© Michael Lionstar

Interview
05/09/2021

Bestsellerautor John Grisham: "Es ist eine harschere Welt geworden"

Er hat hunderte Millionen Bücher verkauft. Im KURIER spricht Grisham über sein neues Buch "Der Polizist", das Schreiben, Polizeigewalt und Joe Biden.

von Georg Leyrer

John Grisham ist ein Phänomen. Seit drei Jahrzehnten versorgt er seine Fans mit einem Bestseller nach dem anderen, mehr als 300 Millionen Bücher soll er verkauft haben.

Mit seinem hervorragenden neuen, nun auf Deutsch erschienenen Buch „Der Polizist“ kehrt der Bestsellerautor zu seinen Anfängen zurück: Kleinstadtanwalt Jake Brigance, der nun den bedrückenden Fall des 16-jährigen Drew verhandelt, trat bereits im ersten Roman Grishams, „Die Jury“ (verfilmt mit Matthew McConaughey und Sandra Bullock) auf, und dann später noch einmal in „Die Erbin“.

Das neue Buch führt in Grishams eigene Vergangenheit als Anwalt: „Ich war Jake“, sagt der 66-Jährige im KURIER-Gespräch, „es ist sehr autobiografisch“. Und es führt zurück in eine andere Zeit, die gar nicht weit weg scheint, aber radikal anders war.

KURIER: In Jakes Büro klingeln dauernd Festnetztelefone, das Fax spuckt Papier aus. Wie langsam es damals war! Haben Sie sich beim Schreiben nicht manchmal nach einem Smartphone oder einer eMail gesehnt, um die Handlung voranzutreiben?

John Grisham: (lacht) Manchmal habe ich mich dabei ertappt, dass Jake schon anfängt, eine eMail zu schreiben. Und musste mir sagen: Nein, nein, es ist 1990! Es hat Spaß gemacht, in diese technologische Zeit zurückzugehen. Der Hauptgrund war aber, dass damals die Gesetze anders waren. Damals konnte ein 16-Jähriger nach zum Tode verurteilt werden. Das war gar nicht unüblich. Das hat sich vor 10, 15 Jahren geändert, als der Oberste Gerichtshof festgelegt hat, dass Unter-18-Jährige nicht ein Prozess gemacht werden kann, der in der Todesstrafe münden könnte.

Das Leben war damals ebenfalls viel langsamer. In Ihrem Buch heißt es an entscheidender Stelle: Die Geschworenen sollen sich Zeit nehmen, bevor sie zu ihrem Urteil kommen. Diese sorgfältige Abwägung im Urteil passt wohl auch besser ins Jahr 1990 als ins Heute mit seinem Dauerfeuer an Meinungen.
Wir haben auch im Jahr 1990 gedacht, dass das Leben zu schnell vergeht, zu stressig ist. Wir dachten, es sei verrückt – aber es war noch gar nichts gegen die Echtzeitkommunikation von Heute. Und die hat alles verändert. Es ist eine harschere Welt geworden. Jeder hat ein riesiges Mikrofon bekommen, keiner zögert, da hineinzureden – und jeder hat eine riesige Plattform. Viele Dinge sollten dort nicht gepostet, nicht gesagt werden, es gibt so viel Auseinandersetzung. Der Unterschied zu vor 30 Jahren ist unglaublich. Man denkt, die 1990er waren eine viel unschuldigere Zeit, was sie jedoch auch nicht waren.

Es war ja schon beim  vorigen Roman (dem 32.?) so, dass man sich dachte: Jetzt wird John Grisham bald bei den herausragenden Büchern im Fernseh-„Literarischen Quartett“ besprochen werden. Und mit „Der Polizist“   würde er sich’s  verdienen. (Fast.)

Sein bestes Buch, 32 Jahre nach dem Justizthriller „Die Jury“, mit dem Grisham berühmt wurde.

