Kultur
25.03.2017

Beim Friseur sitzt die Mafia

Die Sache mit Norma: Die hochgelobte Sofi Oksanen enttäuscht mit einer Krimihandlung und viel Symbolik.

Ukrainische Haare sind viel besser als russische. Man muss sie nur waschen, nicht chemisch behandeln. Rumänische sind im Kommen. Wahrscheinlich, weil die Frauen nur Seife verwenden und weniger essen als im Westen. Da bleiben auch die Haare gesund.

Das ist nicht unbedingt der Stoff, den man von der Finnin Sofi Oksanen erwartet hat. "Die Sache mit Norma" fällt aus der Reihe ihrer Romane, die sich seit "Stalins Kühe" mit Estlands Geschichte beschäftigen – und (man muss fast sagen: trotzdem) zum Exportschlager wurden.

Was will sie jetzt mit Haarverlängerung?

Es geht Sofi Oksanen auf die Nerven, dass Journalisten außerhalb Finnlands ständig Fragen über ihr Äußeres stellen, über die Frisur, das auffallende Make-up, die Lederröcke ...

"In Skandinavien ist das den Leuten egal, da rennt jeder herum, wie es ihm passt", hat sie 2014 im KURIER-Interview geklagt.

Scherenmänner

Vielleicht war das Gerede aber der Anstoß dafür, ihr neues Buch über die Ausbeutung von Frauen auf den Haaren aufzuhängen; sozusagen. Es soll ja Länder geben, in denen sich Frauen fürchten müssen, dass ihnen auf der Straße ein Mann mit Schere begegnet.

Haare sind Geld.

Alles wird vermarktet.

Wünscht ein Japaner einen europäischen Sohn: Bote bringt Samen zu einer Frau in Georgien. Wenn Baby da ist, folgt Nachricht. Wünscht ein Europäer ein asiatisches Mädchen: Vietnam gilt in diesem Fall als Weltmarktführer.

"Die Sache mit Norma" ist Folgende: Normas Mutter ist tot. Sie stürzte vor die U-Bahn. Es heißt, es sei Selbstmord gewesen. Es war selbstverständlich keiner. Norma, so um die 30, erfährt, ihre Mutter Anita habe seit Kurzem bei einem Friseur gearbeitet. Sie brachte bündelweise Haare. Reiche Kundinnen, die ihre Hornfäden länger haben wollten, waren begeistert.

Fragt sich nur: Woher hatte sie die Haare? Sie hat gesagt: von Verwandten in der Ukraine.

Aber nein, so ist das nicht, nun kommt das magische Element in das reale Geschehen, und man kann nicht behaupten, dass es gut in diesen Krimi passt: "Jemandem" wachsen die Haare wie verrückt. Diese Frau muss sie seit ihrer Kindheit unter Kopftüchern verstecken. Und zwischendurch aufs Klo gehen, um sie abzuschneiden. Es ist nicht notwendig, hier zu verraten, um wen es sich handelt

Hauptsache, in dem Frisiersalon sitzt die Haar- und Leihmuttermafia.

Das hat interessante Momente, wenn man aufmerksam liest. Aber dazu braucht es keine Sofi Oksanen. Und die Symbolik nervt: Wem das Haar geschnitten wird, verliert Kraft. Indem man es abschneidet, gerät man in die Gewalt desjenigen, der in den Besitz des Haares gelangt. Und so weiter. Fad.


Sofi Oksanen:
„Die Sache mit Norma“
Übersetzt von Stefan Moster.
Kiepenheuer & Witsch.
352 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ***