Kultur
09.03.2012

Bakker lässt eine Sterbende den Umweg gehen

Der Niederländer macht aus der Einsamkeit einer Sterbenden fast so etwas wie einen Thriller.

Warum ausgerechnet ich? Und warum jetzt? Diese Fragen werden nicht gestellt. Der Niederländer Gerbrand Bakker, durch den Roman "Oben ist es still" berühmt geworden, mag sie nicht.

Bei 1,3 Millionen Krebstoten pro Jahr allein in der EU hält er die Fragen für idiotisch.

"Seine" zunächst namenlose Frau sieht es nicht anders. Leise verlässt sie Amsterdam. Noch geht sie nicht in ihr Grab, sondern macht selbst bestimmend einen Umweg wie Jacques Brel, der sich auf die polynesische Insel Hiva Oa zurückgezogen hat.

Sie geht nach Wales. Inmitten von schwarzen Schafen und Kühen mietete sie eine Hütte und Wiese. Schmerzstillende Tabletten nahm sie mit.

Der Dachs

Gerbrand Bakker ist beim Andeuten genial. Lange Zeit ahnt man nur, weshalb die Frau ihren Ehemann verlassen hat; und man wird anfangs nicht verstehen, weshalb der Dachs im Buch so wichtig ist, den nur sie sehen kann und der sie ins Bein beißt – am helllichten Tag, obwohl Dachse doch nachts aktiv sind.

Aber es ist Nacht.

In ihr.

"Der Umweg" dauert von November bis nach Weihnachten. Nur scheinbar herrscht Ruhe. Bakker ist ausgebildeter Gärtner. Es gibt Gras und Hecken, Braun, Ocker, Violett.

Es gibt den kettenrauchenden Dorfarzt, die neugierige Bäckerfamilie, einen anlassigen Schafzüchter – und einen Burschen mit Hund, der bei der Arbeit hilft und auch sonst angenehm ist.

Lebendig halt.

Freilich stört das, wenn man gerade scheu und ehrfurchtsvoll sein Bett herrichten will; um dann in ihm zu liegen und zu warten, bis das Urteil herabstürzt ...

So etwa steht es in einem Gedicht der in Einsamkeit lebenden Amerikanerin Emily Dickinson geschrieben ("Ample Make this Bed").

Die Romanfigur, Literaturlehrerin an der Amsterdamer Uni, hat Dickinsons Gedichte auf ihrem Umweg in die Natur mitgenommen. Sie versucht, es ins Niederländische zu übersetzen.

Bakkers einfache Sprache und die kurzen Sätze und die Menge an Unausgesprochenem schaffen nicht nur schrecklich beklemmende Lesemomente.

Sondern eine ständige Spannung, wie Thriller im allerbesten Fall erzeugen.

Die Eltern der Verschwundenen starren daheim inzwischen relativ unberührt in den Fernsehapparat.

Ihr Mann wird sie suchen, obwohl sie ihn betrogen haben dürfte. Gemeinsam mit einem Amsterdamer Polizisten ist er hinter ihr her. Und auch das wird nur angedeutet: Der Ehemann entdeckt seine Homosexualität.

Hat also auch er einen Umweg gemacht.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: ***** von *****

Janne Teller – "Komm"

Es ist ein seltsames Buch: schmal wie seine Vorgänger, der großartige Jugendroman "Nichts" und die Flüchtlings-Parabel "Krieg", aber nicht so stringent, nicht packend. "Komm" hat eigentlich keine Geschichte. Es ist ein Sammelsurium von Gedankenfetzen, ein loses Kompendium an Fragen, die der Hauptperson, einem von Moral nicht gerade durchdrungenen Buchverleger, durch den Kopf gehen. Spintisiererei, die einen kalt lässt.

In einer rauen Winternacht sitzt der Verleger, dessen Name für Janne Teller nichts zur Sache tut, am Schreibtisch und ist gerade im Begriff, das vielversprechende Manuskript seines jüngsten Erfolgsautors für den Druck bereit zu machen.

Da klopft es: Petra Vinter, eine Bekannte des Autors, steht in der Tür und kommt ohne Umschweife zur Sache. Sie behauptet, der Autor habe ihre Geschichte gestohlen. Habe aufgeschrieben, was er ihr nie aufzuschreiben und zu verwerten versprochen hatte. "Es ist meine Geschichte", sagt sie. Der Verleger ist perplex, sie sitzen im Wohnzimmer und starren sich an. Er: "Eine Geschichte kann man nicht besitzen." Sie: "Gibt es keine Geschichten, die so persönlich sind, dass andere sie nicht weitererzählen dürfen?"

Petra Vinter beschwört den Verleger, das Manuskript zurückzuziehen. Ihr Trauma von Krieg und Vergewaltigung in dem afrikanischen Bürgerkriegsland, in das sie als UN-Beauftragte entsandt worden war, nicht öffentlich zu machen. Er verweigert.