Ein langsames Buch. Es kümmert sich lieber um die  handelnden Personen und  gute Dialoge anstatt um billige Effekte. Niemand wird in den Gerichtssaal stürmen: „Er war’s nicht! Ich war’s!“

Es ist eindeutig, dass es der16-jährige Drew war. Er hat den Lebensgefährten seiner Mutter mit dessen Waffe erschossen. Denn der Kerl, wenn er getrunken hatte, verprügelte regelmäßig  die Frau – den Buben sowieso, und Drews jüngere Schwester missbrauchte er. Nachdem Mutter wie tot auf dem Boden lag, hat Drew  den Schlafenden umgebracht.  Das Opfer  – ein Polizist.

Ein beliebter  noch dazu.

In der Tatnacht hatte er 3,6 Promille. Kollegen wussten, dass  er die Freundin blutig schlug. Sie hatten ihm die Mauer gemacht.

Wir sind in Mississippi. Drew wird nach dem Erwachsenenrecht angeklagt. Bei Mord droht die Todesstrafe. Soll man sich mit dem Staatsanwalt  auf 30 Jahre einigen? Es verteidigt Jake Brigance, der Held aus „Die Jury“. Er setzt sogar sein Haus ein, damit sein traumatisierter Mandant nicht eingesperrt bleibt. Allein sein Kampf, damit Drew psychiatrisch untersucht wird, ist erschreckend spannend.

Es könnte passieren, dass jemand mit dem Schluss nicht einverstanden ist, weil man  Entscheidendes auf dem Tablett serviert bekommen will. Da spielt Grisham diesmal nicht mit. Auch deshalb spielt er  mehr denn je in der Literatur mit.

**** und ein halber von fünf Sternen

Peter Pisa

 

Hat dieses medieale Dauerfeuer Einfluss auf die Rechtssprechung? Erhöht die Dauerkontroverse nicht den Druck auf Geschworene in komplexen Prozessen?

Das ist eine schwierige, schwierige Frage. Mich sorgt, was die Geschworenen tun, wenn sie nach Hause gehen. Dort können sie mit Hassnachrichten bombadiert werden, sie können sich den Tag im Gericht nochmal im Fernsehen ansehen. Man kann die Geschworenen nicht mehr von der öffentlichen Reaktion auf die Prozesse fernhalten. Und ja, das ist ein Riesenproblem. Aber schon in den 1980ern, als ich noch in Gerichtsstreits involviert war, war der Druck enorm. Das Geschworenensystem funktioniert, das hat man beim Prozess gegen den Polizisten in Minneapolis gesehen.

Da ging es um den getöteten Schwarzen George Floyd. Die Reaktion der Polizei in „Der Polizist“ entspricht ganz dem Muster, das man dort sah: Man hält zusammen, bis es nicht mehr geht. Haben Sie die „Black Lives Matter“-Proteste beim Schreiben beeinflusst?

Nein. Da war mein Einfluss ein anderer: Da schrieb ich über meine Heimat. Da kenne ich die Menschen, die Politik, die Geschichte, die Religion, das Gesetz. Als ich Anwalt war, kannte ich jeden Polizisten in der Stadt. Ich arbeitete mit ihnen zusammen – und vor Gericht gegen sie. Und ich weiß, wie eine Gemeinschaft, eine Stadt die Polizei sah und sieht. Sie sind hochrespektiert, und die meisten sollten auch respektiert werden. Aber es gibt zu viele schlechte. Und jetzt hat jeder eine Kamera in der Tasche, um aufzunehmen, wenn Polizisten Unschuldige töten. Man sieht es, aber es ist schwer zu glauben. Es ist aber schon lange genau so geschehen. Die Schwarzen können es Ihnen erzählen. Und die sagen jetzt: Genug ist genug.

Glauben Sie, dass sich jetzt etwas ändern wird?

