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Interview
05/22/2020

Blixa Bargeld hat bei den Fans Worte „geerntet“

Der Frontmann der Einstürzenden Neubauten erzählt, wie Taschen, Buckelwale und Erbsen für das neue Album zu Instrumenten wurden

von Brigitte Schokarth

Es ist kein Kommentar zu Berlin, das neue Album „Alles in Allem“ von den Einstürzenden Neubauten. Trotzdem ist die Spree-Metropole überall präsent. Viele Songs sind nach Stadtteilen benannt, und Frontmann Blixa Bargeld erinnert sich in einem an die Jugend in der Wohnung am Grazer Damm, wo er als Christian Emmerich aufwuchs.

Vor 40 Jahren begannen er und seine Freunde in Berlin mit Teilen vom Schrottplatz zu musizieren, weil für ein Schlagzeug das Geld fehlte. Seither konnte sich die Truppe zur wichtigsten Experimental-Formation Deutschlands entwickeln. Mit dem KURIER spricht der 61-Jährige über die jüngsten Experimente und das Neubauten-Kartenspiel.

KURIER: Sie wollten lange kein neues Album mit den Neubauten mehr aufnehmen. Was hat Sie dennoch jetzt dazu bewogen?

Blixa Bargeld: Meister Arnold Schönberg hat gesagt: Kunst kommt nicht vom Wollen, sondern vom Müssen, also von einem inneren Drang. Den hatte ich aber erst, als ich im Jänner 2019 aus Hongkong nach Berlin zurückkam. So eine Produktion ist ja auch immer schwierig – für mich und meine Familie. Am Ende bin ich ein Wrack. Darunter leiden alle. Ich grüble die halbe Nacht über einen einzigen Satz und stehe um vier Uhr morgens auf, um ihn aufzuschreiben, dass ich ihn nicht wieder vergesse. Das war zum Beispiel mit dem Satz „wälzt die Wogen ungeheuer ein gefräßiges Ungetüm“ so.

Der stammt aus dem Song „Taschen“, in dem Sie Plastik-Reisetaschen zu Instrumenten machen. Ich weiß, dass Sie nicht gerne über die Inhalte Ihrer Songs sprechen, aber für mich ist das ein Song über Flüchtlinge. Was war zuerst da: Die Idee, so einen Song zu machen, oder die mit den Taschen?

Wir fahren zu Beginn jeder Produktion auf den Schrottplatz, um Dinge zu finden, die uns Geschichten erzählen. Da geht es weniger darum, wie sie klingen, sondern um Kontext. Diesmal sind wir zu einem an der polnischen Grenze gefahren. Dort ließen sie uns aber aus versicherungstechnischen Gründen nur auf ihre Müllhalde. Also musste ich mich mit einem anderen Material beschäftigen.

Und das waren diese Taschen?

Genau! Die nennt man im Berliner Volksmund Migrantenkoffer, was schon ein ganzes Metaphernfeld eröffnet hat. Wir haben sie mit Styroporflocken gefüllt, aber da entbrannte innerhalb der Band eine Nachhaltigkeitsdiskussion, ob wir mit solchen Materialien noch arbeiten sollen. Deshalb haben wir sie dann mit Lumpen gefüllt, wodurch sie, wenn man sie mit Drumsticks angeschlagen hat, einen schönen Bassklang bekommen haben. Eine weitere Tasche haben wir mit kleinen Containern gefüllt, die Sachen wie Schrauben, Erbsen und Münzen enthalten. Alexander Hacke spielte diese Tasche wie eine Rumbakugel, und das klang für mich wie der Ozean. Da war klar, in welche Richtung das Stück gehen wird. Aber nicht wir sagen, wir schreiben einen Song über Migranten, sondern Gegenstände und Materialien führen uns dahin, indem sie etwas hergeben, was ihnen innewohnt.

Eine andere Inspiration ist ein Kartenspiel, das Sie für die Einstürzenden Neubauten entwickelt haben. Funktioniert das wie die „Oblique Strategies“ von Brian Eno?

Unseres heißt „Dave“ nach dem ersten Navigationssystem meines Autos und ist spezifisch für die Neubauten. „Oblique Strategies“ zielt auf Zufälle ab, um kreative Blockaden zu lösen. Wir haben 600 Karten, wo Materialien draufstehen, mit denen wir arbeiten, oder Namen der Bandmitglieder, die etwas tun sollen. Wir haben das für „Alles in Allem“ zwölf Mal gespielt und elf Mal haben wir damit ein Ergebnis erzielt.

Können Sie ein Beispiel geben?

Ich hatte einmal die Karten „Anrufe“, „Netz“, „Sample“ und „Wissenschaft“. Daraus entstand „Ten Grand Goldie“. Ich habe die letzten drei kombiniert und mir Samples von wissenschaftlichen Websites runtergeladen. Eines war der Klang eines Buckelwals mit Schiffspropeller, eines der Ruf des Vogels Flötenwürger und das dritte ein Schlaflied der Tuareg von 1947. Die habe ich gesampelt und am Keyboard gespielt. Das Schlaflied ist übrigens das, was klingt, als würde jemand „Berlin Berlin“ singen. Für die Karte „Anrufe“ habe ich 20 unserer Unterstützer angerufen, um bei ihnen Worte zu ernten. Ich habe sie nach Worten gefragt, die sie bemerkenswert finden, und dem Letzten, was sie gehört haben. Einer von ihnen sagte: „Eine meiner Kolleginnen heißt Goldie und jemand hat sie gerade ,Ten Grand Goldie‘ genannt.“

Macht es Sie traurig, das 40er-Jubiläum wegen Corona nicht feiern zu können?

Es ist bitter! Wir hatten für 500 unserer Unterstützer eine Neubauten-spezifische Bustour mit mir als Reiseleiter geplant, einen Art-Crawl, ein Konzert und eine Party. Die Tour können wir zwar ins nächste Jahr verschieben, nicht aber diese Veranstaltungen.

 

INFO

Das für diesen Mai geplante Konzert der Einstürzenden Neubauten wurde verschoben und findet am 15. Mai 2021 in der Wiener Open-Air-Arena statt.