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© Belvedere, Wien

Belvedere
02/27/2013

Am Ende ist alles Barock

"Barock since 1630" im Unteren Belvedere folgt der Spur eines Stils durch die Kunstgeschichte bis in die Gegenwart. .

von Michael Huber

Was ist Barock? In Lilly Steiners „Composition baroque“ sind es die mächtigen Gewitterwolken, der Salzburger Dom im Hintergrund, die fromme Bethaltung der Frau, die vorne im Bild kniet. 1938, im Jahr des „Anschlusses“, nahm die Malerin auf den österreichischen „Nationalstil“ Bezug, um eine Aussage zu den damals aktuellen Ereignissen zu treffen.

In der Ausstellung „Barock since 1630“ im Unteren Belvedere ist Barock also ein Vehikel für künstlerische Ideen, das sich nicht an einer Zeitepoche festmachen lässt: Da hängt ein Gemälde von Maria Lassnig (1975) neben einem „Apostel Andreas“ von Johann Lukas Kracker (1754), ein Großformat von Hermann Nitsch neben dem Werk „Wurstmachen“ von David Teniers d. J. (1651).

Beim Versuch, „mehr als eine Barockausstellung“ zu zeigen, sind die Kuratoren Alexander Klee und Georg Lechner allerdings mit einem Problem konfrontiert: Je intensiver über die Grenzen des Begriffes nachgedacht wird, desto mehr verschwimmen diese. Am Ende ist alles irgendwie Barock.

In einer Abfolge von Kapiteln geht die Ausstellung Themen nach, die als charakteristisch für den Barock identifiziert werden: „Körper-Kult“ heißt der Abschnitt, in dem der überstreckte Körper des Gekreuzigten in fahlem Gelb aus Franz Anton Maulbertschs „Kreuzaufrichtung“ (1757/’58) herausleuchtet und sich Männer- und Frauenleiber in Max Oppenheimers „Simson“ (1911) über den Bildrand hinaus winden. Im Abschnitt „Projektion Himmel“ türmen sich Wolken und tummeln sich allegorische Figuren in Ölskizzen zu Deckenfresken in Kirchen und Repräsentationsbauten der Ringstraßenzeit.

Bilder der Ausstellung

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Definitionsfragen

Diese Art der Gliederung bringt auch ihre Probleme: Zeitweise wird das Barocke zunächst an bestimmten Motiven und Themen festgemacht, damit es dann anhand ebendieser Themen in der Kunst späterer Epochen nachgewiesen werden kann.

Besonders deutlich wird dies im Abschnitt zum Künstler-Selbstporträt, das per se keine „barocke“ Kunstgattung ist: Hier gilt den Kuratoren die Fähigkeit, „Gesichtslandschaften präzise zu erkunden“ und individuelle Ausdrücke festzuhalten, als spezifisch barocke Qualität. Wenn Selbstbildnisse späterer Künstler wie Hans Canon (1868) oder Carl Schuch (1875/’76) deshalb als bewusster Rückbezug auf den Barock gedeutet werden, erscheint der Gedanke aber doch zu sehr strapaziert. Sicherlich sind gewisse Themen – der Tod, die Natur, expressive Körper, expressive Gesichter – einfach universelle Objekte künstlerischer Auseinandersetzung.

Ein Sonderfall barocker Porträtkunst sind die Studienköpfe von Franz Xaver Messerschmidt (um 1770), deren Belvedere-Bestand in der Schau durch zwei vormals nicht öffentlich zugängliche Originale aus Privatbesitz ergänzt wird. Hier wird anschaulich erzählt, wie die barocke Kunst auch für zeitgenössische Künstler einen wichtigen Bezugspunkt darstellt, etwa mit Arnulf Rainers überzeichneten Fotografien oder Florentina Pakostas grafischen Variationen. „Barockkünstler“ sind die beiden deshalb trotzdem keine.

INFO: "Barock since 1630"

Der Begriff
Barock bezeichnet grob eine Epoche der Kunstgeschichte zwischen ca. 1570 und 1770. Erst im 19. Jahrhundert wurde er im heutigen Sinn verwendet.

Die Ausstellung
Bis 9. Juni, Unteres Belvedere, Rennweg 6, 1030 Wien. Täglich 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 21 Uhr. www.belvedere.at

Katalog
Hg.: Agnes Husslein-Arco, Georg Lechner, Alexander Klee. 34 €.

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