© Neven Allgeier

Kultur
02/17/2019

Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst im Interview: Ein Spiel mit der Existenz

Maurice Ernst, Sänger von Bilderbuch, spricht im KURIER-Interview über Hippie-Gedanken, seinen Trotz und den zweifelnden Papa.

Wie eine Playlist von verschiedenen Künstlern, die unter der Überschrift eines bestimmten Gefühls statt der eines musikalischen Stils zusammengefasst wurde, beschreibt Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst sein Freitag erscheinendes Album „Vernissage My Heart“. Im Gegensatz zu dem von Lounge-Flair geprägten Partner-Album „Mea Culpa“ geht dieser zweite Streich in Richtung Indie-Rock, biegt aber lustvoll in viele verschiedene Richtungen ab.

KURIER: Wie kam es zu den so unterschiedlichen Stimmungen dieser beiden Platten?

Maurice Ernst: Das kommt, wenn man vier verschiedene Leute in der Band hat und die Dynamiken, die dadurch entstehen, zulässt. Wenn ich mit Mike (Anm: Gitarrist Michael Krammer) einen Abend lang Demos mache, klingen die frecher, als wenn unser Bassist Peter Horazdovsky in der Früh am Synthesizer einen Track zusammenbastelt, über den ich drüber singe. Damit das aber kein komplettes Wirrwarr wird, haben wir das auf zwei Alben aufgeteilt. „Mea Cupla“ geht nach innen. Da geht es um mich und vielleicht noch eine andere Person, auf jeden Fall aber um die private Liebe. Und „Vernissage My Heart“ macht die Arme auf, nimmt links und rechts Menschen an die Hand, pflegt das Gemeinschafts-Gefühl und den Hippie-Gedanken.

Spannend! Ich hatte das Gefühl, dass Sie eher Leute persiflieren, die eindimensional denken, generell die Oberflächlichkeit unserer Zeit anprangern.

Ja, natürlich, die Oberflächlichkeit ist immer ein Thema. Aber zum Beispiel „Frisbeee“: Da nehme ich einen unglaublich naiven Blickwinkel ein – schon, um zu persiflieren, aber auch als Schutzschild, um das Gefühl von einer gemeinsamen Welt und dem, was wir in meiner Generation teilen, zu skizzieren. Ich finde, „Vernissage My Heart“ ist eine sehr positive Platte. Sie knickt hin und wieder mit ein paar lustigen Momenten ein, aber sie will umarmen. Ich finde es schön, dass es nicht nur um Satire geht und die Platte komplett von Zynismus vergiftet ist, sondern dass auch der Wille dahintersteckt, ein bissl eine Fantasie für eine positive Zukunft zu haben.

Der Hippie-Gedanke ist aber das Gegenteil von dem, was in der Welt gerade passiert.

Deshalb ist es umso wichtiger, als Künstler aus der Rolle zu schlüpfen und einen Blickwinkel einzunehmen, der vielleicht gerade nicht so oft eingenommen wird. Der ist schon überspitzt. Ich nehme bewusst Sachen wie Verschwörungstheorien und setze sie in einen bunten Kontext, weil sie dadurch entkräftet werden, nicht mehr das Böse, sondern nur mehr kindliche Naivität abbilden.

Wo geht es um Verschwörungstheorien?

Auch in „Frisbeee“. Der Satz „Meine Erde ist flach“ spielt auf die Flat Earth Community an. Das sind Leute, die tatsächlich ernsthaft glauben, dass die Erde flach ist. Heutzutage! Solche Auswüchse hat unsere Gesellschaft schon angenommen.

Sehr klar wird der Wille zu Positivität in dem Song „Europa 22“. Aber wofür steht die Zahl 22?

Das kann jeder interpretieren, wie er will: Soll das heißen, wir müssen uns zusammenreißen? Fängt dort erst alles an? Ist es ein Jubiläum, oder vielleicht sogar ein Ablaufdatum? Ich wollte damit einen Song schreiben, der bewusst macht, was für ein Erbe wir mit Europa haben, dass wir hier schon so lange Frieden und Freiheit haben. Mir war aber trotzdem wichtig, dass der Song nicht in ein Richtung zieht, weder nach links noch nach rechts.

