© WIENER STAATSBALLETT / ASHLEY TA

Kritik
12/07/2020

Ballettpremiere im TV: Über das himmlische Leben

Morgen um 9.05 Uhr auf ORF 2: „mahler, live“ aus der Wiener Staatsoper

von Dietmar Kuss

Der Ballettabend „mahler, live“ in der Wiener Staatsoper schreibt schon jetzt Tanzgeschichte: Eine Uraufführung des neuen Ballettdirektors Martin Schläpfer und eine Erstaufführung des Meisterchoreografen Hans van Manen, getanzt von 102 Tänzerinnen und Tänzern wenige Wochen nach einem Covid-19-Cluster im Wiener Staatsballett, der zu einer mehrtägigen Probenzwangspause und zu Umbesetzungen führte. Jetzt sind sie auf der Bühne zurück, mit viel Energie und bestechender Präsenz. Und im Fernsehen: Die Fernsehpremiere von „4“ ist morgen, 8. 12., um 9.05 Uhr auf ORF 2 zu sehen. Ein Online-Stream des gesamten Abends ist auf ARTE concert verfügbar.

Einige Medienvertreterinnen und -vertreter durften mit strengen Auflagen live bei der Aufzeichnung in der Oper dabei sein, darunter der KURIER. Live ist schon das Stichwort, das über dem gesamten Abend steht.

„Live. Ein Videoballett“ von Hans van Manen zu Klavierstücken von Franz Liszt, von Shino Takizawa einfühlsam gespielt, entstand bereits 1979. Aus heutiger Sicht ein nahezu erschreckend visionäres Stück, das van Manen zum ersten Mal einer anderen Ballettcompagnie anvertraut als Het Nationale Ballet in Amsterdam, für das es entstand. Zum letzten Mal ist in Wien der Kameramann Henk van Dijk dabei, der das Stück seit der Entstehung nicht nur begleitet, sondern durch seine live Aufnahmen, die auf eine Leinwand projiziert werden, mitgestaltet.

Das Stück steht wie ein Manifest für Martin Schläpfer, der das klassische Ballett mehr in die Gegenwart rücken möchte, als es bisher in Wien der Fall war. Mit Olga Esina übernimmt eine nahezu makellose klassische Primaballerina den Part der Balletttänzerin, die in einen Dialog mit der Filmkamera tritt.

Der Tanz erfüllt dabei ihr Leben, wenn sie im Foyer der Staatsoper auf einen Tänzer, Marcos Menha, trifft.

Eine ambivalente Beziehung, die mit einer Flucht der Tänzerin in die Außenwelt endet. Die bedrückend unbelebte Wiener Ringstraße wiederum lässt das Coronavirus auch in dieses spartenübergreifende Tanzquartett eindringen.

Darauf folgt Schläpfers „4“ zu Gustav Mahlers Vierter Sinfonie in G-Dur. „All den Einschränkungen durch die lange Pause und das Fehlen von Vorstellungen im Tänzeralltag zum Trotz überwiegen Stärke und Kraft. Es gibt Szenen voll Schönheit zu sehen, dazu vier zentrale Pas de deux. Sie sind von Episoden aus Mahlers Beziehung zu seiner Frau Alma inspiriert, von allen Paaren bestechend getanzt.

Ironischer Unterton

Das große Finale zum vierten Satz „Sehr behaglich“ hat einen ironischen Unterton. Behaglich ist da lediglich die schöne Sopranstimme Slávka Zámečníková, die von „himmlischen Freuden“ singt, wozu im Text aber auch Katastrophen, Schlachtungen und Existenzbedrohungen zählen.

Da gibt es neben virtuosem Ballett viel Bedrohliches im Tanz ausgedrückt, ehe Schläpfers Choreografie in eine berauschende Schlichtheit mündet. Ein starkes Lebenszeichen einer phänomenalen Compagnie.

von Silvia Kargl

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