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Literatur
04/14/2019

Barbara Frischmuth: Die Erinnerungen wachen auf und wandern

Ihr neues Buch heißt "Verschüttete Milch": Wehrlos ergibt man sich diesem großteils autobiografischen Roman.

von Peter Pisa

Jetzt denkt man sich vielleicht, na gut, hat Barbara Frischmuth - Foto oben - sieben Jahre nach „Woher wir kommen“ einen Roman über ihre Kinderjahre in Altaussee geschrieben ... wird bestimmt gut sein ... sie ist am Höhepunkt ihres Könnens, aber will man schon wieder lesen, dass sich jemand daran erinnert, dass er (und es) einmal so anders war?
Seit  Danilo Kiš ( 1989) auf seiner Zeitreise in „Frühe Leiden“  beim Lesen derart starke, traurige Gefühle ausgelöst hat – er fand nicht einmal mehr „seine“ Straße der Kastanien wieder, „Es muss sie hier geben!!!“ –, seit diesem Buch meint man,  alles über den verloren gegangenen  Kontinent erfahren zu haben.
Aber dann genügt eine einzelne Szene bei Barbara Frischmuth, gleich am Anfang: Die sehr kleine Juliane (Barbara Frischmuth) denkt an ihren zunächst unbeobachteten Ausflug zum See, als Zweijährige. Oder ist sie drei, als sie ein anderes Mädchen im Wasser sieht, das seltsamerweise genauso lächelt und genauso winkt wie sie? Zu diesem Kind will sie, zuerst muss ihr Wagerl hinunter, dann können sie zu zweit im Wagerl sitzen ...

Tante Edith

Ab sofort vergisst man die anfänglichen Überlegungen und ergibt sich. Ist unfähig, sich zu wehren.
Gießt sich „Verschüttete Milch“ mit Freude ein.
Barbara Frischmuth gab sich und Verwandten im Roman andere Namen, damit es nicht zu intim wird. Tante Edith (Hauer-Frischmuth)  ist dann halt  Hanna. Aber das ändert nichts daran, dass diese Tante eine Widerstandskämpferin war  und als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurde.
Der Roman ist (zumindest) im Kern autobiografisch. Der Blick auf alte Fotos, aus alten Schachteln geholt, ist Hilfe. Dann entfernen sich die erwachten Erinnerungen von den Bildern und verzweigen sich.
So entsteht Familiengeschichte mit dem in Russland „gefallenen“ Vater. Oder hatte ein französischer Kellner etwas mit der Mutter?
Jedenfalls gab es dann noch einen, der Mutter half, das Hotel am See zu führen.
Wie wurde ich.
Das ist die eine Frage.
Und: Wie war Altaussee, wo Barbara Frischmuth 1941 geboren wurde? Wie war es dort in den letzten Kriegsjahren, kurz nach dem Krieg und Anfang der 1950er ...
Von der „Omama“ ist die Rede, die so gern Zitronentarte aß und vom „Opapa“, der Schokokuchen liebte. Hört man fast nicht mehr: Omama und Opapa. Und man denkt, wie der eigene Opapa böhmische Skupanki kochte. Das einzige Essen, das er zubereiten konnte.
Erinnerungen bestehen manchmal nur aus Erdäpfel, Mehl, Butter, Zucker und viel Mohn.

 

Barbara
Frischmuth:
„Verschüttete
Milch“
Aufbau Verlag.
286 Seiten.
22 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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