Reizt es Sie nicht, in Bezug auf Politisches in den Texten einmal auch konkreter zu werden?

Nicht realpolitisch, nein, das reizt mich nicht. Aber so Themen wie Europa, die sind halt einfach immer da. Aber dabei reizt mich das Unkonkrete und vor allem das Unprätentiöse immer noch mehr.

Im Titel-Song „Vernissage My Heart“ singen Sie „Papa ist stolz, Mama ist stolz“. Sind Ihre Eltern wirklich so stolz auf Sie?

Ja, schon. Meine Mutter hat aber einen ganz anderen Stolz als mein Vater. Sie hat so ein Grundvertrauen in mich und immer gesagt: Solange du machst, was du machen möchtest, dann tu es. Da komme ich nie in Erklärungsnot.

Und der Papa hätte lieber gehabt, dass Sie Arzt werden?

Nein, gar nicht. Er spielt selbst in einer Coverband. Ich muss ihm immer nur erklären, warum wir so klingen, wie wir klingen. Dann spielt er mir zu Weihnachten „Ala bin“ von Seiler und Speer vor, und sagt: „Schau!“. Ich versuche es ihm dann mit einem Bier-Vergleich zu erklären, sage: „Trummer ist auch eine Marke, die nicht in jedem Supermarkt rumsteht“. Aber wenn er mich dann auf der Bühne sieht, oder es statistisch erwiesen ist, dass wir erfolgreich sind, ist er schon stolz.

Sie haben nach dem ersten Durchbruch in Deutschland gesagt, dass Sie nicht mit dem Trend untergehen wollen. Wann bestand die Gefahr dazu?

Nach „Schick Schock“ haben sie uns in Deutschland super gefunden. Dann kamen Wanda und Yung Hurn dazu, und auf einmal gab es dort so einen Österreich-Trend, wo sie in Berlin sogar Gösser als Hype-Bier getrunken haben. Da dachte ich, der Äther Österreich darf nicht zu unserem Selling Point werden. Denn als Künstler will man nicht zur Mottoband verkommen, man wehrt sich dagegen. Aber das ist jetzt eh schon abgeebbt und es kristallisieren sich auch in Deutschland die Künstler und ihre Sounds heraus.

Ist die Diversität in Ihrem Sound ein Mittel, sich gegen Kategorisierungen zu wehren?

Es macht einfach mehr Spaß, sich auszuprobieren. Ich höre privat halt auch nicht viel Charts-Musik, sondern ganz verrückte Sachen wie zurzeit Tirzah Mastin. Und danach springe ich zu einem Rap-Song, weil mich ein einziges Genre schnell müde macht. Und ich traue uns in den nächsten Jahren noch viel zu: Jeglichen Pop-Moment, dass wir wie Bowie damals ein „Let’s Dance“ hinknallen. Oder auch Akustisches, Jazz. Alles ist möglich. Nur wenige Bands können sich so weit rauslehnen.

Können Sie das, weil Sie erfolgreich sind, oder weil Sie den Mut haben, sich nicht um Erfolg zu kümmern?

Ich glaube, das kommt aus einer Mischung aus Arroganz, Trotz und Sturheit. Und der Lust, zu genießen. Es sind nicht mehr die 80er-Jahre und wir haben – obwohl wir Platin und Gold haben – kein Penthouse im ersten Bezirk. Die Luft für Experimente ist heutzutage sehr dünn. Für uns ist das schon immer noch ein Spiel mit der Existenz. Aber es ist trotzdem die luxuriöseste Situation: Wir können die Miete und unser Essen bezahlen und dürfen Musik machen. Und zwar so absurd, wie immer wir wollen! So lange das so geht, ist es einfach herrlich.

 

Bilderbuch auf Österreich-Tour:

24. 4. Innsbruck/Dogana

24. 5. Wien/Schloss Schönbrunn (ausverkauft)

25. 5. Wien/Schloss Schönbrunn (Zusatzshow)

13. 7. Linz/Donaulände Open Air

24. 8. Graz/ Messe, Freiluftarena B