© /Clemens Lechner

Bestseller-Autor
10/29/2016

Marc Elsberg: "Du wirst Mr. Mainstream werden"

Autor Marc Elsberg, 49, packt die heiklen Themen an: Sein Buch „Blackout“, über einen von Hackern verursachten Stromausfall, wurde zum Bestseller, in seinem neuen Roman „Helix“ schreibt er über Gentechnik. In der freizeit erzählt er von Designer-Babys, komplexen Themen für die Masse und sein Pseudonym.

von Barbara Reiter

Herr Elsberg, oder soll ich Sie im Gespräch lieber Rafelsberger nennen?

Immer diese Frage. Für die Leserinnen und Leser steht Marc Elsberg auf dem Buch. Wozu denn meinen Namen thematisieren?

Weil ich genial finde, wie Sie Ihren Autorennamen aus Ihrem eigenen erschaffen haben.

Der Name ist leichter zu merken und funktioniert auch international besser.

Ich glaube, ich hätte „Blackout“ nicht so schnell gekauft, wenn den Roman ein Markus Rafelsberger geschrieben hätte. Es klingt blöd, aber es war kein Nachteil, dass ich nicht wusste, dass Sie Österreicher sind.

Na, sehen Sie! Ich werde oft für einen Skandinavier oder Amerikaner gehalten, weil es den Namen in diesen Ländern gibt. Ein blöder Spruch lautet: Der Prophet im eigenen Land gilt nix, wobei ich mich nicht als Propheten bezeichne. Aber da ist was Wahres dran.

Sie haben schon vor Ihrem Durchbruch mit „Blackout“ Bücher herausgebracht, darunter Krimis. Wie kam es, dass Sie komplett das Genre gewechselt und begonnen haben, Science-Thriller zu schreiben?

Ich habe immer schon gerne Dinge über gesellschaftlich relevante Themen gelesen. Michael Crichton ist der Autor des Buches „Jurassic Park“, das als Film noch viel bekannter wurde. Er hat sich darin schon 1990 mit dem Thema Genetik befasst. Das ist ein fantastisch, spannender Thriller, wo ich beim Lesen auch noch was gelernt habe. Man findet ohnehin wenig Zeit zum Lesen, und wenn ich zusätzlich ein paar Denkanstöße bekomme, ist das für mich die interessantere Variante, als einen herkömmlichen Roman zu lesen. Irgendwann wollte ich so etwas selber schreiben.

Blackout“ handelt von den Auswirkungen eines von Hackern verursachten Total-Stromausfalls in Europa. Dass das Klo dann auch nicht funktioniert, weiß ich erst, seit ich Ihr Buch gelesen habe.

Das ist der Punkt. Man hat viele Aha-Momente. Es ist uns oft nicht bewusst, wie alles zusammenhängt und dass auch Tankstellen nicht mehr funktionieren, wenn es keinen Strom gibt. Ich habe da auch gemerkt, wieviel Spaß mir Recherchieren macht. Bei den Krimis musste ich das auch, aber da habe ich halt mit einem Polizisten oder Gerichtsmediziner gesprochen. Das liest man eh ständig.

Wissen Sie, dass ich seit „Blackout“ nicht mehr so viel Angst vor der Zukunft habe?

Oh, das haben wir jetzt auf Band. Das möchte ich bitte haben, um es zu veröffentlichen. Das ist schön.

Früher dachte ich, man ist nur auf der sicheren Seite, wenn man reich ist. Seit „Blackout“ weiß ich, dass das nicht stimmt. Denn wenn Chaos und Anarchie herrschen, sitzen alle im selben Boot.

Es freut einen Autor, wenn seine Bücher nicht nur zur Zerstreuung dienen, sondern die Menschen bewegen. Am wichtigsten ist mir aber immer noch, zu unterhalten und den Lesern Denkanstöße zu geben.

In Ihrem neuen Buch „Helix“ geht es um die vielen Facetten der Gentechnik – von Lebensmitteln bis zur künstlichen Befruchtung. Lassen Sie mich die Frage simpel formulieren: Darf der Mensch Gott spielen?

