Kultur
25.02.2018

Bilgeri: "Es ist ein Mount Everest, auf den ich erst raufmuss"

Bilgeri hat den großartigen Film "Erik & Erika" gedreht und damit nicht nur sich selbst ein Denkmal gesetzt. Die Geschichte über die Skirennläuferin Erika Schinegger, die eigentlich ein Erik war, bewegt - ebenso wie das Leben des Regisseurs. Ein Gespräch über Skifieber, Begabung und Besessenheit.

Herr Bilgeri, was hat Sie an Erik Schinegger so fasziniert, dass Sie einen Film über ihn machen wollten?

Eigentlich bin ich ein Schinegger-Fan der ersten Stunde. Ich bin ein totaler Skifreak und habe schon in den 1950ern als der Anderl Molterer gefahren ist, alle Zeiten in ein Sportheft geschrieben, bei jedem Rennen. Wenn der Hirscher heute fährt, habe ich einen Puls von 120, so fanatisch bin ich. Ich weiß nicht, woher das kommt.

Vielleicht Ehrgeiz oder einfach besonderes Interesse?

Es ist wohl ein hysterischer Patriotismus dabei gewesen. Ich habe diese Leute so geliebt, weil sie alle miteinander Grenzgänger sind. Alle Menschen, die, die eigenen Grenzen ausloten und sogar darüber gehen, haben mich schon immer interessiert, mein ganzes Leben.

Sind Sie selbst auch ein Extremer?

Ganz sicher. Ich wollte vor zehn Jahren ins Filmgeschäft einsteigen und wusste, das geht nur mit einem Hit. Nachdem ich für meinen ersten Film „Der Atem des Himmels“, der vier Millionen Euro gekostet hat, keine Förderung bekommen habe, ist mir nichts anderes übrig geblieben, als meine gesamte Existenz zu riskieren. Da war ich Ende 50. Das war fast ein bissel zu mutig, aber es ist gut gegangen, weil der Film ein Erfolg war. Mein Haus musste ich aber verpfänden, um ihn machen zu können.

Sie hätten das Angebot des deutschen Produzenten Oliver Berben annehmen können.

Ich hatte auch noch ein Angebot aus Berlin. Aber ich wollte es mir nicht aus der Hand nehmen lassen, wollte Regie führen, selbst Drehbuch schreiben und selbst produzieren. Ich wollte für jeden Zentimeter verantwortlich sein, auch intern. Das extreme Risiko hat sich rentiert. Nachdem das Projekt ein Erfolg geworden ist, habe ich den Status, dass ich Filme finanziert bekomme.

Bisher wurde alles, was Sie angegriffen haben, zu Gold: Als Musiker hatten Sie mit "Video Life" einen Welthit, als Autor haben sie mit „Der Atem des Himmels“ einen Bestseller geschrieben, den Sie als Regisseur erfolgreich verfilmt haben. Waren Sie immer der Meinung, dass all Ihre Projekte funktionieren?

Ich habe zweimal einen Genre-Wechsel gemacht. Ich war zuerst Professor in einer Schule und bin dann ohne Vertrag ins Rockgeschäft eingestiegen. Ich habe nur gewusst, singen kann ich, weil ich schon davor mit meiner Band im Vorprogramm von Superstars wie Deep Purple aufgetreten bin. Als ich einmal nach dem Konzert wegmusste, haben die mich gefragt, was ich mache und ich habe gesagt: "Ich muss zurück in die Schule." Darauf meinten sie: „Bist deppert? Werde Profi, du kannst das.“ Ich habe mir dann auch gedacht, ich kann’s und meine erste Single „Video Life“ wurde 1981 gleich ein Welt-Hit.

Und dann haben Sie sich gedacht, jetzt schreibe ich einen Bestseller.

Ich habe mir schon als Teenager geschworen, dass ich Rockstar werde, als Schriftsteller einen Bestseller schreibe und erfolgreiche Filme mache. Auch der Switch vom Schriftsteller zum Filmemacher war ein großes Risiko, auch, wenn ich nicht ins eiskalte Wasser gesprungen bin, weil ich schon vorher wusste, wie man drinnen herumschwimmt. Ich hatte schon Super-8-Filme gemacht und privat Tausende Filme seziert, um mir das Handwerk beizubringen. Ich habe gewusst, was Rhythmus ist, wie ich mit Schauspielern umgehen muss und wie man mit Sprache arbeitet. Ich habe vorher mit meinem Freund Köhlmeier (Anm.: Autor Michael) viele Hörspiele geschrieben.

Angehende Regisseure gehen heute auf eine Filmakademie. Hat Ihnen das nicht gefehlt?

Als ich mit Zwanzig damit angefangen habe, hat es keine Filmakademie gegeben. Ich habe mir meine eigene Filmakademie geschaffen, indem ich mir alle Filme von David Lean bis Sergio Leone angesehen habe. Ich war oft in Amerika und habe Leute am Set beobachtet und in Schneideräumen wie eine heimlich herumsitzende Fliege aufgesogen, wie diese Arbeit funktioniert. Es ist gut, dass es Filmakademien gibt, aber wenn du nicht im Stande bist, dir dreidimensionale Schauspieler-Choreographien oder Kamerafahrten auszudenken und den Film vor dem Dreh fertig im Kopf hast, kannst du auf so viele Schulen gehen wie du willst. Da kommt nichts dabei heraus.