Der Rest ist selbstgefällige Gedankenakrobatik des Verlegers: Ein literarisches Manuskript könne nicht nach einem ethischen Maßstab beurteilt werden, der für andere Bereiche des Lebens gelte. Ein Künstler, dürfe fast alles, es sei "in seinem Recht". Aber was ist, wenn wir dann gar keine Tabus mehr haben? Ist es nicht erbärmlich, seine Freunde, die einem etwas anvertrauen, zu verraten, indem man ihre Geschichten weitererzählt? Aber Kunst ist eben nicht moralisch. Sie muss die Welt nicht besser machen.

Fazit: 160 Seiten Trockenfutter für Schmalspur-Philosophen. "Nichts" war viel mehr.

Susanne Lintl

KURIER-Wertung: *** von *****

Thomas Raab – "Der Metzger bricht das Eis"

Es ist der Obdachlose in einem Wiener Park. Zuerst rettet er ein Kind vor dem Erstickungstod (eine Nuss!), dann setzt er sich auf seinen Karton, deckt sich zu und murmelt in einem Höllentempo:

"Null ist Null ist eine natürliche Zahl, jede natürliche Zahl hat einen Nachfolger, nur Null ist kein Nachfolger einer natürlichen Zahl. Null ist der Anfang. Ich bin eine Null, ich bin am Anfang, nicht am Ende. Punkt. Am Nullpunkt."

Bald liegt er erfroren auf dem Gehsteig.

Es ist der Obdachlose, bei dem Thomas Raab am deutlichsten zeigt, was er draufhat: Der erzähllustige Autor wird auch ohne seinen übergewichtigen Serienhelden, den Möbelrestaurator Metzger, gut leben können; und wir mit ihm.

Aber egal. Noch egal. Metzger ist zurück. Nach zweijähriger Pause, die gut getan hat, liegt Krimi Nummer fünf vor, "Der Metzger bricht das Eis".

Raab spannt den Bogen megaweit vom einsamen Sandler zu verwirrend vielen Leuten und der Skihütten-Gaudi in einem Wintersportort.

Er zieht die Geschichte an den Haaren herbei – und alles passt zusammen. Im KURIER-Gespräch wundert sich der 41-jährige frühere Mathe- und Turnlehrer ja selbst, "dass eine Idee gar nicht absurd genug sein kann, um es mit der Wirklichkeit aufzunehmen".

Jedenfalls geht – wie es im Roman heißt – das Sterben wieder los, und der Metzger bewegt sich in einer Welt, die ganz sicher nicht die seine ist. Gondelbahn und Eisstockschießen, Skimützerl und Schneekanone.

Wobei so eine Schneekanone schon was hergibt. Z. B. gibt sie einen Menschen wieder her, ziemlich fein zerstückelt, blutige Flocken halt.

Gott sei Dank erweist sich ein sehr klein geratener Urlauber, der zunächst auslacht wird, als wahre Stütze unseres Helden. Einen übergroßen Penis hat er auch, aber das interessiert eher die Frauen. Der Metzger will bloß überleben.

Bei aller Skurrilität: Thomas Raab wird von Mal zu Mal ernster. Er fabuliert – und attackiert.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: **** von *****

Mansura Eseddin – "Hinter dem Paradies"

Ob man einem Autor gerecht wird, ihn vorrangig im politischen Kontext seiner Herkunft zu beschreiben? Dieser Tage wird beinahe jeder Roman aus dem arabischen Sprachraum in den Kontext des "Arabischen Frühling" gestellt. Auch Mansura Essedin muss im Fernsehen oft über den Tahrir-Platz sprechen.

Eseddin, 1976 in Ägypten geboren, legt mit "Hinter dem Paradies" ihren zweiten Roman vor. Das Buch erzählt vom Aufwachsen zweier Frauen in einem Dorf im Nildelta. Gamila und Salma werden gemeinsam erwachsen, entwickeln sich unterschiedlich. Während Gamila studiert und kurze Kleider trägt, führt Salma ein bürgerliches Leben und will aus der Enge ihrer Ehe flüchten. Sie beschließt, ihre Familiengeschichte zu schreiben. Dafür kehrt sie zurück in ihre Kindheit, die früher Bühne für die Kämpfe der weit verzweigten Fabrikantenfamilie war.

Eseddin ist neben ihrer Arbeit als Autorin auch politische Aktivistin. Sie war auf dem Tahrir-Platz und schrieb auch in deutschen Medien darüber. Das Thema ihres Romans, die Sinnkrise einer Frau Mitte dreißig, muss man aber nicht dem derzeit nur zart knospenden Frühling in Ägypten anlasten.

Barbara Mader

KURIER-Wertung: **** von *****