Goldener Bär für den besten Film: Katia Pascariu spielt eine Lehrerin in einem privaten Sexvideo in Radu Judes herausragendem  „Bad Luck Banging or Loony Porn“  

 

© Silviu Ghetie

Kultur
03/05/2021

Berlinale: Goldener Bär für Sex, Lügen und Video

Der Rumäne Radu Jude bekommt Goldenen Bären für eine Gesellschaftssatire, Maren Eggert wird für beste Schauspielleistung ausgezeichnet

Kein roter Teppich, keine Gala-Kleider, keine Preisträger und keine Preisträgerinnen. Wo üblicherweise Berlin auf höchste Glamour-Stufe schaltet, herrscht heuer gähnende Leere. „Das ist keine Preisverleihung, sondern nur eine Preisverkündung“, teilte Berlinale-Chef Carlo Chatrian trocken per Live-Stream mit: „Die richtige Gala folgt erst im Juni.“

Dann erschienen auf dem Computerbildschirm die via Zoom zugeschalteten Köpfe der Jury-Mitglieder und verkündeten die Gewinner der 71. Berlinale, die heuer erstmals online stattfand.

Wunderbarerweise entschied sich die Jury für das provokante, aufrührerische Gesellschaftsporträt des rumänischen Regisseurs Radu Jude: „Bad Luck Banging or Loony Porn“ erwies sich damit nicht nur als witzigster Filmtitel des Festivals, sondern erhielt auch den Goldenen Bären für den besten Film.

Bereits 2015 wurde der 1977 in Bukarest geborene Filmemacher für seinen Balkan-Western „Aferim!“ mit dem Silbernen Bären als Bester Regisseur in Berlin ausgezeichnet. Nun folgt der Goldene Bär hinterher.

Heuchlerisch

In drei formal höchst unterschiedlichen Kapiteln knöpft sich Radu Jude in vergnüglich-bissiger Manier das heutige Rumänien vor und zeichnet dabei ein sehr respektloses Bild. Ausgangspunkt ist das private Sexvideo einer Lehrerin, das versehentlich im Internet landet und große Empörung hervorruft. Dabei erweisen sich die größten Kritiker der Frau als heuchlerische, nationalistische und sexistische Zeitgenossen und -genossinnen, die auch aus ihren antisemitischen Ressentiments kein Hehl machen.

Ein Sender in Rumänien habe es vermieden, den Titel des Films auszusprechen, weil er ihm zu ordinär erschienen war, erzählte Radu Jude in einem virtuellen Pressegespräch vergnügt.

Doch für den Gewinner des Goldenen Bären wird er jetzt wohl eine Ausnahme machen müssen.

Keineswegs kontroversiell, dafür von schwebender Leichtigkeit und Schwere gleichermaßen, ist Hamaguchi Ryusukes „Wheel of Fortune and Fantasy“, ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären Großer Preis der Jury. Der japanische Regisseur setzt dabei auf die Symmetrie des Zufalls: In drei Episoden treffen Menschen aufeinander, deren Leben eine intensive Wendung nimmt. Am fatalsten erwischt es eine junge verheiratete Frau: Sie wird von ihrem Studienkollegen und Liebhaber dazu angestiftet, den gemeinsamen Literaturprofessor zu verführen. Zwar bleibt besagter Professor gegenüber den Avancen seitens der hübschen Studentin steinern. Stattdessen kommt es zu einer tiefen, emotionalen Begegnung, die durch einen dummen Irrtum aber schließlich doch im Skandal endet. Wie bei „falschen“ Begegnungen doch echte Gefühle entstehen, erzählt Hamaguchi unaufgeregt, mit großer Sogwirkung.

Das deutsche Kino war im Programm der Berlinale besonders stark vertreten und konnte zumindest zwei bedeutende Preise im Wettbewerb für sich entscheiden.

Maria Speth erhielt den Silbernen Bären Preis der Jury für ihre großartige Doku „Herr Bachmann und seine Klasse“: Ein Jahr lang begleitete Speth die Schulklasse einer Gesamtschule irgendwo in der deutschen Provinz (Stadtallendorf!) und verarbeitete ihre feinfühligen Beobachtungen zu einem charismatischen Porträt.

Stromgitarre

„Herr Bachmann und seine Klasse“ dauert über drei Stunden, trotzdem möchte man immer weiter zuschauen. Wie der Herr Bachmann zur Stromgitarre greift und bei der Weihnachtsfeier mit Hardrock-Stimme „Knockin’ on Heaven’s Door“ anstimmt, ist nur einer von vielen Höhepunkten eines ungewöhnlichen Schulalltags, geprägt von Kindern unterschiedlichster Herkunftsländer. Nicht alle können Deutsch, aber Herr Bachmann versteht sie trotzdem, weil er mit der Sprache des Herzens spricht.

Ebenfalls im Wettbewerb lief Dominik Grafs furiose Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder der Gang vor die Hunde“: Wie Graf die Stadt Berlin in der Weimarer Republik von 1931 inszeniert, macht ihm so schnell keiner nach. Preislich blieb er leider unbedankt; dafür wurde Maren Eggert für bestes Schauspiel ausgezeichnet: In Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“ verliebt sie sich widerwillig in einen Roboter.

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