Ich sehe mich nicht als jemand, der behauptet, die richtige Antwort zu kennen. Denn es gibt sie nicht. Viel wichtiger ist, dass es wieder zu einer vernünftigen gesellschaftliche Debatte kommt. In vielen Teilen Europas, auch in Österreich, findet praktisch keine Debatte mehr statt, speziell was grüne Gentechnik, also die Landwirtschaft und den Lebensmittelbereich betrifft. Die Stimmung ist über die Jahre in eine derart negative Haltung gekippt, dass die gesamte Gentechnik in einem Aufwasch abgewählt wird. Aber wenn man anfängt, zu diskutieren, kommen die Leute drauf, dass die Gentechnik zum Beispiel in der Medizin wahnsinnig wichtig ist.

Ich weiß auch erst seit der Recherche zu diesem Interview, dass Insulin für Diabetiker aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen stammt.

Inzwischen werden über hundert Medikamente auf ähnlicher Basis hergestellt und von Menschen verwendet. Ich frage gern nach, welches Material jemand am Körper trägt. Oft ist es Baumwolle, wovon 80 Prozent der weltweiten Ernte aus gentechnisch veränderter Baumwolle stammen. Fast jeder trägt Gentechnik auf der Haut – wahrscheinlich täglich.

Noch schwieriger wird die Diskussion beim Thema Designerbabys. Im Buch erzählen Sie die Geschichte eines Paares, das sich dazu entschließt, ihr Kind mithilfe von Gentechnik mit extremer Intelligenz auszustatten. Ist das denn möglich?

Das ist der einzige Science-Ficiton-Part im Buch, hoffe ich zumindest. Das übliche Narrativ in so einer Geschichte ist, dass der Mensch ein Monster erschafft, wenn er Gott spielt – wie bei Frankenstein oder in „Die Insel des Dr. Moreau“. Die viel interessantere Frage ist aber: Was machen wir, wenn das gut geht und da wirklich intelligentere, schönere oder stärkere Kinder rauskommen? Das jeder ein Monster ablehnt, ist klar. Wenn ich die Geschichte so erzählt hätte, würde keine Diskussion zustande kommen, weil alle unisono sagen: Ein Monster wollen wir nicht.

Umgekehrt will jeder das Beste für sein Kind. Haben Sie Kinder?

Nein. Angenommen Sie hätten welche: Könnten Sie sich vorstellen, sie intelligenter zu machen, wenn es die Möglichkeit dazu gebe?
Ich würde es nicht ausschließen. Es hängt von den Umständen ab. Man muss sich anschauen, wie weit die Technologien sind und wie man damit umgeht. Emmanuelle Charpentier, eine der Entwicklerinnen der „Crispr/Cas-Technologie“, mit der sich Gene präzise und sicher ändern lassen, ist ja dagegen und wirft die Frage auf: „Warum sollte man das tun?“ Die Antwort ist einfach. Sie haben sie selbst gegeben. Jeder will das Beste für sein Kind. Die eigentliche Frage ist aber: Was ist das Beste? Wer definiert das?

Was ist denn heute möglich?

Die Augenfarbe kann man heute schon aussuchen. Das werden nicht viele Kliniken machen, aber theoretisch ist es möglich. Geschlecht sowieso, was ich im Buch auch erwähne. In Amerika heißt das „Family-Balancing“. Es werden in diversen asiatischen Staaten natürlich keine Mädchen eingesetzt, sondern nur Buben.

Die werden sich bald anschauen.

Was heißt bald? Die schauen sich jetzt schon an. Es ist wirklich brutal. In Indien gibt es jetzt schon ein Verhältnis von neun zu zehn und in China ist es noch schlimmer. In einigen Jahrzehnten wird das noch viel dramatischer sein.

Glauben Sie, dass es in Ihrem Freundeskreis viele Menschen gibt, die sich für ein Designerbaby entscheiden würden?

Ich überlege gerade. Ich nehme an, wir bewegen uns in Wien in einem ähnlichen Milieu. Das ist so die obere Mittelschicht. Gerade in dem Umfeld kann man sehr gut beobachten, wie kompetitiv Eltern im Bezug auf ihre Kinder sind. Ich habe im Bekanntenkreis Fälle, wo Kinder mit vier Jahren in den Mandarinkurs geschickt werden. Es wird auch viel diskutiert, in welche Elite-Gymnasien Kinder gehen sollen. Bloß keine normale Schule! Wenn solche Eltern die Möglichkeit bekommen, ihr Kinder noch kompetitiver zu machen, weiß ich nicht, ob sie sagen würden: „Das mache ich nicht.“ Wie gesagt: Ich würde es auch für mich nicht ausschließen.

