Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Die „Ring“-Bilanz: Wagner im Sommerschlussverkauf

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr - 150 Jahre Bayreuther Festspiele - geht die Großproduktion szenisch völlig schief.
46-227588065

„Ringe“ in Bayreuth haben es an sich, dass sich am Ende, nach der „Götterdämmerung“, das emotionale Füllhorn des Publikums über die für die Inszenierung Verantwortlichen entlädt. Frank Castorf etwa schien 2013 den Buhorkan zu genießen, ließ ihn minutenlang über sich ergehen und deutete geradezu masochistisch ins Auditorium: Gebt mir mehr! Auch Valentin Schwarz kam zuletzt nicht ungeschoren davon, entschwand aber rascher.

Was sich nun, bei Marcus Lobbes und seinem Team, abspielte, war jedoch auf der nach oben offenen Erregungsskala wohl ein neuer Spitzenwert. Einhellig, wie ein wagnerianscher Chor, hatten sich die Besucher zu jenem Gegenwind entschlossen, den man nach der aufgestauten Hitze der vergangenen Tage (und Aufführungen) wohl brauchte. Der „Ring des Nibelungen“ ist im Jubiläumsjahr (150 Jahre Bayreuther Festspiele) beim Publikum szenisch vollkommen durchgefallen.

46-227588064

Marcus Lobbes ist allerdings kein Regisseur, sondern ein Kurator, er hat das Konzept für den ersten von künstlicher Intelligenz auf die Bühne gebrachten „Ring“ erstellt. Sie haben es vielleicht nach den drei vorangegangenen Abenden mitbekommen: Die KI wirft Bilder aus der Festspielgeschichte auf zwei Leinwände, die Sänger verschwinden in dieser Flut an Zitaten und (schlechter) abstrakter Kunst – und wenn man sie einmal sieht, interagieren sie so gut wie nicht.

Lobbes hat in einem öffentlichen Gespräch in Bayreuth erklärt, wie es zu diesem KI-„Ring“ kam: Festspielchefin Katharina Wagner wollte unbedingt eine neue Tetralogie (damit waren die Festspiele 1876 eröffnet worden), die Subventionen wurden gekürzt, so entstand diese Idee. Und er sagte mehr oder weniger unverhohlen: Das sei der billigste „Ring“ in der Geschichte Bayreuths (also von der Produktion, nicht bei den Kartenpreisen). Na dann, so sieht er auch aus. Als ob man nicht mit wenig Geld anderes machen könnte . . .

Da Katharina Wagner auch angekündigt hat, aus budgetären Gründen künftig Produktionen verkaufen zu wollen, scheint das eine gute Gelegenheit: Wer will diesen, nicht in China, aber in Bayreuth und trotzdem billig produzierten „Ring“? Immerhin offiziell „Made in Germany“.

Man kriegt:

Kein Bühnenbild, keine Requisiten, keine Schwerter oder Speere, aber wer braucht das schon, ist ohnehin ökologischer Wahnsinn, so etwas durch die Gegend zu schicken. Dafür zwei riesige Gazevorhänge, auf die dann die Bilder projiziert werden.

Man kriegt 34 Kostüme für die Gesangssolisten in S, M, L und XXL, die alle gleich ausschauen, wie ausgestorbene Vögel, zum Beispiel der flugunfähige Dodo – da sich auf der Bühne keiner bewegen muss, macht das nichts.

Man bekommt Sonden für die Köpfe der Sänger, die das Licht steuern, man kann also auch bei der Technik sparen.

Man kriegt ein Regiekonzept, das nur eine Bühnenprobe pro „Ring“-Abend vorsieht und einen Mailentwurf für die Sänger, was sie (nicht) zu tun haben.

Eine echte Mezzie also, Wagner im Sommerschlussverkauf.

46-227588951

Was die Sänger betrifft, ist natürlich jedes Opernhaus flexibel. Ob in Bayreuth auch da gespart wurde, weiß man nicht. Es kann jeder Besucher nur mutmaßen, ob man zum Beispiel drei Rheintöchter zum Preis von einer engagiert hat. Oder ob es ökonomische Gründe hatte, dass Klaus Florian Vogt den Loge, den Siegmund und beide Siegfriede in einem Zyklus sang. Letzteren übrigens sehr gut, vokal präsent bis zu seinem Bühnentod und wortdeutlich. Wer ihn engagiert, spart übrigens Hotelkosten, weil er stets mit seinem Wohnmobil reist.

Was definitiv nicht inbegriffen sein kann beim Supersale: Dirigent Christian Thielemann und Michael Volle als Wotan. Aber es ist ja zumeist so, dass das Begehrteste von der Aktion ausgenommen ist.

Thielemann ist ein phänomenaler Gestalter am Pult des erstklassigen Orchesters. Er spannt über den „Ring“ einen intensiven und berückend schönen Bogen. Wenn etwa von diesem Zyklus nur übrig bleiben sollte, wie er in der „Götterdämmerung“ die Zwischenspiele gestaltet, ist das musikalisch schon enorm viel. Dass während Siegfrieds Trauermarsch der Vorhang zugeht und man nicht von Bildern torpediert wird, ist immerhin eine Gnade der KI.

Michael Volle wiederum, in der „Götterdämmerung“ aufgrund einer fehlenden Rolle nicht präsent, ist ein Geschenk (also nicht im Sinne des Schlussverkaufes) für jeden „Ring“. Einen besseren Wotan findet man nicht.

In der „Götterdämmerung“ sorgte Mika Kares als fabelhafter Hagen für jene Gefahr, die man nicht sieht. Camilla Nylund versucht, die Brünnhilde bis zum Finale zu gestalten – es gelingt ihr auch dank des sie über alle Orchesterwogen hinwegtragenden Dirigenten. Michael Kupfer-Radecky ist als Gunther immerhin besser als Magdalena Hinterdobler als seine Schwester Gutrune, über die beiden ließe Bayreuth im Zuge eines Pauschalpreises aber sicher mit sich handeln. Auch Jochen Schmeckenbecher als Alberich würde das gute Angebot wohl nicht torpedieren.

Falls jemand keine Sänger oder Kostüme von Bayreuth erwerben will und auch nicht den (hier ohnehin unsichtbaren) Chor, kann er sicher auch nur den „Roboter“ kaufen, nennen wir ihn Hojotojo. Man muss aber dessen gewahr sein, dass er jeden Abend andere Bilder ausspuckt und sich vielleicht irgendwann wie bei Mary Shelley verselbstständigt. Bei der „Götterdämmerung“ war die KI etwas zurückhaltender als zuvor, und man sah zwischendurch sogar sich bewegende Sänger. Hat wohl nach den Protesten dazugelernt.

Aber irrt sich vielleicht Ihr Rezensent (und mit ihm das Publikum), wie sich viele bei Ablehnung des „Ringes“ von Patrice Chéreau zum 100-Jahr-Jubiläum geirrt haben? Wenn das der Fall ist, sitzt er freiwillig einmal im Dodo-Kostüm in einer Aufführung.

Kommentare