Der Schauspieler und Regisseur Sven-Eric Bechtolf verteidigt das Bildungsbürgertum: „Es ist eines der kostbarsten Güter, das wir haben.“

© /Luigi Caputo

Salzburger Festspiele
07/19/2015

Bechtolf geht "drei Monate in den Irrsinn"

Der Intendant der Salzburger Festspiele ärgert sich über Dummheit und den Staat

von Thomas Trenkler

KURIER: Sie sind nun Intendant – und müssen sich gleich ärgern, weil der Staat nicht so viel Geld zur Verfügung stellt, wie Sie es erhofft haben. Als Nachfolger von Alexander Pereira, der die Budgets überstrapazierte, können Sie daher nicht so viel realisieren. Sie sind sehr enttäuscht?Sven-Eric Bechtolf: Wir befinden uns nicht in einer Krise der Kultur, sondern in einer Krise der Kulturfinanzierung. Würde uns das Publikum wegbrechen, könnte man ja verstehen, wenn es Bedenken gäbe. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es gibt die Nachfrage! Die Staatsoper ist zu 99 Prozent ausgelastet. Die Politik hat sich dafür einzusetzen, dass diese Dinge, die zum Selbstverständnis einer Nation gehören, weiterhin existieren können. Hinzu kommt: Kunst hat a la longue immer einen wirtschaftlichen Nutzen. Allerdings ist er oft nicht unmittelbar zu erkennen, sondern nur über Umwege. Man muss sich eben einmal bequemen, diese Umwege mitzubedenken.

Aber viele neue Ansätze kommen von den Rändern – in der Kunst genauso wie in der Musik. Sollte der Staat daher nicht auch die Subkultur und die kleinen Initiativen finanzieren?

Absolut. Ich will nicht das Eine gegen das Andere ausspielen. Aber die Salzburger Festspiele finanzieren auch die Ränder mit: Sie bringen, rechnet man die Umwegrentabilität mit, zumindest 100 Millionen Euro an Steuereinnahmen – wahrscheinlich sogar mehr. Und dieses Geld sollte der Staat verwenden, um auch die merkantil nicht so erfolgreiche Kunst zu finanzieren! Kunst hat nicht die Verpflichtung, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Aber wie bin ich angegriffen worden, weil ich gesagt habe, dass es eine Gesellschaft auszeichnet, wenn sie sich gegen die kaufmännische Vernunft entscheidet – und Kunst finanziert, also Geld als Mittel zum Zweck begreift!

Einverstanden. Doch die Erfahrung lehrt, dass die Kulturtanker mehr Geld bekommen, die Beiboote aber nicht. Die Schere wird daher immer größer.

Im Augenblick muss ich meinen Zorn für Salzburg und die "Großen" schüren, weil das mein Beruf ist. Aber ich verspreche: Ich schreie demnächst für die "Kleinen"!

Die Eigenwirtschaftlichkeit der Salzburger Festspiele ist mit knapp 80 Prozent enorm. Die Eintrittspreise trotzdem nochmals anzuheben, wäre nicht möglich? Manche Produktionen sind ja mehrfach überbucht.

Nein. In den teuren Kategorien haben wir den Plafond erreicht. Und bei den billigeren Kategorien wollen wir die Preise nicht anheben. Denn es kann nicht der Sinn unseres Festivals sein, Menschen zu exkludieren, die weniger Geld haben. Dann bestünde der Vorwurf, ein Elitefestival zu sein, zu Recht.

Warum wehren Sie sich vehement dagegen, dass die Festspiele ein Elitefestival sind?

Ich möchte nicht, dass sie nur für eine finanzielle Elite offen sind. 50 Prozent unserer Karten kosten bis 105 Euro. Es macht also keinen großen Unterschied, ob Sie zu einem Rockkonzert gehen, sich neue Jeans kaufen – oder hier in Salzburg eine Vorstellung angucken. Manche Medien betrachten die Festspiele aber mit einer grundsätzlichen Aversion, die mit einem politischen Ansinnen verbunden ist. Ich ärgere mich darüber, dass interessierte Menschen, die sich entschließen, nicht nach Mallorca zu fliegen, sondern die Festspiele zu besuchen, als seltsame Elite diffamiert werden.

