Kultur
30.10.2017

"Besser hätte es nicht laufen können"

Kommissärin Christa Steinle bilanziert über den österreichischen Beitrag mit den Skulpturen von Brigitte Kowanz und Erwin Wurm.

Die Kunstbiennale von Venedig, Mitte Mai eröffnet, läuft noch vier Wochen. Quasi als Dernière führen am 25. November Bazon Brock und Peter Weibel durch den österreichischen Beitrag – in Anwesenheit von Brigitte Kowanz und Erwin Wurm. Im Interview mit dem KURIER zieht Kommissärin Christa Steinle, viele Jahre Leiterin der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum in Graz, bereits jetzt ein Resümee.

KURIER: Ging das Konzept mit den Skulpturen von Brigitte Kowanz und Erwin Wurm auf?

Christa Steinle: Definitiv. Wir haben bis jetzt um die 200.000 Besucher gezählt, jedes Wochenende kommen etwa 4000 zu unserem Pavillon. Vor dem Truck von Wurm stehen Menschenschlangen. Obwohl er – wie auch der Caravan im Inneren – ein kritisches Statement zum Thema Migration ist: Der partizipative Ansatz, das Erklimmen eines auf den Kopf gestellten Lkw, erzeugt eine optimistische Stimmung der Handlungsfähigkeit. Die Arbeiten von Kowanz stehen dem in Nichts nach: Die Menschen sitzen auf dem Boden und meditieren vor diesen Licht-Spiegelungen. Besser hätte es von der Besucherresonanz her nicht laufen können. Aber auch die Berichterstattung von der New York Times bis zur Vogue ist überwältigend. Der Pressespiegel umfasst bereits mehr als 2000 Seiten.

Die Besucher dürfen im und rund um den Caravan Posen einnehmen, also zu "One Minute Sculptures" werden. Wurm äußerte die Sorge, dass seine Objekte beschädigt werden könnten.

Das ist auch passiert, es gab mehrere, kleinere Versicherungsfälle. Eben weil die Menschen das Performance-Angebot begeistert angenommen haben. Aufgrund des Ansturms musste ich das Personal aufstocken.

Das hat Ihr – ohnedies eng bemessenes – Budget belastet. Werden Sie dennoch ausgeglichen bilanzieren können?

Wir konnten die Bundessubvention, 400.000 Euro, mit Hilfe von Sponsoren und weiteren Subventionen verdoppeln. Die Kosten haben wir unter Kontrolle.

Der Kommissär oder die Kommissärin Österreichs haftet persönlich, wenn es zum Schluss ein Defizit gibt. Ist das fair?

Das ganze Projekt ist ein Wagnis. Denn als ich den Vertrag unterschrieb, wusste ich zwar, dass ich Kowanz und Wurm präsentieren werde. Und mir war schon klar, dass ihre skulpturalen Arbeiten nicht billig sind. Aber dass wir vor dem Pavillon einen Truck hinstellen – und für den Beitrag von Kowanz einen White Cube errichten würden: Das wusste ich nicht. Die Realisierung ging nur aufgrund großzügiger Sachleistungen und Eigenleistungen der Künstler. Man darf aber nicht davon ausgehen, dass es immer ein derart hohes Engagement kunstaffiner Menschen und Firmen gibt. Kulturminister Thomas Drozda zeigte Verständnis für die Problematik und wollte die Konstruktion überdenken. Bei den meisten anderen Pavillons gibt es einen Kommissär und einen Kurator, also eine Aufgabenteilung. Die Kuratoren können daher ihre Kompetenz ausspielen – und bekommen nicht den riesigen Rucksack inklusive Organisation, Marketing, Sponsorenbetreuung und Eventmanagement umgeschnallt. Das ist sinnvoll.

Strafverschärfend kam in Ihrem Fall hinzu, dass Sie keine Institution im Hintergrund haben. Denn Sie gingen Ende 2016 in Pension.

Daher habe ich gleich einmal eine Struktur gegründet. Das Budget einzuhalten, ist mir vertraut. Aber all diese unternehmerischen Dinge: Das war eine neue Erfahrung. Und das war schon auch ein großes Risiko.

Sie wurden kritisiert, weil Sie sich als Frau nicht nur für eine Frau entschieden haben – sondern auch für einen Mann.

Ich habe zwei Künstler "on the top" vorgeschlagen, zwei Beiträge zu einem erweiterten Skulpturenbegriff. Sie repräsentieren Österreich auf internationalem Niveau. Und ich habe auf Genderparität geachtet. Ich kann diesen Vorwurf daher nicht verstehen. "Gleichberechtigung ist Gleichberechtigung ist Gleichberechtigung."

Für die Arbeiten von Kowanz haben Sie hinter dem Pavillon einen Kubus aus Holz errichten lassen. Wie viel hat er gekostet – und was passiert mit ihm?

Etwa 130.000 Euro. Er wurde von Hermann Eisenköck als temporäre Architektur geplant. Denn vertraglich ist vereinbart, dass nach der Biennale der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden muss. Aber aufgrund des großen Zuspruchs gab es schon die Hoffnung, dass er als Erweiterungsbau für weitere Biennalen Verwendung finden könnte. Drozda schien nicht abgeneigt. Aber nun wurde uns mitgeteilt, dass Verena Konrad, die Kommissärin der Architekturbiennale 2018, den Zubau nicht möchte. Ich finde das schade. Der "Light Space" ist ästhetisch sehr gelungen. Ich glaube, man sollte auch die Meinung des nächsten Kunstbiennale-Teams einholen. Vielleicht wäre man froh über den zusätzlichen Raum.

Wäre eine andere Nachnutzung denkbar?

Es gibt die Idee, den Kubus im Skulpturenpark südlich von Graz aufzustellen – eben für eine große Arbeit von Kowanz als Dauerleihgabe. Wurm ist im Skulpturenpark mit zwei Arbeiten vertreten, Kowanz hingegen noch nicht. Die Kosten würden 80.000 Euro ausmachen.

Falls es nicht dazu kommt?

Wird der Kubus demontiert und das Holz verkauft.