Ja, etwas muss sich ändern. Und wir haben jetzt einen Präsidenten, der an Veränderungen glaubt, der an grundlegende Menschenrechte glaubt und an eine Justizreform. Das hatten wir vier Jahre nicht. Bisher sagt Joe Biden genau das Richtige über die Justizreform, er weiß, was nötig ist – nicht nur bei der Polizei. Es gibt so viele Probleme in unseren Gesetzen. Wir müssen verhindern, dass unschuldige Menschen ins Gefängnis gehen. Und ich denke, wir machen da Fortschritte.

Auch bei der Todesstrafe?

Die Todesstrafe in Amerika stirbt selbst, und zwar ganz rasch. Ich lebe in Virginia, und vor zwei Monaten haben wir die Todesstrafe abgeschafft. Dabei war Virginia der Staat, der nach Texas die meisten Menschen hingerichtet hat. Das ist ein großer, ein guter Sc hritt. Es gibt in den gesamten USA weniger Todesurteile von Geschworenen, weniger Hinrichtungen. Die Politiker in Virginia waren mutig, die Todesstrafe abzuschaffen. Aber die größte Veränderung kommt von den Geschworenen.

Inwiefern?

Einige Verbrechen sind so furchtbar, einige Morde so grauenvoll. Wir hatten diese Gewalt als Gesellschaft satt. Deswegen wollten so viele die Todesstrafe. Aber jetzt gibt es viel bessere Verteidiger. Und sie zeichnen für die Geschworenen ein vollständiges Bild des Täters.

Also auch dessen soziales Umfeld?

Die Verteidiger sagen: Lasst uns zumindest anschauen, wo er herkommt. Ob er missbraucht, misshandelt wurde, schon als junger Mensch süchtig war. Ob er bereut. Sie präsentieren die ganze Person, ein Gesamtbild. Und ermöglichen es so den Geschworenen zu sagen: Wir bestrafen dich für dein schreckliches Verbrechen. Aber wir töten dich nicht. Man sieht viel häufiger: Lebenslang ohne Chance auf Bewährung.

Wird sich diese Armut, aus der Verbrechen kommen, nun nach der Pandemie verschärfen?

Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass wir heute weniger vernachlässigte und misshandelte Kinder haben als vor zehn Jahren. Andererseits finden viele, die ihren Job verloren haben, bereits einen neuen. Die Wirtschaft scheint robust, die Betriebe können nicht genügend Arbeitskräfte finden. Andererseits sind so viele Menschen delogiert worden. Obdachlosigkeit hebt die Kriminalitätsrate.

Sie haben drei Dutzend Bücher in drei Jahrzehnten geschrieben. Wie machen Sie das? Haben Sie denn gar keine Schreibkrisen?

Es gibt Tage, da kommen die Wörter langsamer. Aber ich habe noch nie auf einen weißen Bildschirm gestarrt und nicht gewusst, was ich schreiben soll. Ich habe eine Liste an Ideen für zukünftige Bücher. Die Frage für mich ist eher, welches ich als nächstes schreibe.

Sind Sie schon dran am nächsten?

Ja, ich starte jedes Jahr im Jänner den nächsten Gerichts-Thriller. und ich gebe mir sechs Monate dafür. Ich habe also schon zwei Drittel des Buches geschrieben, das im Herbst herauskommen wird.

Hat die Pandemie Ihr Schreiben verändert?

Anfangs hatten wir alle Angst. Es fiel mir sehr schwer zu schreiben, ich konnte mich nicht vom Fernseher losreißen. Das tat ich dann aber. Und dann hatte ich nichts anderes zu tun als zu lesen und zu schreiben. Ich habe im letzten Jahr mehr geschrieben als jemals zuvor. So wurde „Der Polizist“ ein viel zu dickes Buch (lacht). Ich habe viel zu viel geschrieben.

Buchinfo: "Der Polizist" von John Grisham

Übersetzt von Bea Reiter, Imke Walsh-Araya und Kristiana Dorn-Ruhl.
Heyne Verlag.
672 Seiten.
24,70 Euro

 

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