Beckermann-Installation in Wien abgebaut

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Foto: /Philipp Diettrich Voyeure bei einer "Reibpartie": Filmbilder als Ergänzung zum straßenwaschenden Juden

Filmemacherin: "Das ist eine absurde Geschichte"

Am 9. Oktober erhielt Ruth Beckermann aus der Hand von Kulturminister Josef Ostermayer das "Ehrenkreuz" für Wissenschaft und Kunst. Die Filmemacherin freute sich, regte aber als Alternative eine "Ehrenrose" an.

In seiner Rede meinte Ostermayer, die Zeichen stünden gut, dass Beckermanns temporär geplante Installation "The Missing Image" beim "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" von Alfred Hrdlicka auf Dauer am Albertinaplatz bleiben könne. Andreas Mailath-Pokorny, der Wiener Kulturstadtrat, habe sein "hohes Interesse" daran bekundet, es gehe eigentlich nur noch um eine Abklärung mit Hrdlickas Witwe: "Ich denke, wir werden eine Vermittlung zustande bringen."

Auf die Videoinstallation, die der Bronzeskulptur des straßenwaschenden Juden historische Filmaufnahmen von grinsenden Österreichern bei einer "Reibpartie" im März 1938 gegenüberstellt, kam auch Laudator Doron Rabinovici zu sprechen. Durch Beckermanns Ergänzung gewänne das Mahnmal "eine Perspektive, die das Bild erst vervollständigt". Der Schriftsteller hatte sich zuvor mit Elfriede Jelinek, Andre Heller und anderen für einen Verbleib ausgesprochen.

Wenige Wochen nach der Zeremonie, am 19. November, meldete die APA, dass die Installation tatsächlich bleiben könne – zumindest bis zum Beginn der Mahnmal-Restaurierung im Mai 2016: Die Stadt übernehme die Kosten für die winterfeste Adaptierung.

Doch die Installation ist verschwunden. Sie wurde, wie es auf der Webseite von Ruth Beckermann heißt, am 10. Dezember 2015 abgebaut. Im Gespräch mit dem KURIER rekapituliert Beckermann: "Der Minister und der Stadtrat wollten, dass die Installation bleibt." Sie habe daher hochgerechnet, dass die Heizventilatoren samt Einbau und Betrieb bis April 10.000 Euro kosten würden.

Und die für Kunst im öffentlichen Raum zuständige Organisation KÖR berief eine Sitzung mit den Vertretern aller involvierten Magistratsabteilungen ein. "Man denkt manchmal, die Beamten würden Steine in den Weg legen. Aber dem war nicht so: Sie haben das Projekt unterstützt."

Keine Bittstellerin

Doch über die Vergabe der KÖR-Mittel entscheidet eine Jury. Beckermann wurde aufgefordert, einen Antrag zu stellen. "Die Jury hatte meine Installation ja bereits beurteilt und bewilligt", sagt sie. "Ich wollte nicht nochmals denselben Antrag stellen. Und schließlich ist die Stadt ja an mich herangetreten und nicht umgekehrt."

KÖR brauchte also eine Weisung des Stadtrats, das Geld ausgeben zu dürfen. Doch Mailath erteilte keine. Der November zog ins Land. "Ich hatte dauernd Angst, dass die Technik eingehen könnte", sagt Beckermann. "Daher fragte ich den Stadtrat per Mail, ob wir jetzt die Heizventilatoren bestellen können. Er schrieb mir zurück, er werde sich für den Kauf der Ventilatoren einsetzen. Aber nichts passierte. Eine absurde Geschichte!"

Zudem habe sich ein Vertreter der Hrdlicka-Erben gemeldet – mit der Forderung, die Installation abzubauen. Eine Mitarbeiterin von Mailath forderte Beckermann auf, sich mit den Erben zu einigen. Die Filmemacherin verstand die Welt nicht mehr: "Dafür braucht es doch eine übergeordnete, eine politische Ebene! Denn man kann meine Installation als Aufwertung des Denkmals sehen, aber auch als Kritik."

