Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Kunstsammlung: Raus aus dem Büro, rein ins Museum

Die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien präsentiert im Museum Angerlehner ihre Kunstsammlung. Dabei treten überraschende Einblicke in die Kunstgeschichte zutage.
Carl Moll, Getreidedrusch

Ein Bild, das in einem Büro hängt, kann der Arbeit neue Perspektiven öffnen oder Gespräche anstoßen. Nicht zuletzt deshalb kaufen Unternehmen Kunstwerke für ihre Räumlichkeiten an. Wenn dasselbe Bild in einer öffentlichen Ausstellung hängt und von fachkundiger Seite durchleuchtet wird, öffnen sich allerdings ganz andere Fenster – auf Vorbesitzer, auf den Geist vergangener Zeiten, auf verblüffende Geschichten.

Carl Aigner hat etliche solcher Geschichten zusammengetragen – ausgehend von Gemälden aus der Kunstsammlung der Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien, mit deren Aufarbeitung der ehemalige Direktor der Niederösterreichischen Landesmuseen seit 2023 befasst ist.

Ferdinand Brunner Motiv an der Donau

The Art of the Deal

Dass die Themen Landschaft und Natur in der Sammlung eine wichtige Rolle spielen, mag noch wenig verwundern. Mit Werken des Franzosen Louis Auguste Anguin („Waldinneres“, 1875) und George Sheridan Knowles (1900) fanden aber auch unerwartete internationale Namen den Weg in die Kollektion.

Dass eine „Spanische Tänzerin“ in transparentem Kleid von der Wand blickt, erzählt wiederum weniger von Geschmacksfragen als von einem Immobiliendeal, der Raiffeisen in Besitz eines der größten Werkblöcke des Malers Josef Engelhart (1864–1941) brachte. Denn das Elternhaus des Malers lag gleich neben der Villa der Unternehmerfamilie Mautner-Markhof in Wien-Landstraße – und es ergab sich, dass der Künstler sich in die Tochter Doris Mautner-Markhof verliebte.

Josef Engelhart, Spanische Tänzerin, 1897

Trotz Widerstands gegen die unstandesgemäße Ehe heiratete das Paar 1895. Zwei Jahre später malte Engelhart die „Tänzerin“ – und begründete gemeinsam mit Gustav Klimt die Wiener Secession. Anders als Klimt und Schiele sollte sich Engelhart aber bald von der Avantgarde ab- und einer eher konservativen „Geschichtsmalerei“ zuwenden, die jedoch lebendige Einblicke in das Leben der Jahrhundertwende gibt.

Sein Atelier richtete Engelhart ab 1901 in dem Gebäude gegenüber der Mautner-Villa ein. Raiffeisen kaufte das Areal später an – die Villa, aber auch das Atelier mit den darin verbliebenen Bildern.

Spuren zu Loos und nach Chile

Der Frauenanteil in der historischen Sammlung ist nicht sehr ausgeprägt – Aigner spricht von rund 15 %. Doch auch hier gibt es Überraschungen wie das Bildnis einer selbstbewusst blickenden Dame aus dem Jahr 1951. Es zeigt Kitty Goldmann: Die 1918 geborene Künstlerin war die Tochter von Leopold Goldman(n), der mit „Goldman & Salatsch“ eine der renommiertesten Herrenmoden-Firmen der Monarchie betrieb. 

Kitty Goldmann, Selbstporträt 1951

1911 engagierte er Adolf Loos, ein Hauptquartier zu bauen – das berühmte Loos-Haus am Michaelerplatz, das sich seit 1991 im Besitz der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien befindet. Leopold Goldman wurde im Holocaust ermordet, der Tochter Kitty gelang die Flucht nach Chile, wo sie als Werbegrafikerin reüssierte und 2002 starb.

Ob es auch Raubkunst in der Sammlung gebe? Ihm seien keine Fälle bekannt, erklärt Aigner, die Aufarbeitung sei aber noch nicht abgeschlossen. Dass auch Fragwürdiges in die Sammlung kam, verhehlt der Kurator indes nicht: So hängt ein Bild des Malers Rudolf Böttger, das Mäher auf einem Kornfeld zeigt, in der Schau. Es stammt von 1930 – noch bevor der Maler zum NS-Kulturfunktionär wurde, der sich auch nach 1945 nicht von der Ideologie distanzierte.

Zeigen – oder in den Giftschrank damit? Eine Firmensammlung, die nicht nur in Büros hängt, stellt sich auch der Diskussion. Bis 27. 9. ist das Publikum eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen.

Kommentare