Leon de Winter mit Ehefrau Jessica Durlacher

© APA/EPA/ROBIN VAN LONKHUIJSEN

Literatur

Bin Laden, das nette Ungeheuer

Leon de Winters Roman "Geronimo": Johann Sebastian Bach gegen den Terror.

von Peter Pisa

08/26/2016, 04:30 PM

Es fĂ€llt unendlich schwer, sich Osama bin Laden vorstellen zu wollen, wie er nachts – mit Helm und Schal vermummt – Vanilleeis fĂŒr seine Lieblingsfrau kaufen fĂ€hrt, um es sodann auf ihre BrĂŒste tropfen zu lassen.

"Geronimo" ist eine Zumutung. Leon de Winter ist beim Zumuten echt gut.

Es wird unertrĂ€glich, wenn sich Bin Laden nach Nine-Eleven eine Zeitlang um ein kleines, verstĂŒmmeltes MĂ€dchen kĂŒmmert.

Er fĂŒttert es, wĂ€scht es, er beschĂŒtzt es. Leon de Winter prĂ€sentiert "die FĂŒrsorglichkeit eines Ungeheuers".

Eine Verschwörungsgeschichte hat er geschrieben. Eine Spionagegeschichte. FĂŒr den NiederlĂ€nder ungewohnt amerikanisch: Der schlechte US-Schriftsteller Tom Clancy ist mit "sowas" sehr reich geworden.

De Winter erfindet:

Bin Laden wurde 2011 in Abbottabad, Pakistan, von den Navy Seals NICHT getötet. Ein DoppelgÀnger war erschossen und zu den Fischen geworfen worden.

Das Weiße Haus hatte zwar die Tötung befohlen, denn Bin Laden hatte gegen PrĂ€sident Obama Kompromittierendes in der Hand bzw. auf einem USB-Stick.

Teufelsmusik

Aber die Elitesoldaten sahen das nicht ein, sie wollten keine Killer sein. Deshalb belogen sie die Welt.

Was im Buch danach geschieht, soll jetzt geheim bleiben. Es liest sich recht spannend. (Allein dafĂŒr dreieinhalb Kritikersterne ...)

Aber Bach gehört hier erwÀhnt. Johann Sebastian Bachs "Goldberg-Variationen", gespielt von Glenn Gould, ist der Gegenpol zum Terror.

Das afghanische MĂ€dchen Apana, damals noch nicht verstĂŒmmelt, hatte die Musik beim US-Soldaten Tom gehört. Und geweint. Sie spĂŒrte nicht nur die Schönheit, sondern auch den Schmerz darĂŒber, dass es nicht immer schön bleibt . Auf einem Keyboard ĂŒbte sie.

Bei einem Überfall aufs amerikanische Lager haben Taliban sie verschleppt. Und bestraft wegen ihrer "teuflischen" MusikgelĂŒste.

Sie haben Apana die HĂ€nde abgehackt und die Ohren abgeschnitten.

Vergesst Bin Laden: Sie und Bach und ein Bub, der hilft (und der Amerikaner Tom, der sich verantwortlich fĂŒhlt, weil das MĂ€dchen erst durch ihn von Bach erfahren hat) sind das HerzstĂŒck von "Geronimo".

Übrigens ist "Geronimo" der Code, der beim Tod Bin Ladens gerufen werden sollte. Er wird gerufen. Bin Laden ĂŒberlebt den Roman nicht. Sogar Elton John wirkt an seinem Ende mit. DER Elton John. Schau dir was an ...

(Passt. Leon de Winter darf einem wirklich alles erzÀhlen ...)

Leon de Winter:
„Geronimo“ Übersetzt von Hanni Ehlers.
Diogenes Verlag. 448 Seiten. 24,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

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