Heinz Strunk

© /Dorle Bahlburg

Literatur
02/27/2016

Bei Heinz Strunk wird das Hässliche zersägt

Auf der Reeperbahn, beim Doornkaat-Willy und dem kleinen schiefen Frauenmörder Fritz Honka ...

von Peter Pisa

Das ist alles sehr traurig.

... und das ist nichts Neues bei dem Autor, der ein Hamburger Komiker ist und sich Heinz Strunk nennt (selten auch Jürgen Dose, aber er heißt Halfpape, Mathias Halfpape).

Strunk hat zuletzt in seinen Kindheitserinnerungen "Junge rettet Freund aus Teich" von den 1960ern erzählt, als er Grünkohl mit Kohlwurst gegessen hat; und von den 1970ern, als der Opa gestorben ist und die Oma gestorben ist und die Mutter verschwunden ist.

Mit "Der goldene Handschuh" hat er seine Biografie erstmals verlassen und zieht nun alle Register, damit alle – wegschauen, weghören, weg wollen.

Heintje singt

Der "Handschuh" ist ein Absturzlokal auf der Reeperbahn. Gibt’s wirklich, rund um die Uhr offen, Hamburger Berg 2. Er hat Hinterzimmer, dort dösen die Schimmligen. Die Hoffnungslosen. Sie wissen: Hoffnung ist ein Seil, auf dem nur Narren tanzen.

In der Musicbox singt Heintje: "Du sollst nicht weinen / Weil die Jahre viel zu schnell vergehen ..."

Oft sitzen hier der Fanta-Rolf und der Anus, der Ritzen-Schorsch, der Doornkaat-Willy, und der Fiete – das war der Fritz Honka, der als Serienmörder Schlagzeilen machte. Bild titelte 1975:

"Vier Frauen – von Nachtwächter geköpft und zerhackt".

Ein kleiner, schiefer, schielender Mann war er mit Sprachfehler und eingedrücktem Gesicht.

Strunk lacht ihn nicht aus. Er nimmt ihn, wie er ist.

Im "Handschuh" sauft Honka und schleppt ältere betrunkene Frauen ab, die zwar keine Haare mehr haben und keine Kontrolle mehr über ihren Speichel, der aus den Ecken rinnt.

Aber groß ist sein Sextrieb. Gerda nimmt er mit: "Sie trinkt noch schneller als er, das macht ihn geil."

Wacht er am nächsten Morgen in seiner sauerstofflosen Wohnung auf, hofft er, etwas Schönes liege neben ihm.

Enttäuscht schlägt er Gerda die falschen Zähne aus dem Mund. Gerda kann entkommen. Die zersägten Mordopfer versteckt er in der Wohnung, umringt von Duftsteinen.

Sie gingen niemandem ab. Nur wegen eines Feuers im Haus schaute die Polizei nach, ob alles in Ordnung war beim Honka ...

Schnösel am Klo

Der Roman funktioniert, weil es ja doch reizt, tief, sehr tief hinunterzuschauen.

Heinz Strunk führt auch eine reiche Familie vor. Hamburger Reeder, drei Generationen. Die sind ebenfalls ... Scheiße, Pardon, Sprache steckt an.

Der Jüngste kommt im "Handschuh" vorbei, auf ein Cola. Dummerweise muss er dort aufs Klo, und da sieht man, wie angenehm es ist, bloß darüber zu lesen.

Für den Schnösel wird’s ungemütlich. Nass. Urinös, ruinös. Heinz Strunk macht seine Sache sehr gut."Der goldene Handschuh" ist zum Kotzen, und damit ist er nahe am Leben.

Heinz Strunk:
„Der goldene Handschuh“
Rowohlt
Verlag.
256 Seiten.
20,60 Euro.
Hörbuch, gelesen vom Autor, um 20,99 Euro.

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