Kultur
30.07.2016

Bestseller-Autorin Taschler: Trau Dich! Verschick es!

Auf dem Weg zum großen Wurf: 2013 landete Judith Taschler, 45, mit ihrem Roman „Die Deutschlehrerin“ einen Bestseller, der 2017 verfilmt wird. Derweil bringt die Spätberufene ein neues Buch heraus und arbeitet schon am nächsten. In der freizeit erzählt sie von ihrem Leben als Schriftstellerin und Dreifachmutter mit schwierigen Startbedingungen ins Leben.

Frau Taschler, von Autoren will man gerne wissen, wo sie ihre Bücher schreiben. Ihre Kreativwerkstatt ist ein Baumhaus mit Blick auf Innsbruck.

Hier kann ich mich zurückziehen, weil im Haus mit drei Kindern doch nicht so viel Ruhe und Platz ist. Ich liebe das Baumhaus vor allem wegen der Glaswand. Wenn das große Fenster und die Glaswand nicht wären, würde ich mich eingeengt fühlen. In kleinen Räumen kann ich nicht schreiben. Da fließt keine Energie. Ich brauche die Weite.

Am 1. September erscheint Ihr neues Buch „Bleiben“. Bitte erzählen Sie aus dem Leben einer Autorin. Wie fühlt es sich an, ein neues Buch in Händen zu halten?

Unglaublich natürlich. Und die Freude ist immer noch groß, wenn ich das Buch in die Hand nehme – obwohl ich schon am nächsten schreibe. Mitte Jänner 2017 ist Abgabetermin. Im Herbst bin ich öfter auf Lesereise in Deutschland. Ich muss schauen, dass ich bis Mitte September noch viel schaffe.

Wie lange dauert es, bis Sie in den Schreib-Flow kommen?

Die ersten 60, 70 Seiten fühlen sich richtig masochistisch an. Der Schreibfluss setzt erst danach ein, auch beim sechsten Buch. Aber wenn es einmal läuft, ist der Prozess toll. Nur meine Familie hat es nicht so leicht, weil ich die letzten Wochen vor Ende eines Buches in meine Fantasiewelt abtauche und geistig nicht mehr präsent bin.

Sie waren Deutschlehrerin. Da liegt das Schreiben nahe. Aber bis zum Roman ist es noch ein weiter Weg, oder?

Zuerst habe ich nur für mich geschrieben und mir immer gedacht, dass die Texte ohnehin wieder in der Schublade landen. Aber als ich im Winter 2009/10 mein erstes Buch geschrieben habe, wusste ich irgendwie, dass es Potenzial haben könnte. Ich habe es dann einigen Leuten zum Lesen gegeben, darunter meiner Schwester und meiner Cousine. Die haben dann gesagt: „Bitte trau dich! Verschick es.“

Warum war Ihr Mann denn nicht unter den ersten Lesern?

Er war anfangs nicht so interessiert. Ich glaube, er dachte sich: „Jetzt schreibt sie halt wieder.“ Er hat es aber dann sofort in Buchform gelesen. Für ihn war es mein Hobby, aber er hat nie ernsthaft daran geglaubt, dass daraus ein Beruf werden könnte. Jetzt ist er stolz, aber am Anfang war es für alle ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Wir mussten organisieren, dass er bei den Kindern bleiben kann, wenn ich unterwegs bin. Mittlerweile funktioniert das gut.

Wie ging es mit dem ersten Buch weiter?

Ich habe es an mehrere österreichische Verlage geschickt und ständig Standardabsagen bekommen: „Das Buch ist toll, passt aber leider nicht in unser Programm.“ Erst der Chef des Droschl-Verlags in Graz, Rainer Götz, war begeistert und hat mir den Picus-Verlag in Wien empfohlen. Zwei Wochen später bekam ich Antwort.

Haben Sie danach daran geglaubt, dass Sie es als Autorin schaffen können?

Ich hatte den Traum, Schriftstellerin zu werden, schon mit 16. So wie andere davon träumen, Schauspielerin oder Moderatorin zu werden. Aber ich habe mir immer gedacht, das ist alles unrealistisch, das schaffst du eh nicht. Deshalb habe ich mich nie getraut, das in Angriff zu nehmen. Wenn ich gewusst hätte, dass die Rechnung so gut aufgeht, hätte ich schon viel früher angefangen.

Ihr bisher erfolgreichstes Buch „Die Deutschlehrerin“ wird 2017 verfilmt. Wie oft hat es sich verkauft?

