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Kultur
08/08/2019

Beth Ditto hat keine Angst vorm "dementen Opa" Trump

Die Sängerin von Gossip spricht im KURIER-Interview über die Reunion-Tour und ihre Frustration mit Donald Trump.

von Brigitte Schokarth

Am 19. Juni 2009 erschien „Music For Men“, jenes Album, das die Dance-Punk-Formation Gossip in den Mainstream katapultierte und den Welthit „Heavy Cross“ hervorbrachte. Zum zehnjährigen Jubiläum hat sich die 2016 aufgelöste Band für eine Tour zusammengefunden und macht damit am 12. August in der Wiener Arena Station. Im KURIER-Gespräch erzählt Sängerin Beth Ditto, wie es zu Reunion kam und warum sie Trump als verrückten Opa und nur seine Berater als gefährlich sieht.

KURIER: Sie haben Gossip 2016 aufgelöst, weil Gitarrist Nathan Howdeshell eine konservative Haltung eingenommen hat . . .

Beth Ditto: Das stimmt nicht ganz. Er ist wiedergeborener Christ geworden. Da ist schon ein Unterschied. Aber natürlich mussten wir vor der Reunion-Tour ein sehr langes, ernsthaftes Gespräch darüber führen. Ich sagte, ich kann nicht mit dir in einer Band sein, wenn du homophob bist und rechte Ansichten hast. Nathan ist nicht meine Geburtsfamilie, er ist meine Wahlfamilie und es gibt keinen Grund, ihn um mich zu haben, wenn er so denken würde. Und im Endeffekt bezahlt ihm die Queer-Community die Gage für diese Tour. Aber in dem Gespräch habe ich festgestellt, dass er politisch nach wie vor so denkt wie früher und nur ein enges Verhältnis zu Gott entwickelt hat.

Also gibt es backstage keine heißen politischen Diskussionen?

Nein, nein. Nathan spricht in meiner Gegenwart auch nicht über Gott. Da würde ich mich sehr unwohl fühlen, weil ich nicht an Gott glaube, und seine Hingabe für mich deshalb sehr eigenartig ist. Aber ich freue mich trotzdem für ihn, denn es macht ihn sichtlich glücklicher.

„Music For Men“ war Ihr viertes Band-Album und der Durchbruch. Es war speziell in Europa ein Riesenerfolg, aber weit weniger in Ihrer amerikanischen Heimat. Warum war das so?

Ich glaube, das lag daran, dass wir das Album mit Produzent Rick Rubin gemacht und davor im Sound einfach viel zu unprofessionell aufgenommen haben, um vom Mainstream wahrgenommen zu werden. Und natürlich hat Europa eine viel fürsorglichere Einstellung zu Kunst im allgemeinen, aber speziell auch zu Kunst von Außenseitern, die nicht den gängigen Normen entsprechen. In Europa werden wunderschöne Dinge, die schon lange existieren, bewahrt und gepflegt. Amerika ist so kapitalistisch, dass alles gleich zerstört wird, was alt ist und nicht sofort zu viel Geld gemacht werden kann.

Was war für Sie das Spezielle an diesem Album?

Zunächst einmal Rick Rubin. Mit ihm zu arbeiten war so schön. Es hat unser Leben verändert, weil wir so viel von ihm gelernt haben, weil er einfach alles über Produktion weiß. Und dann natürlich, dass wir damit diesen Erfolg hatten, denn das kam so unerwartet. Nie hätten wir gedacht, dass wir einmal berühmt werden. Das war auch nie der Plan. Wir waren eine kleine Indie-Band, die nie mehr wollte, als Platten aufnehmen, auf Tour gehen und damit den Lebensunterhalt bestreiten - einfach weil wir alle Loser waren, ha ha ha ha. Aber es stimmt: Wir wollten einfach nicht den ganzen Tag in Jobs arbeiten, die wir hassten. Dafür waren wir nicht stark genug. Es braucht eine echt starke Persönlichkeit, soetwas durchzuziehen.

„Heavy Cross“ war ein Aufruf, Außenseiter zu umarmen, und machte Sie zum Sprachrohr der LGBT-Gemeinschaft. Es entstand zu Zeiten der Obama-Regierung. Spüren Sie jetzt in Zeiten der Trump-Regierung mehr Repressionen gegen die Queer-Community als vor zehn Jahren?

Nein, nicht mehr, ich glaube, das war immer gleich. Aber Trump ist ein homophobischer, rassistischer Idiot und gibt mit seinen stupiden Aussagen weißen Frauen und Männern sozusagen die Erlaubnis, ihre Repressionen laut und offen zu äußern. Sie fühlen sich durch ihn dazu ermächtigt. Aber mehr Angst als Trump machen mir seine Berater.

Warum das?

Genau weil er so dumm ist. Er kommt mir vor wie ein dementer Opa, der fix und steif behauptet, sieben Bananen auf dem Tisch zu sehen, wenn nur fünf da sind. Ich glaube nicht, dass er irgendeine politische Absicht hat. Dafür ist er nicht intelligent genug. Er will nur hören, dass er der Coolste, der Beste, der Schönste und der Stärkste und Mächtigste ist. Seine Berater aber wissen, wie narzisstisch er ist und sind schlau genug, zu überreißen, dass wenn sie sein Ego derart anfüttern, er alles tun wird, was sie von ihm wollen.

Wenn Sie jetzt noch ein Gossip-Album schreiben würden, würde es politisch expliziter ausfallen?

Es wäre auf jeden Fall sehr emotional und leidenschaftlich. Denn es gibt heute so viel Traurigkeit und Angst in der Welt. Und so viele Leute, die so viel wütender sind als früher. Deshalb konzentriere ich mich selbst lieber auf Schönes anstatt auf die Politik. Andernfalls würde ich in Verzweiflung versinken. Meine Ex-Frau hat mich deshalb immer naiv genannt. Aber habe ich denn eine andere Wahl? Ich denke, ich kann den Menschen, die von diesem sozialen Klima am meisten betroffen sind, keine Stütze sein, wenn ich selbst mutlos und schlecht drauf bin. Ich halte mich deshalb nicht für naiv. Ich bin nicht naiv genug, um mich von dem Negativen so überwältigen zu lassen, dass ich aufgebe und nichts mehr ändern will. Das wäre für mich die ultimative Naivität.

Gibt es denn eine Chance, dass Sie nach der Reunion-Tour mit Gossip auch wieder ins Studio gehen?

Ich glaube nicht. Ich meine, ich will es nicht ganz ausschließen. Es müssten echt starke Songs sein, Nathan müsste mit ein paar echt geilen Gitarrenriffs daher kommen. Aber er ist ja nach Arkansas zurückgezogen, wo wir herkommen, während ich in Portland bin. Es wäre schwer, so gemeinsam ein Album zu schreiben. Und ich habe mein Solo-Album gemacht und dazu eine Solo-Tour. Beides hat sehr viel Spaß gemacht. Ich arbeite deshalb schon am nächsten Solo-Album.Wenn wir von dieser Tour heimkommen, gehe ich das an.