Das Feigste überhaupt

Beckermann erachtet "diese Figur in der Tradition des Stürmers" als nicht mehr passend: "Wer sagt, dass ein Denkmal ewig stehen bleiben muss? Man könnte es auch durch ein neues ersetzen. Ich bin allerdings nicht dafür, Denkmäler zu stürzen. Es ist viel interessanter, sie zu kontextualisieren. Ich fände es auch nicht richtig, das Lueger-Denkmal wegzunehmen." Richtig sei es aber gewesen, den Karl-Lueger-Ring umzubenennen. "Allerdings nicht in Universitätsring", sagt Beckermann. "Das ist das Feigste überhaupt. Warum nicht nach Sigmund Freud benennen? Er ist einer der bekanntesten Österreicher."

Jedenfalls: "Ich hatte den Eindruck, dass ich im Kreis geschickt werde", sagt Beckermann. "Und da dachte ich mir: Jetzt drehe ich nicht noch eine Runde. Ich schrieb dann dem Stadtrat, dass ich die Installation einlagere. Und da stehen wir." Von Mailath kam keine Antwort.

"Ich bettle nicht darum, dass die Installation bleiben darf", sagt Beckermann. Denn Projekte gibt es genug. "Ich stelle gerade den nächsten Film fertig, meinen ersten mit Schauspielern." In "Die Geträumten" geht es um den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, gespielt von Anja Plaschg (Soap&Skin) und Laurence Rupp. Premiere feiern wird der Film Mitte Februar bei der Berlinale.

Kunst des Vergessens

Und danach möchte Beckermann die Debatte um Kurt Waldheim aufarbeiten, der seine NS-Verstrickungen verschwiegen hatte. Hochgekocht wurde die Affäre von der SPÖ im Präsidentschaftswahlkampf 1986. "Waldheim oder The Art of Forgetting" soll ausschließlich aus Archivmaterial bestehen, erklärt Beckermann. "Mein allererster Film, 1977 über die Besetzung der Arena in Wien, war auch ein Kompilationsfilm. Ich würde so etwas gerne noch einmal machen – auf einem anderen Niveau."

Es werde daher keine Erinnerungsinterviews geben: "Die Dramaturgie der Affäre ist unglaublich spannend, die Ereignisse überschlugen sich geradezu. Die Diskussion aus heutiger Sicht würde durch Interviews vorweggenommen werden." Bereits damals stellte sich heraus, dass Waldheim kein Kriegsverbrecher, nur ein Lügner war. Beckermann beruhigt denn auch: "Ich werde sicher keinen militanten Film gegen Waldheim machen, das wäre kindisch."

"Verkettung von Missverständnissen"

… Foto: Philipp Diettrich Hrdlicka-Mahnmal mit Beckermanns Installation Die Stadt sieht eine „Verkettung von Missverständnissen“. Ohne den Antrag könne man keine Mittel vergeben, hieß es aus dem Büro von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) gegenüber der APA. Das sei eine „reine formale Geschichte“. Zudem hätte ein Verbleib der Installation der Zustimmung der Hrdlicka-Erben bedurft, die bis dato ebenso wenig vorliege wie jene des Bundesdenkmalamtes. Die KÖR werde in den kommenden Wochen aber das Gespräch mit allen Beteiligten suchen, um die Sachlage nochmals genau zu erörtern.

Ruth Beckermann

Eine Filmemacherin mit politischer Haltung

EHRENZEICHEN AN RUTH BECKERMANN
Foto: APA/ROLAND SCHLAGER

Die Wienerin, geboren 1952, studierte Publizistik, Fotografie und  Kunstgeschichte und Fotografie in Tel Aviv, Wien  und New York. 1978 gründete sie mit zwei Kollegen den Verleih „filmladen“. Seit 1985 arbeitet Beckermann als Autorin und Filmschaffende. Ihre wichtigsten Dokus: "Wien retour" (1983), "Die papierene Brücke" (1987), "Nach Jerusalem" (1990), "Jenseits des Krieges" (1996) und "Those Who Go Those Who Stay" (2013). 

(kurier) Erstellt am
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