Unglaublich: der 73-jährige John Maxwell Coetzee.

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Besser, man scheitert und bleibt unbefriedigt
10/25/2013

Besser, man scheitert und bleibt unbefriedigt

"Die Kindheit Jesu": Eine bizarre Flüchtlingsgeschichte von John Maxwell Coetzee.

von Peter Pisa

Den Buchtitel vergessen wir lieber gleich wieder. Er klingt wichtig, vielleicht muss das beim Nobelpreisträger von 2000 so sein, aber er verwirrt bloß.

David ist David, nicht Jesus. Auch wenn er sich weigert, seinem Lehrer zu glauben, dass 1 + 1 zwei ist. Für David ergibt es nur manchmal zwei, könnt’ aber morgen schon 88 sein.

Er hat seine eigene Lehre. Ein anstrengender Revoluzzer, der außerdem meint, er könne Ertrinkende retten. Zuerst sollte er aber vielleicht doch schwimmen lernen ...

Salzlos

David ist fünf. Ein Flüchtlingskind, das mit dem Schiff in ein namenloses Land kommt, in dem Spanisch gesprochen wird. Den Namen der Mutter hatte der Bub auf einem Zettel. Den Zettel verlor er. Simón, ein älterer Mann, nimmt sich seiner an.

Der Empfang im neuen Land, das man sich wie eine riesige Unterbringungsanstalt vorstellen kann, ist korrekt und kühl: Das fensterlose Zimmer C 55 ist noch frei.

Die Menschen sind wie Brot und Bohnenbrei. Fad. Offensichtlich muss man im neuen Leben in der Fremde auf das Salz verzichten. Auf Gefühle, Umarmungen, Sex.

Simón, der für David eine Mutter sucht, will nicht verzichten. Er geht auf die nächstbeste Frau zu und bittet sie, Davids Mutter zu sein.

Und sie macht es!

Philosophieren

„Die Kindheit Jesu“ hat also eine Handlung. Der Südafrikaner J. M. Coetzee erzählt äußerst knapp. Fast sieht man ihn, während man liest, beim Begutachten, Kürzen und Feilen jedes einzelnen Satzes: Wirkt er „normal“ genug, um einen tollen Kontrast zur bizarren Flüchtlingsgeschichte zu bieten?

Das Unglaublichste ist: Man ahnt ja rasch, dass es dem Autor vor allem darum geht, philosophieren zu dürfen. Das tun auch die Flüchtlinge, die – wie Simón – fast alle im Hafen gern hart arbeiten und Getreidesäcke von den Schiffen tragen.

Sie diskutieren z. B., was einen Stuhl zum Stuhl macht.

Simón (und damit wohl auch Coetzee) will lieber über etwas anderes reden: Ob es wirklich besser ist, derart brav und genügsam zu leben – ganz ohne Leidenschaft, ohne Auf und Ab.

Ob es bei aller drohender Dramatik nicht doch schöner wäre, zu lieben und zu scheitern und irgendwie endlos unbefriedigt zu bleiben ...

David wird uns einreden wollen, dass Zahlen vom Himmel fallen können – und genau das ist das Unglaubliche an diesem seltsamen Roman des heute 73-Jährigen: Man ist und bleibt fasziniert. Sogar, wenn laut darüber nachgedacht wird, ob in der Wurst Kacke ist.

KURIER - Wertung:

INFO: J.M.Coetzee: „Die Kindheit Jesu“ Übersetzt von Reinhild Böhnke. Verlag S. Fischer. 352 Seiten. 22,70 Euro.

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