Bestseller-Autor Elsberg mit Interviewerin Barbara Reiter: "Es freut einen Autor, wenn seine Bücher nicht nur zur Zerstreuung dienen, sondern die Menschen bewegen."

Herr Elsberg, warum haben Sie so viele Leser? Ihre Bücher behandeln komplexe Themen von Datenüberwachung bis Gentechnik. Sie sagten selbst einmal, Sie müssten beim Schreiben bei Adam und Eva anfangen, weil kaum ein Leser gut Bescheid weiß.

Ich glaube, die Leute nehmen meine Bücher an, weil es nicht so viele Autoren gibt, die solche Themen behandeln. Außerdem habe ich keine Scheu, populär zu sein. Ich bin kein Schriftsteller, der versucht, auf Literatur zu machen. Ich werde im Frühjahr die Ehre haben, einen Abend mit der Literaturnobelpreisträgerin 2015, Swetlana Alexijewitsch, zu bestreiten. Näher werde ich dem Literaturnobelpreis nie kommen. Aber das ist nicht mein Ziel. Mein Ziel sind viele Leser.

Aber in Deutschland wurden Sie als einziger Autor zwei Mal mit dem Preis für das „Wissensbuch des Jahres“ geehrt.

Gut, in der Kategorie Unterhaltung. Man macht bei uns häufig den Unterschied zwischen Literatur und Unterhaltung, auch wenn ich keinen sehe. Ich versuche, meine Geschichten sprachlich so zugänglich zu machen, dass möglichst viele Menschen damit umgehen können. Ein Freund hat mit mir an der Angewandten studiert. Ich habe während des Studiums in einer Werbeagentur gejobbt, und er meinte in einer Diskussion: „Du wirst noch Mr. Mainstream werden.“ Das war unter angehenden Künstlern kein Kompliment. Ich dachte mir aber: Das wäre, was ich mir wünschen würde.“

Sie haben lang in der Werbung gearbeitet. Haben Sie dort was fürs Schreiben gelernt?

Wenn man Werbung ernst nimmt, was wie ein Widerspruch in sich klingt, recherchiert man die Produkte, die man vermarkten soll, sehr genau. Das sind oft irrsinnige Mengen, die man dann auf einen Schlagzeile oder auf einen 30-Sekünder destillieren muss. Das ist sicher eine gute Schule, um komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen.

Sie widmen Ihren neuen Roman: „Wie immer Ursula“. Ursula muss wahrscheinlich oft auf Sie verzichten. Alleine an „Blackout“ haben Sie vier Jahre gearbeitet.

Als ich „Blackout“ geschrieben habe, war ich noch Vollzeit in der Werbung tätig und habe, passend zum Titel, vorwiegend abends, nachts und in meiner Freizeit geschrieben. Meine Frau wurde einmal bei einer Lesung gefragt, wie es wäre, einen Schriftsteller zum Mann zu haben. Sie hat geantwortet: „Wenn er schreibt, wollen Sie ihn nicht haben.“

Sind Sie dann nicht ansprechbar?

Ich bin schon ziemlich fokussiert und es ist gut möglich, dass ich in dieser Zeit nur über ein Thema rede. Das kann für das Umfeld nervig sein. Und es gibt auch Phasen beim Schreiben, wo nichts weitergeht und man unleidlich wird.

Als Außenstehender glaubt man, anderen geht alles leicht von der Hand.

Ich haben die ersten 150 Seiten von „Blackout“ drei Mal komplett neu geschrieben. Erst dann hatte ich die richtigen Figuren. Bei manchen Figuren habe ich bis auf den Namen und die Nationalität alles verändert.

Sein erstes Buch, den Millionen-Seller "Blackout" , schrieb Elsberg neben seinem Fulltime-Job als Werber

Wo schreiben Sie?