Nach Salzburg kommen zwar alle Touristen. Aber zum Festival?

Ja, es gibt die Schicki-Micki-Gesellschaft – vor allem zu den Kulminationspunkten, den Premieren. Und: Ja, es kommen auch sogenannte Eliten. Aber nicht nur. Ich kann das beurteilen. Denn ich war als Schauspieler – im Gegensatz zu den Rezensenten – in jeder Vorstellung.

Andererseits bekennen Sie sich zum Begriff "Elite", weil Sie nach höchster Qualität streben.

Selbstverständlich sind Eliten wichtig. Wir alle können einen guten Kellner von einem schlechten unterscheiden. Das bedeutet, dass der gute Kellner einer Kellner-Elite angehört. Und ich bin froh, dass es diese Elite gibt. Und das gilt für andere Berufe auch. Es gelingt natürlich nicht immer, aber unsere Bemühung ist es zumindest, das Beste zu geben. Daher ärgert mich auch der Wahn mancher, alles egalisieren zu wollen. Ist die narzistische Kränkung so groß, dass man Nivellierung und Gleichmacherei fordern muss? Das ist eine Katastrophe für die Gesellschaft.

Fühlen Sie sich in die Defensive gedrängt?

Mich ärgert, dass so ungenau gedacht wird. Die Menschen werden zugeschwatzt. Die Medien verursachen einen furchtbaren Dauerlärm. Ich bin für Innehalten – und ein Nachdenken zum Beispiel über den Begriff "Bildungsbürgertum". Jeder zweitklassige Talkshow-Moderator darf mit säuerlicher Miene das "Bildungsbürgertum" diskreditieren. Aber was wären wir ohne das Bildungsbürgertum? Es ist eines der kostbarsten Güter, das wir haben. Eine Demokratie ist angewiesen auf das Bildungsbürgertum! Diese Menschen, die teure Weine trinken und dabei über das Bildungsbürgertum schwatzen: Die machen mich sauer. Denn die sitzen auch in politischen Parteien und plädieren dann für die Abschaffung des Burgtheaters: "Das ist ja nur fürs Bildungsbürgertum!" Es wird noch soweit kommen, dass man den, der in die Oper geht, als grauenhaften Bourgeois bezeichnet, als Besitzstandsbürger und Konterrevolutionär. Der gesellschaftliche Konsens wird immer mehr erodieren – aufgrund von Gedankenfaulheit.

Wie ist das mit Ihnen? Sie haben sich nun zwar einen Smoking gekauft, meinten aber, er sei eine Verkleidung, eine Kostümierung.

Ich werde misstrauisch, wenn es einbetonierte Kleiderordnungen gibt. Und ich finde es ganz lustig, ein bisschen herumzuspringen. Privat bin ich leger bis schlampig angezogen – zum großen Verdruss von Helga (Rabl-Stadler, die Festspielpräsidentin, die früher ein Modegeschäft führte. Anm.). Aber im Schrank habe ich drei blaue Anzüge. Und ich ziehe mich auch gern "anständig" an – zum Beispiel, wenn ich ins Theater gehe. Um den Kollegen auf der Bühne meine Reverenz zu erweisen. Das ist zwar relativ altmodisch, aber ich finde das Verkommen der Codes beklagenswert. Es ist schön, dass es auch außersprachliche Signale gibt, dazu gehört z.B. Höflichkeit. Insofern leide ich nicht darunter, wenn ich als Intendant einen Smoking anziehen muss. Ich sehe ihn mit einem gewissen ironischen Abstand als Berufskleidung. Die dazugehörigen Lackschuhe habe ich mir übrigens auch gekauft. Die finde ich allerdings immer noch ziemlich albern.