Es waren etwa 27.000 Hardcover. Das Taschenbuch, das bei meinem neuen Verlag Droemer erschienen ist, verkauft sich auch gut, im vergangenen Jahr schon 50.000-mal. Erfolgreich bin ich, aber den richtig großen Durchbruch schafft man nur mit einem großen Verlag.
Den haben Sie ja jetzt. Rechnen Sie bei „Bleiben“ mit dem großen Durchbruch?
Was die Verkaufszahlen betrifft, ist vor allem mein Mann sehr zuversichtlich. Aber mein Agent meint, „Bleiben“ ist eher ein literarisches Buch und kein Unterhaltungsroman. Aber ich kann mich nicht verkaufen oder verbiegen und im Hinterkopf haben, dass ich jetzt einen Unterhaltungsroman schreiben muss. Ich lasse mich einfach überraschen.

Wer oder was soll „Bleiben“?

Das ist eine traurige Geschichte. Ein Freund in unserem Bekanntenkreis hat im März 2014 die Diagnose Lungenkrebs bekommen und ist im Juni 2015 gestorben. Ich habe viel Zeit bei ihm im Hospiz verbracht und er hat ein paar Monate vor seinem Tod gesagt: „Ich würde schon noch gerne auf dieser Welt bleiben.“ Diese Satz ist mir sehr nahe gegangen. Daher der Titel.

Wie viel von dem, worüber Sie schreiben, ist autobiografisch?

Ich bin viel in Schulen unterwegs, wo mich die Schüler das auch immer gleich fragen. Es ist nie eins zu eins, aber natürlich schreibe ich über Themen, die mich in meiner Lebenswelt beschäftigen. Du musst als Autorin aber auch die Fantasie haben, fremde Lebenssituationen kreieren zu können.

In „Sommer wie Winter“ sucht der Protagonist Alexander seine Mutter ...

Ja, da habe ich etwas „aufgearbeitet“. Ich wurde ja adoptiert und habe mit 13 Jahren wie besessen begonnen, meine Herkunftsfamilie zu suchen. Es war mir ganz wichtig, dass ich meine leiblichen Eltern einmal persönlich sehe. Darum geht es auch in dem Buch. Um die Identitätssuche.

Darum, zu wissen: Wer bin ich? Das ist in der Pubertät brennend wichtig. Im Buch, das ich gerade schreibe, verarbeite ich nun ein bisschen die Geschichte meiner Mutter. Das heißt, Sie sind ihr später begegnet?

Ich habe meine Mutter kennengelernt, als ich 16 war und sie mit 17 zum zweiten Mal gesehen. Ich war sehr interessiert an Kontakt, aber sie wollte das eigentlich nicht. Sie hätte sich dann noch mehr von den Geistern der Vergangenheit verfolgt gefühlt. Das musste ich akzeptieren.

Wie ist die Situation heute?

Vor zwei Jahren hat ein intensiver Briefkontakt zwischen uns begonnen. Ich wusste ja nichts über medizinische Hintergründe in der Familie. Bei jeder Mammografie wirst du gefragt, ob es Krebs in der Familie gibt und ich wusste einfach nichts. Ich habe dann ihre Adresse herausgefunden, weil sie inzwischen ein paar Mal umgezogen ist. Wir haben auch ein paar Mal telefoniert, aber sehen wollte sie mich nicht.

Konnten Sie das verstehen?

Ja, natürlich. Im Oktober 2015 hatte ich dann eine Lesung in ihrer Heimatstadt und habe sie spontan gefragt, ob wir uns nicht sehen wollen. Das Treffen war dann sehr bewegend. Wir haben uns umarmt und geweint. Sie hat sehr viel aus ihrer Kindheit und Jugend erzählt und darüber, wie unglücklich damals alles gelaufen ist.

Sie wollte Sie nicht weggeben?

Sie wurde in der Schwangerschaft verlassen, war sehr jung, hatte selbst keine Familie als Rückhalt, und hat es einfach nicht geschafft. Eigentlich wollte sie nur eine Pflegefamilie für mich, die sie während der Woche unterstützt. Sie musste wieder arbeiten gehen, als ich zwei Monate alt war. Junge Mütter wurden in den 1970ern nicht sehr unterstützt. Es gab auch keine Karenzzeit.

Es zeugt von Größe, einzugestehen, dass man etwas nicht schafft.

Ja, es ist Größe, um Hilfe zu bitten. Es wurde dann auch eine Pflegefamilie gefunden, aber meine leibliche Mutter wurde vom Jugendamt ziemlich unter Druck gesetzt, mich zur Adoption freizugeben. Das war nie geplant und ich glaube, sie hat noch lange damit gehadert.

