© Virginie Khateeb

Gespräch
04/27/2020

Austra hat in toxischer Beziehung Stärke und Heilung gefunden

Die Kanadierin spricht im KURIER-Interview über die Trennung von der Band und der Freundin

von Brigitte Schokarth

Hirudin ist ein Peptid, das Egel absondern, wenn sie das Blut von Menschen saugen. Es ist ein starker Gerinnungshemmer, weshalb die eigentlich parasitären Tierchen heilsam sind.

Das ist die Analogie, die Katie Stelmanis, Frontfrau der Dream-Pop-Band Austra, bewegte, ihr kommenden Freitag erscheinendes Album „HiRUDiN“ zu nennen.

 

„Es beschäftigt sich mit toxischen Beziehungen, bei denen einer immer nur nimmt und es keine Balance gibt“, erklärt Stelmanis im KURIER-Interview. „Ich sehe darin Parallelen zu Hirudin. Solche Beziehungen können nämlich heilsam sein, weil du durch sie viel über dich selbst lernen kannst. Denn der Grund dafür, dass du in so einer Beziehung gefangen bist, ist oft deine eigene Unsicherheit. Und wenn so eine Beziehung endet, musst du dich mit dir selbst beschäftigen und etwas ändern, dass das nicht wieder passiert.“

Stelmanis hat all das selbst schmerzhaft erfahren. Die in Toronto in der Szene um Arcade Fire aufgewachsene Musikerin startete die Band Austra 2010 mit der Schlagzeugerin Maya Postepski. Mit verschiedenen anderen Musikern wurde der Sound – geprägt von der Fusion von elektronischem, leicht experimentellem Pop und Stelmanis’ in Operngesang ausgebildeter Stimme – schnell zum Insider-Tipp.

Doch vor drei Jahren brach die 34-Jährige mit Postepski und allen anderen Austra-Mitgliedern, um neu anzufangen: „Mit der Prämisse, nur mit diesen Leuten arbeiten zu können, hatte ich mich kreativ in eine Sackgasse manövriert. Aber diese Prämisse hing mit meiner eigenen Unsicherheit zusammen. Denn auch die Partnerin, mit der ich sehr, sehr lange zusammen war, war kreativ in Austra involviert. Sie wollte nicht, dass ich mit anderen Leuten Songs schreibe. Und ich wollte sie glücklich machen.“

So handeln die Songs von „HiRUDiN“ teilweise davon, wie es ist, in derartigen Beziehungen festzustecken, und teilweise von der Phase, wenn man langsam die Kraft und die Selbstsicherheit bekommt, sich daraus zu lösen. Einige beschreiben auch die Zeit danach, wenn „man sich schwertut, wieder jemandem zu vertrauen“.

Aber das hat Stelmanis geschafft. Seit drei Jahren ist sie mit einer in London lebenden Künstlerin zusammen, mit der sie für die Aufnahmen von „HiRUDiN“ viel Zeit in den Bergen von Spanien verbracht hat, weil diese dort ein längeres Engagement hatte.

Mit diesen Entwicklungen ist „HiRUDiN“ das persönlichste Austra-Album und inhaltlich das Gegenteil vom Vorgänger „Future Politics“, für das Stelmanis viel über Utopien und positive Vision für die Zukunft des Planeten las und darauf die Songs aufbaute.

Auch die Anliegen der Queer-Gemeinschaft sind im Gegensatz zu den frühen Alben kein Hauptthema mehr.

„Ich habe das früher immer wie eine Flagge vor mich hergetragen“, sagt Stelmanis. „Anfangs nur, weil ich es lustiger fand, mit diesen Leuten zusammen zu sein und sie als Publikum bei meinen Shows haben wollte. Und weil ich nicht superstark danach aussehe, dachte ich, ich erzähle es jedem, dass es nur ja jeder weiß. Ich bin aber in einer extrem progressiven, offenen Gemeinschaft in Toronto aufgewachsen und habe erst später schockiert festgestellt, dass queer zu sein nicht überall so selbstverständlich ist. Da war es natürlich schön, damit auch die Anliegen dieser Community sichtbar machen zu können.“

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