Hatten Sie „Erik & Erika“ schon im Kopf?

Wenn ich anfange zu drehen, habe ich jeden Film schon im Kopf geschnitten. Natürlich ändern sich viele Dinge, weil man ja gewisse Unwägbarkeiten einkalkulieren muss. Aber im Prinzip habe ich sowohl die Bild-Ästhetik, als auch den Bild-Rhythmus, die Choreographie der Schauspieler und der Kamera im Kopf. Das kann man oder nicht. Es ist ein Geschenk, das gebe ich schon zu . Dass alle meine Filme bisher ein Erfolg waren, ist sicher auch viel Glück. Aber wie die Schauspieler sich begegnen, wie das Licht gesetzt sein sollte, das ist halt da.

In Ihrem Film „Der Atem des Himmels“ hat Ihre Tochter Laura, die Schauspielerin ist, mitgespielt. Warum haben Sie sie in „Erik & Erika“ nicht besetzt?

Ich hätte sie gerne für Rolle von Eriks Freundin besetzt, aber es gibt Nacktszenen und ich wollte nicht, dass sie in einer ersten Hauptrolle beim Papa nackt vor der Kamera steht. Dann kommt die Presse und sagt: „Aha, der Bilgeri verkauft seine Tochter."

Bilgeri beim Interview im Café Ritter in Wien

Wie erfolgreich muss Film sein, damit Sie zufrieden sind?

Es wäre mir schon recht, wenn es ein Golden Globe, ein Oscar oder der Österreichische Filmpreis wäre. Das sind sehr ehrenhafte Preise, die eine Leistung bestätigen. Aber der allerwichtigste Preis für mich ist das Publikum. Wenn die Leute ins Kino gehen, ist das die größte Kunst. Ich möchte mit qualitativ hochstehenden Filmen Publikumserfolge landen. Wenn da kein Oscar oder Golden Globe dabei ist, kann man nichts machen. Dann ist mir das auch wurscht.

Sie haben große Pläne und wollen das Leben des Seefahrers Magellan verfilmen. Wo stehen Sie mit dem Projekt?

Das Drehbuch habe ich schon geschrieben, auch wenn ich noch einige Änderungen machen muss. Das ist mein Lebensprojekt, aber es kostet um die 20 Millionen Euro. Deshalb ist das schwer zu produzieren. Ich möchte vorher noch einige Hits landen, damit ich den großen Produzenten, die hoffentlich die Finanzierung gewährleisten, sagen kann: „Schaut‘s her, jeder meiner Filme ist ein Erfolg geworden bisher. Seid‘s so gut und gebt‘s mir das Geld.“ Aber es ist halt ein Riesending, ein Mount Everest, auf den ich erst raufmuss. Aber ich lass' nicht locker.

20 Millionen ist eine Wahnsinns-Summe.

Der Film „Der Medicus“ hat 25 Millionen Euro gekostet, Geld, das fast nur in Europa aufgetrieben worden ist. Alles ist möglich, das ist meine Hauptprämisse im Leben, die tief in meine Seele gemeißelt ist. Ich halte den Konjunktiv überhaupt nicht aus - „I hab‘ eh wollen“, „Es geht wahrscheinlich nicht“ - so etwas mag ich nicht. Man muss es nur mit einer Besessenheit wollen und das Talent dazu haben.

Wie kommen Sie gerade auf Magellan?

Seit ich vor 30 Jahren „Magellan: der Mann und seine Tat“ von Stefan Zweig gelesen habe, komme ich nicht mehr los von dem Thema. Alles, was ich am Extremistentum liebe auf diesem Planeten, ist dort ausgeführt worden. Es gibt keinen Wahnsinnigeren als Magellan. Jemand der, als die Welt noch gar nicht als Kugel verifiziert war, mit fünf Schiffen, die ein bissel größer waren als Fischerboote, in eine vollkommen unbekannte Gegend fährt und dann als erster Mensch die Welt umrundet, das ist so ungeheuerlich! Die Portugiesen haben in Lissabon nicht ihn, sondern den Vasco Da Gama (Anm.: portugiesischer Seefahrer) aufgestellt. Der Magellan war Portugiese, der wegen Streitigkeiten unter spanischer Flagge gefahren ist. Aber auch die Spanier stellen ihn nicht auf, weil er Portugiese war. Jetzt muss vielleicht ein kleiner Vorarlberger daherkommen, ein Fanatiker, der ihm ein Denkmal setzt.

Hat in Ihrem Leben eigentlich auch beruflich einmal etwas nicht funktioniert?

Ich hatte massenhaft Rückschläge. Die sieht man von außen nicht, da sieht man nur den Erfolg. Aber es gab immer wieder Projekte, die ich wahnsinnig gern gemacht hätte. Ich habe vor vielen Jahren mit dem Köhlmeier zusammen ein Drehbuch für einen TV-Vierteiler über die Kaiserin Elisabeth geschrieben. Das war ein wahnsinnig tolles Buch, vor allem vom Köhlmeier. Ich habe sogar eine Viertelstunde vorgedreht, damit man weiß, in welchem Stil das kommen wird. Aber das ist gescheitert, weil der Schwarzenberger (Anm.: Regisseur Xaver) damals auch eine Sissi konzipiert hat und halt dicker beim ORF drinnen war als ich. Ich war ja ein Nobody damals!