Kultur
05.08.2017

Bei Anthony Doerr ist jeder gern traurig

"Die Tiefe": Sechs Erzählungen des Pulitzerpreis-Gewinners aus Idaho, der keine Angst vor etwas Schmalz hat.

Der Amerikaner Anthony Doerr, mit dem Pulitzerpreis 2015 ausgezeichnet, passt sehr gut auf, dass man leidet beim Lesen.

Es funktionierte bei der blinden Marie-Laure, die vor den Nazis einen Schatz versteckt ("Alles Licht, das wir nicht sehen").

Das klappte bei Winkler, dessen Träume sich bewahrheiten ... und nun träumt er, dass seine kleine Tochter ertrinkt ("Winklers Traum vom Wasser") ...

Doerr hat keine Angst vor Schmalz, und recht hat er. Man liest und ist traurig und weiß ganz genau, dass man nicht traurig zu sein braucht, weil’s bloß der Doerr erfunden hat – aber man ist traurig, schrecklich traurig manchmal sogar.

Kürzer leiden

C. H. Beck bringt seine Bücher in Übersetzung. Das ist jener Münchner Verlag, aus dessen Programm – vor allem dem Sachbuchprogramm – man alles haben will, alles. In den Auslagen großer Buchhandlungen findet man C.H. Beck trotzdem nicht. Seltsam ist das Buchgeschäft geworden. Platzierungen haben ihren Quadratmeterpreis.

Kein Wunder, dass Doerrs Pulitzer-Roman "Alles Licht ..." untergegangen ist.

Eine wunderbare Idee, ihn ein zweites Mal auf den Markt zu werfen, sozusagen als Sonderausgabe. Dann konnte er nicht mehr ignoriert werden.

"Die Tiefe" sind sechs Erzählungen. Anthony Doerr bekam den renommierten O.-Henry-Preis für englischsprachige Kurzgeschichten bereits vier Mal.

Der Unterschied: Man leidet in Kürze. Mit einem herzkranken Buben zum Beispiel, den die Liebe zu einem Mädchen in Lebensgefahr bringt.

Oder mit einem sehr lieben Ehepaar, das keine Kinder bekommen kann.

Oder mit jüdischen Mädchen in einem Waisenhaus – als der Holocaust beginnt.

Man bemüht sich ja immer, einen roten Faden zu finden; und soll sein, dass es Erinnerungen sind, die die Erzählungen aus drei Kontinenten verbinden. Es ist aber ziemlich egal.

Der herzkranke Bub soll überleben.

Wird er nicht.

Anthony Doerr:
„Die Tiefe“
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.
Verlag C.H.Beck.
267 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****