Ich habe mehrere Lieblingsplätze. Da gibt es einen modernen Lehnstuhl, den ich mir von einem meiner ersten Gehälter gekauft habe, weil er mich schon immer fasziniert hat. Dann habe ich einen Schreibtisch, an dem ich gerne sitze – meistens in den frühen Phasen, wenn ich meine Geschichten plane. Bei so komplexen Themen und so vielen Handlungssträngen wie in meinen Romanen geht das nicht anders. Ich sitze auch gerne auf der Couch. Zwischen diesen drei Plätzen pendle ich.

Sie haben am Wahlsonntag auf Twitter gepostet, dass FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer Ihr Buch „Blackout“ liest. Ist das nicht unklug in politisch schwierigen Zeiten?

Auf meiner Facebook-Seite kann man sich das genauer anschauen. Es gab in einer Zeitung ein kleines Porträt beider Kandidaten, mit der Frage, was sie als nächstes lesen würden. Der Hofer hat halt gesagt, er wird als nächstes „Blackout“ lesen. Da hab ich mir gedacht, dass ich schon was machen muss. Ich habe dann geschrieben, dass ich das eine gute Idee fände, weil „Blackout“ zeigt, dass wir in einer vernetzten Welt Probleme nicht dadurch lösen, dass wir uns abschotten. Es geht nur gemeinsam.

Sie haben das also in Kritik verpackt.

Ich bin niemand, der in einem Post sagt: „Der Kerl soll sonst was machen, aber ja nicht mein Buch lesen.“ Ich stehe den Positionen dieser Leute sehr kritisch gegenüber, aber es hilft uns nicht, wenn wir Extrempositionen einnehmen und keine Diskussionen mehr führen.

Sagen Sie Herr Elsberg, haben Sie eigentlich schon ausgesorgt?

Nein, ausgesorgt habe ich nicht.

Ein Autor bekommt laut Internet vom Verkaufspreis eines Hardcover-Buches etwa zehn Prozent. Sie haben alleine von „Blackout“ im deutsche Sprachraum eine Million Exemplare verkauft.

Die Mehrzahl davon aber billigere Taschenbücher. Es hat auch in anderen Ländern hübsche Verkaufszahlen gegeben, aber das hat sich alles über vier Jahre erstreckt. Wenn wir jetzt Rechenübungen anstellen wollen: 250.000 Euro im Jahr sind noch immer schön, aber das will ja noch versteuert werden. Dann bleibt die Hälfte übrig – und eine Angestellte bezahle ich davon auch. Trotzdem geht es mir gut, auch, weil ich als Vortragender gut gebucht bin. Ich bin privilegiert. Nicht viele Autoren aus Österreich erreichen Millionen-Auflagen.

Was kann man sich da noch wünschen?

Ich bin derzeit relativ wunschlos. Was soll ich sagen? Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und lebe als Autor meinen Traum, darf machen, was ich will, mir aussuchen, was ich schreibe, wann ich schreibe, wo und wie ich schreibe. Das ist, was ich machen will! Meine Bücher werden auch noch gelesen, übersetzt und, so Gott will, auch verfilmt. Wenn ich nun damit anfinge, mir Weltfrieden zu wünschen, wäre das komisch – auch, wenn ich das natürlich tue.

Marc Elsberg, 49, wurde 1967 in Wien geboren und wuchs in Baden auf. Nach der Matura studierte er Industriedesign an der Angewandten und war als Kreativdirektor in der Werbung tätig. Seine schreiberische Karriere startete er als Marcus Rafelsberger mit einer Kolumne für die Tageszeitung „Der Standard“, sein literarisches Debüt folgte 2000 mit dem satirischen Roman „Saubermann“. Der internationale Durchbruch gelang Elsberg 2012 mit dem Science-Thriller „Blackout“, der sich alleine im deutschsprachigen Raum über eine Million Mal verkaufte. Damit gehört er zu den erfolgreichsten Autoren Österreichs. Elsbergs neuer Roman „Helix“, in dem es um Gentechnik geht, erscheint übermorgen. Der Autor lebt mit seiner Frau Ursula in Wien.

Info: „Helix. Sie werden uns ersetzen“. Marc Elsbergs neuer, sehr spannender Thriller über Gentechnik, ist bei Blanvalet erschienen und ab 31. Oktober erhältlich.
Der Roman hat 648 Seiten und kostet 23,70 Euro. http://www.marcelsberg.com

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