© Maria Lassnig Stiftung

Kultur
11/27/2019

Beschissene Mütter, böse Väter: Neue Familienbilder in der Kunst

Dommuseum und Secession zeigen Darstellungen abseits des glücklichen Idylls

„Zeige deine Wunde“ hieß die Ausstellung, die das Wiener Dommuseum in der vergangenen Saison (2018/’19) zeigte. Nach dem fordernden Thema schien eine Gruppenschau mit Familien-Bildern, rechtzeitig zur Vorweihnachtszeit, als unkomplizierte Wahl. „Doch wie sich herausstellte, ist das Thema Familie noch heftiger“, sagt Johanna Schwanberg. Die Direktorin des Museums ist auch federführende Kuratorin der Ausstellung, die bis August 2020 neben dem Stephansdom zu sehen ist.

Wunden und Traumata, die oft über Generationen nicht verheilen, haben häufig ihren Ursprung innerhalb des Verbands von Müttern, Vätern und Kindern. Doch im Vergleich zu Literatur, Theater und Film hat die bildende Kunst relativ wenige Bilder und Motive parat, um diesem Umstand Ausdruck zu verleihen: Hier wirkt die Tradition repräsentativer Darstellungen von Herrscher- und Bürgerfamilien und die im Madonnen-Schema festgeschriebene Idylle zwischen Mutter und Kind bis heute nach.

Nicht alles in Butter

Die Ausstellung „Family Matters“ im Dommuseum formuliert hier ein großes und informatives „Ja, aber“: Ohne Rücksicht auf zeitliche und stilistische Grenzen – und durchwegs auch in Distanz zu katholischen Familien-Idealen – hat Schwanberg ein breites Spektrum an Bildern zusammengetragen und in teils heftigen Konfrontationen arrangiert. Da finden sich freilich jene idealisierten Madonnen (etwa aus der Werkstatt Lucas Cranachs d.Ä., 1537), die nichts als Hingabe symbolisieren. Doch in den bearbeiteten Fotos von Iris Legendre ist die Mutter wie eine Voodoo-Puppe mit Stecknadeln durchbohrt.

Konventionelle Familienporträts – die Personen sind darin oft nicht zufällig in einer buchstäblich unverrückbaren Dreiecks- oder Vierecks-Komposition eingeschrieben – entpuppen sich in der Schau immer wieder als Reibebäume für Künstlerinnen und Künstler. In einem Gemälde von Werner Berg (1932) lässt ein nach außen gerichteter Blick den Vater aus dem Rahmen fallen. In den verfremdeten Fotos von Weronika Gęsicka kippen die hoch idealisierten, mit perfektem Zahnpastalächeln ausgestatteten Vorbild-Familien der 1950er Jahre in die Karikatur.

Nur manche Kunstschaffende erfanden gänzlich neue Formen fürs familiäre Ungleichgewicht: Etwa Maria Lassnig, in deren Gemälde „Obsorge“ (2008) Vater und Mutter ums Kind raufen. Das traditionelle Familiendreieck steht hier Kopf.

Fliehkraft und Exkrement

Gegen die Sogkraft kitschiger Konvention wehrt sich auch die iranischstämmige, in Los Angeles lebende Malerin Tala Madani, die derzeit in der Wiener Secession ausstellt.

Für die Künstlerin, die selbst zwei Kinder hat, war das Mutter-Baby-Motiv zunächst eine naheliegende Wahl. Die ersten Ergebnisse fühlten sich aber abgeschmackt an, wie sie erzählt. Als sie die Malversuche wieder von der Leinwand abwischte, schloss sich für Madani ein Kreis: Aus der verschmierten Farbe wurden Exkremente, die in den Bildern nun in die Hände von Babies gelangen. Die Kinder – oft in verlassenen Räumen platziert – schmieren ihrerseits mit der braunen Substanz herum und formen sich damit ihre Mutterfigur selbst.

Kind und Kunst

Der Titel der Bildserie, „Shit Moms“ („Scheißmütter“) benennt diese Kreationen – zugleich bezeichnet das Wort in abwertender Weise Frauen, die in der Mutterrolle versagen. Dass Künstlerinnen nach wie vor über Gebühr von diesem Vorurteil betroffen sind und es äußerst schwer haben, Kinderbetreuung und Kunstkarriere zu vereinbaren, muss hier erwähnt werden – nicht zuletzt Maria Lassnig meinte, sich entscheiden zu müssen, und verarbeitete ihr Hadern mit dieser Frage künstlerisch.

Die Generation von Madani (*1981) wagt nun den Spagat. Mit dem Resultat, dass es auch eine größere Vielfalt neuartiger Familien-Bilder gibt.

INFO: Aktuelle Austellungen

Dommuseum Wien „Family Matters“: Bis 30. August 2020,   von Mi – So 10 – 18 Uhr, Do   10 – 20 Uhr. Am Freitag, den 29.11. (10.30) findet eine  „Babytour“ für Menschen mit kleinen Kindern statt.    www.dommuseum.at

Secession Tala Madanis Serie „Shit  Moms“ ist bis 9. Februar 2020 im Hauptraum der Wiener Secession zu sehen. Di – So, 10 – 18 Uhr. Zur Ausstellung ist ein   Künstlerbuch erschienen (33 €).  www.secession.at

Albertina „Ways of Being“, die  große Werkschau von Maria Lassnig, läuft nur noch bis Sonntag, den 1. Dezember (täglich 10 – 18 Uhr, Mi und Fr 10 – 21 Uhr).  Zu sehen sind u.a. Schlüsselwerke wie „Die Illusion von der versäumten Mutterschaft“ (1998).

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