Heute ist sie bestimmt stolz darauf, was aus Ihnen geworden ist.

Sie hat mir erzählt, dass sie oft in die Buchhandlung geht, um sich meine Bücher anzusehen. Ich habe ihr alle geschickt und möchte auch mit ihr darüber reden, dass es im neuen Buch um eine junge Frau gehen wird, die vom Jugendamt gezwungen wird, ihr Kind zur Adoption freizugeben. Aber ich fiktionalisiere die Geschichte schon, es ist ja Literatur.

Was ist mit Ihrem Vater?

Ich habe ihn und meinen Halbbruder ein paar Mal getroffen. Der Kontakt ist aber abgebrochen, was kein Problem für mich ist. Man kann nicht durchs Leben rennen und mit allem hadern. Da raubst du dir zu viel.

Manche Psychologen hätten Ihnen aufgrund Ihrer Geschichte wohl keine große Chance gegeben, eine glückliche Familie zu haben. Wie ist Ihnen das gelungen?

Es war sicher mein Wille, aber auch die Tatsache, dass ich den richtigen Partner gefunden habe. Ich bin 1995 nach Innsbruck gekommen und habe meinen Mann beim Literaturstudium kennengelernt. Wir haben geheiratet und sind bis heute zusammengeblieben. Es hat einfach gepasst.

Sie hatten auch Glück mit Ihrer Adoptivfamilie, oder?

Ja, wir hatten ein offenes Haus, das immer voller Leute, Kinder, Tiere und Bücher war. Ich bin meinen Eltern auch sehr dankbar. Es war eine bunte Kindheit im Mühlviertel.

Wie würden Sie die Eltern beschreiben?

Meine Eltern waren offen, liberal und tolerant und sind in diesem kleinen Dorf deshalb auch öfter angeeckt. Putzleinsdorf ist ja ein 1.600-Seelen-Dorf und teilweise ging es dort natürlich auch konservativ und religiös zu. Meine Eltern waren überhaupt nicht so, zum Glück für uns Kinder. Sie haben immer gesagt: „Jeder wie er will.“ Das klingt wie ein Klischee, aber es war so. Jeder soll handeln wie er möchte und niemand soll darüber urteilen.

Glauben Sie an Schicksal?

Eigentlich nicht. Ich glaube an den eigenen, freien Willen, der natürlich durch physische und psychische Faktoren beeinflusst wird.

Würden Sie sich als positiven Menschen bezeichnen?

Schon. Manchmal etwas zu positiv sogar. Mein Mann sagt immer: „Du färbst immer alles schön.“ Aber das muss man auch.

Wurde Ihnen das in die Wiege gelegt?

Ich habe es mir sicher auch angelernt. Gerade, wenn man drei Kinder hat, ist es wichtig, Lebensfreude vorzuleben. Meine Kinder sollen es schaffen, das Glück zu spüren. Dieses Talent hatte ich früher nicht so, weil man aus der Kindheit so viel mitnimmt. Ich hatte ein Packerl zu tragen und war ein eher schwermütiger Mensch. Auch heute noch, liege ich oft da, lege mir die Hände auf den Bauch und sage mir vor: „Dir geht es gut.“ Früher habe ich mir das oft einreden müssen. Aber mittlerweile greift die Autosuggestion.

Judith Taschler, 45, wurde 1970 in Linz geboren. Ihre Mutter musste sie zur Adoption freigeben, als sie noch ein Baby war. Danach wuchs sie mit sechs Geschwistern in Putzleinsdorf im Mühlviertel auf. Nach Abschluss der Schule ging sie als Au-Pair in die USA und arbeitete nach der Rückkehr nach Österreich als Sekretärin, Horterzieherin und Autoverkäuferin. Ab 1995 studierte sie in Innsbruck Germanistik und Geschichte und war einige Jahre Deutschlehrerin. Während des Studiums lernte sie auch ihren Mann kennen, der Events für große Firmen plant. Mit ihm hat sie drei Kinder. Trotz der Doppelbelastung als Lehrerin und Mutter begann Taschler 2009 zu schreiben und veröffentlicht im Herbst ihren vierten Roman. Der fünfte ist in Arbeit. Heute ist Taschler Autorin und Mutter. Ihr bisher erfolgreichstes Werk „Die Deutschlehrerin“ verkaufte sich bisher 77.000-mal und wird 2017 verfilmt.

Judith W. Taschlers neuer Roman „Bleiben“ erscheint am 1. September bei Droemer.

www.jwtaschler.at