Sie haben nun viele gesellschaftliche Verpflichtungen. Ist das überhaupt etwas für Sie?

Smalltalk ist für mich quälend, grauenvoll, entsetzlich, langweilig. Aber meistens ist es dann bei Veranstaltungen weniger schlimm als befürchtet. Denn oft kommt man mit jemandem ins Gespräch, der interessant ist.

Daher waren Sie auch am letztjährigen Festspielball?

Ja – in einem Smoking aus dem Fundus. Ich fand den Ball ganz lustig.

Es gibt ihn nun nicht mehr.

Er fand ja zum Abschluss der Saison statt. Bis dahin hat man schon so viele gesellschaftliche Dinge erlebt, dass er mir wie eine Tautologie vorkam. Ich dachte mir: Das ist wie eine Schwarzwälder Kirschtorte nach dem Marzipankuchen, das muss nicht unbedingt sein.

Sie mussten aber doch einiges von Pereira übernehmen.

Darunter mich selbst – als Leiter des Schauspiels. Aber so viel habe ich nicht übernommen. Ich glaube, das Programm trägt deutlich unsere Handschrift.

Auch weil Sie Troubleshooter sein mussten: György Kurtágs Oper konnte doch nicht uraufgeführt werden, daher setzten Sie Wolfgang Rihms "Die Eroberung von Mexiko" an. Und dann fiel Luc Bondy als Regisseur aus.

Ich habe schon früher die schaudervolle Erfahrung gemacht, dass nichts je glatt geht. Daher hat es mich nicht überrascht, dass man andauernd reagieren muss. Wir shooten die Troubles aber gemeinsam im Team.

Zunächst wurde nur Julian Crouch als Regisseur von "Mackie Messer" genannt. Nun taucht auch Ihr Name auf. Warum?

Ich war von Anfang an in dieses Projekt eingebunden, zum Beispiel in die Verhandlungen mit der Weill-Foundation. Wir bringen ja eine Experimentalfassung der "Dreigroschenoper" in der musikalischen Adaption von Martin Lowe. Irgendwann schlug Julian vor, dass wir die Regie gemeinsam machen. Und da ich Zeit hatte …

Als debütierender Intendant, der den "Figaro" inszeniert?

Kommt darauf an, wie man Zeit-Haben definiert! Man hat dann eben 14-Stunden-Tage. Aber nur eine gewissen Zeitraum: Ein Ende ist absehbar. Daher kann ich meine Energien bündeln und mir sagen: "Ich gehe drei Monate in den Irrsinn." Und im Vergleich zu Ärzten, die unter Hochdruck im Krankenhaus arbeiten, sind wir im Theater auf Rosen gebettet.

Ist Theater noch moralische oder ethische Anstalt?

Das Theater hatte im Unternehmen "Aufklärung" eine pädagogische Aufgabe. Ich glaube, wir würden es heute gar nicht mehr aushalten, didaktisch derart gequält zu werden. Ich mag den Begriff des Theaters als moralische Anstalt nicht so gerne.

Trotzdem inszenieren Sie den Da-Ponte-Zyklus von Mozart. Und Sie haben den aufklärerischen Charakter betont.

Ich stelle mir inzwischen die Frage, ob Da Ponte und Mozart wirklich so aufklärerisch waren – oder ob es sich bei ihren Opern nicht bereits um Polemiken gegen die Aufklärung handelt. Ich habe jedenfalls den Verdacht.

Was fasziniert Sie an diesem Zyklus, dass Sie ihn binnen eines Jahrzehnts gleich zweimal inszenieren?

Mir wurde der Zyklus angeboten – und ich habe nicht "Nein" gesagt. Würde ich die Strafe bekommen, den Rest meines Lebens den Da-Ponte-Zyklus inszenieren zu müssen: Ich würde sie selbstverständlich freudig annehmen.

