gangs, in der Hauptstadt Kingston herrschte Bürgerkrieg. (Fast) lustig: Bob Marleys Haus galt als einziger Ort, an dem man einer Kugel entgehen konnte.

Der Sänger verkehrte mit beiden Oberbossen Papa-Leo und Shotta Sherrif. Der Parteipolitik stand er fern. Er war ein Rasta gegen die Unterdrückung der Schwarzen ... und außerhalb der Karibik ein größerer Star als daheim (wo man gern ABBA hörte).

Und wenn’s nicht so war, dann war’s so ähnlich: Gemäß diesem Sprichwort schrieb der Jamaikaner Marlon James den Roman rund ums Attentat. Sieben, die damit zu tun haben, werden sterben. Mindestens. James verbraucht dafür viel Personal, 76 Mitwirkende werden eingangs auflistet.

Einige von ihnen erzählen abwechselnd.

Aber egal, ob Bam-Bam, Mitglied der Copenhagen City-Bande, redet oder ein Journalist von Rolling Stone oder ein CIA-Agent: Die reden alle ähnlich und sind verwechselbar. Alle cool, sogar ein ermordeter Politiker redet cool ("Die Toten hören nie auf zu reden") – immerhin hört man von ihm nicht den ständig wiederkehrenden, lästigen Fluch: Bombocloth!

Jedenfalls: Wenn man beim Lesen nicht sofort in einen Sog gerät, wird man schwer durchhalten.

Einmal ruft jemand im Buch: "Dieses Land, diese gottverdammte Insel, bringt uns noch alle um!"

Marlon James, der offen homosexuell lebt, hat wegen der Anfeindungen und der Gewalt Jamaika längst verlassen und lebt jetzt in Minnesota, USA.

Marlon James: „Eine kurze
Geschichte von sieben Morden“
Übersetzt von G. Argo, R. Brack, M. Kellner, S. Kleiner und K. Lutze.
Heyne Verlag.
864 Seiten.
28,80 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern