Fast schon abstrakte Kunst: Maximilian gewidmete Handschrift über das Schach als Glücksspiel

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Kultur
03/18/2019

Ausstellung über Maximilian I.: Der Kaiser als Konstrukt

Die Nationalbibliothek widmet dem „großen Habsburger“ und "letzten Ritter" eine unterhaltsame Ausstellung im Prunksaal

Erst kürzlich präsentierte das Kunsthistorische Museum unter dem Titel „Falsche Tatsachen“ eine Ausstellung über das Privilegium maius: 1358/’59 wurde die Urkunde, mit der Österreich 1156 von Friedrich I. Barbarossa zum Herzogtum erhoben worden war, umgetextet und, um die Glaubwürdigkeit zu unterstreichen, durch Dokumente ergänzt, die darauf Bezug nahmen. In einer der Fake-Urkunden werden Privilegien bestätigt, die auf Nero und Julius Caesar zurückgingen. Ziemlich keck. Aber das Ziel, die Vormachtstellung der Habsburger zu legitimieren, wurde erreicht.

Falsche Tatsachen präsentiert nun auch die Nationalbibliothek – im Rahmen ihrer Ausstellung über Kaiser Maximilian I.: In etlichen der 90 Exponate, die bis 3. November im Prunksaal zu sehen sind, wird schamlos geflunkert und übertrieben.

Maximilian hat, wie Leonardo da Vinci, heuer seinen 500. Todestag: Der „letzte Ritter“, dessen Regentschaft in die Wende vom Mittelalter zur Renaissance fiel, starb am 12. Jänner 1519 auf der Dienstreise von Innsbruck nach Linz in der Welser Burg – vermutlich an Darmkrebs. Amerika war bereits entdeckt und der Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden.

Sprachstörung

Die von Katharina Kaska mit viel Liebe zum Detail kuratierte Sonderausstellung über „einen großen Habsburger“ beginnt natürlich mit der Geburt (am 22. März 1459 in Wiener Neustadt) und ist thematisch gegliedert. Auf Tatsachenverdrehungen stößt man bereits im Kapitel über die Erziehung des Erzherzogs, der nicht nur schulische Probleme, sondern auch eine Sprachstörung gehabt haben soll. In einem von ihm später initiierten Buchprojekt, dem autobiografisch geprägten „Weißkunig“, findet sich davon allerdings nichts: „Ganz im Sinne der Überhöhung der Person des Kaisers übertrifft sein Alter Ego schon in jungen Jahren all seine Lehrer.“

Zudem wird Maxi als Experte in der Steinmetzkunst und Geschützgießerei sowie in der Malerei und der Münzprägekunst dargestellt. Verbürgt ist lediglich das Interesse an der Drechslerei. Zu seinen Vorlieben gehörten auch das Fechten und Kämpfen – sowie die Jagd: Fiktive Abenteuer fanden Eingang in sein Versepos „Theuerdank“, darunter die wundersame Errettung aus der Martinswand bei Innsbruck. Das Epos hat eigentlich die Reise Maximilians zu Maria von Burgund zum Thema, die er 1477 zunächst „per procurationem“, ohne persönliche Anwesenheit, heiratete: Theuerdanks Brautfahrt wird mit allerlei erfundenen Bewährungsproben aufgepeppt.

Richtiggehend trumpesk ist der Stammbaum, den der Bregenzer Jurist Jakob Mennel herbeifantasierte: In „Kaiser Maximilians Geburtsspiegel“ konstruierte er eine Abstammung in direkter Linie über merowingische Vorfahren von homerischen und alttestamentarischen Helden. Alternative Fakten hatten es mitunter schon vor 500 Jahren schwer: Die theologische Fakultät der Wiener Universität erstellte 1518 ein „eher zurückhaltendes Gutachten über die genealogische Verbindung zwischen Hektor und Noah“.

Auch der Gelehrte Johannes Trithemius zog für den Kaiser einen Stammbaum hoch – und er widmete ihm ein Werk über Geheimschriften. Dass ein Teil der Alphabete, auch der angeblich antiken, bloß erfunden waren: Wen wundert es? Die Schau ist also, auch wenn sie nur aus trockenem Anschauungsmaterial (Handschriften, Frühdrucke, Gebetbücher, Urkunden, Karten) besteht, durchaus unterhaltsam. U.a. sticht eine Maximilian gewidmete Handschrift von Mennel über das Schach als Glücksspiel heraus – samt aufgemaltem Brett mit schwarzen und güldenen Feldern, das an ein abstraktes Kunstwerk erinnert.

Ein kleines Manko jedoch gibt es: Da die Ausstellung nur aus Beständen der ÖNB besteht, fehlt ein zu Lebzeiten des Kaisers entstandenes Konterfei. Selbst der präsentierte Dürer-Holzschnitt entstand erst nach Maximilians Tod ... Aber es folgen heuer noch viele Schauen, darunter, ab 30. März, in Wr. Neustadt. Wir werden den Geruchszinken von Maximilian also noch öfters sehen.