Salzburger Potpourri

Bevor es an der Salzach offiziell losgeht, geht es schon los. Der Grund ist die von Ex-Intendant Alexander Pereira eingeführte und von Interims-Direktor (2015, 2016) Sven-Eric Bechtolf übernommene "Ouverture spirituelle", die sich heuer mit hinduistischen Klängen auseinandersetzt.

Am Sonntag (19. Juli) steht dann der erste Höhepunkt an: Die Wiederaufnahme von Hugo von Hofmannsthals Klassiker "Jedermann" auf dem Domplatz mit Cornelius Obonya als Jedermann und Brigitte Hobmeier als Buhlschaft. Regie führten Julian Crouch und Brian Mertes.

Die ersten Probenfotos des diesjährigen "Jedermann" mit dem neuen Teufel Christoph Franken wurden am Donnerstagabend gemacht. Hier ein Eindruck von den optischen Neuerungen:

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2014: FOTOPROBE "JEDERMANN"

AUSTRIA SALZBURG FESTIVAL 2015

SALZBURGER FESTSPIELE 2014: FOTOPROBE "JEDERMANN"

Actor Franken performs on stage during a dress reh

ERSTE KOSTÜMPROBE FÜR DEN NEUEN "TEUFEL" VON "JEDE

AUSTRIA SALZBURG FESTIVAL 2015

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

Obonya, Kreiss and Hobmeier perform on stage durin

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2014: FOTOPROBE "JEDERMANN"

Actors Obonya and Tarrach perform on stage during

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

Obonya, Hobmeier and Lohmeyer perform on stage dur

Obonya and Hobmeier perform on stage during a dres

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

SALZBURGER FESTSPIELE 2015: FOTOPROBE "JEDERMANN"

AUSTRIA SALZBURG FESTIVAL 2015

AUSTRIA SALZBURG FESTIVAL 2015

AUSTRIA SALZBURG FESTIVAL 2015

AUSTRIA SALZBURG FESTIVAL 2015

Rihm, Beethoven, Strauss, Mozart und "Mackie Messer"

Offiziell eröffnet werden die Festspiele dann am 26. Juli um 11 Uhr. Die Festrede hält diesmal der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski. Am selben Abend steht mit Wolfgang Rihms "Die Eroberung von Mexico" in der Felsenreitschule die erste Premiere an. Peter Konwitschny inszeniert; Ingo Metzmacher steht am Pult des RSO Wien.

Weitere Premieren sind: Mozarts "Le nozze di Figaro" in der Regie von Bechtolf und mit Dan Ettinger am Pult der Wiener Philharmoniker (ab 28. Juli), Beethovens "Fidelio" (4. August) in der Inszenierung von Claus Guth, mit Franz Welser-Möst als Dirigent der Wiener Philharmoniker und mit Startenor Jonas Kaufmann.

Bartoli mal zwei

Cecilia Bartoli ist gleich in zwei hochgelobten Produktionen zu erleben, als Bellinis "Norma" sowie als Glucks "Iphigénie en Tauride". Beides kommt als Übernahme von den Pfingstfestspielen. Auch Verdis "Il Trovatore" wird (mit Anna Netrebko, jedoch ohne Plácido Domingo) wieder aufgenommen, ebenso Harry Kupfers gefeierte Produktion des "Rosenkavalier" von Richard Strauss mit Dirigent Franz Welser-Möst. Konzertant gibt es Verdis "Ernani" mit Maestro Riccardo Muti, Massenets "Werther" mit Angela Gheorghiu und Piotr Beczala sowie Purcells "Dido and Aeneas".

Im Schauspiel darf man vor allem auf eine Neuversion von Brecht/Weills "Dreigroschenoper" unter dem Titel "Mackie Messer" (Regie: Crouch, Bechtolf) gespannt sein. Dazu zeigt man Goethes "Clavigo" (Regie: Stephan Kimmig) und Shakespeares "Komödie der Irrungen" (Regie: Henry Mason). Und nicht zu vergessen viele erstklassige Konzerte.

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