© Thomas Gorisek

Kultur
02/18/2020

Ausstellung Sonja Gangl: Große Gesten in Graz

Im Grazer Künstlerhaus setzt die Künstlerin auf große Gesten: „I borrowed optimism from the past“

von Thomas Trenkler

Sonja Gangl überlässt nichts dem Zufall, sie bevorzugt klare Linien und Formen, der genialische Pinselstrich ist dieser kompromisslosen Feinmechanikerin fremd: An ihren zarten Zeichnungen arbeitet die Grazerin, geboren 1965, mitunter monatelang. Vor allem, wenn sie sich großer Formate annimmt – wie jener, die 2013 in der Albertina zu sehen waren.

Die Ausstellung „Dancing with the End“ war dort übrigens die allererste einer Frau gewidmete Personale. Und der Titel bezog sich auf ein besonderes Projekt von Sonja Gangl, die ab 1984 in Wien an der Akademie der bildenden Künste bei Markus Prachensky und an der Angewandten bei Ernst Caramelle studiert hatte: Sie zeichnete mit Bleistift die Schlussszenen von Spielfilmen ab. Eben das „Ende“ oder „The End“ oder „Fin“, unglaublich detailliert, manche auch in Farbe. Sonja Gangl verlieh einem flüchtigen, aber endgültigen, einem deprimierenden oder beglückenden Moment Dauer. Das Ende von „Casablanca“ zum Beispiel zeichnete sie zweimal – in der deutschen wie in der englischen Version.

Eingefangen auf Papier

Die Albertina zeigte erstmals auch ihre kreisrunden Porträts von Augen, die auf eigenen Fotografien basieren. So genau hat man Pupillen, „captured on paper“, wohl nie zuvor betrachtet. In der Jurybegründung für den Würdigungspreis des Landes Steiermark im Jahr 2018 an Sonja Gangl heißt es, dass sich diese den Luxus leistet, dort zu zeichnen, wo anderen das fotografische Abbild genügt.

Mittlerweile muss es eine beachtliche Serie dieser Augen geben – wie es ja auch eine riesige Serie an Film-Enden gibt. Eine Auswahl von 30 kleinformatigen Bleistiftzeichnungen, alle gleich gerahmt, ist derzeit im Grazer Künstlerhaus zu sehen. Sie birgt die eine oder andere Überraschung. Denn Gangl porträtierte nicht nur die Augen von Frauen, Männern und Kindern, sondern auch von Tieren (Zebra, Papagei, Krokodil, „Mutzl“ und so weiter). Da lässt sich gut rätseln, sinnieren und dem Vis-à-vis zuzwinkern: „Ich seh dir in die Augen, Kleines!“

Geschichtete Kartons

Kuratorin Jana Franze gestattet sich in der Ausstellung „I borrowed optimism from the past“ noch einen zweiten Rückgriff auf die Vergangenheit: Gleich im Foyer hängen zwei schlanke Zeichnungen, die sich vom Format her auf Stillleben des spanischen Barockmalers Juan van der Hamen y León beziehen. Sie haben aber keine Blumenvasen zum Inhalt, sondern den Verpackungsmüll unserer Zeit, etwa aufeinandergeschichtete Kartons. Dass Franze diese Arbeiten als Ausgangspunkt genommen hat, erscheint logisch. Denn Sonja Gangl wollte, aufgefordert von Direktor Sandro Droschl, etwas Neues versuchen – mit dem geliehenen Optimismus der Vergangenheit: Sie zeigt im Hauptraum 14 durchnummerierte Arbeiten, die den Titel „Supra-Linien“ tragen.

Auch sie stehen über das Format in direktem Bezug zu einem Kunstwerk – in diesem Falle aber aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die „Vorbilder“ stammen u.a. von Mark Rothko, Franz Kline, Barnett Newman und Lee Krasner.

Formal geht Sonja Gangl ihren eigenen Weg der Abstraktion: Sie blies riesengroß die zeichnerischen „Notizen“ über die Beschaffenheit ihrer Bleistifte, deren Stärke und Weichheit, auf. Der Gag ist, dass sie diese „Kritzeleien“ nicht nachgezeichnet, sondern unglaublich naturalistisch gemalt hat. Wenn man ganz nahe an diese Acrylgemälde herantritt, sieht man die fast pointillistische, ungemein aufwendige Technik.

Ergänzt wird die bis 2. April laufende Ausstellung noch durch eine Doppelreihe Schaukästen mit präparierten Stubenfliegen (jede ist anders) – und zumindest einem Farbklecks: Drei Gemälde veranschaulichen drei Rottöne. Das Bezeichnende ist mithin zugleich das Bezeichnete.

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