Auktion oder Flohmarkt? Was mit Nachlässen von Otto Schenk und Co. passiert

Am Donnerstag wird die Sammlung von Otto und Renée Schenk im Dorotheum versteigert. Aber was passiert mit den Hinterlassenschaften von Künstlern, für die sich Auktionshäuser und Museen nicht interessieren?
Ein Mann und eine Frau (Otto und Renee Schenk) betrachten eine Vase vor einem Regal voller Vasen.

Wenn am 26. Februar der Hammer für fast 400 Objekte bei der Online-Auktion im Dorotheum fällt, dann hat Ursula Hieke schon einen großen Teil ihrer Aufgabe erfüllt. Die Wiener Kunstexpertin bekam vom Ehepaar Otto und Renée Schenk den Auftrag, oder eher: das Vermächtnis, den Inhalt ihrer Wohnung am Wiener Rudolfsplatz zu verwerten. An diesem postumen Freundschaftsdienst hat sie nun ein gutes Jahr gearbeitet. „Wir waren 40 Jahre befreundet, es war eine Art Wahlverwandtschaft“, erzählt sie.

Bereits vor etwa 15 Jahren hat das Schauspielerpaar sie gebeten, diesen Teil ihres Nachlasses zu betreuen. Geerbt hat sie nichts: Der Erlös geht an eine Stiftung. Hieke, die mit den beiden die Liebe für den Jugendstil teilt, fühlte sich geehrt. Aber worauf sie sich einlässt, hat sie damals noch nicht wirklich gewusst: „Ich war ja gefühlte 100.000 Mal zu Besuch in dieser Wohnung. Ich wusste, da ist viel drin. Aber es war noch so viel mehr. In jeder Lade, in jedem Kastl war noch mehr Kleinkunst, Nippes, Gläser, …“

Sammelleidenschaft

Der üppige Katalog der Auktion im Dorotheum ist daher auch nur ein Teil der Kollektion. Ein weiterer ist bereits für das Theatermuseum reserviert, auch mit anderen Museen gibt es Verhandlungen. Das alles war das Produkt einer langen geteilten Sammelleidenschaft. Das Ehepaar Schenk liebte es, in Galerien, bei Antiquitätenhändlern und auch auf Flohmärkten nach Schätzen zu jagen. Vor allem Renée Schenk war eine harte Verhandlerin. Sie erwarben sehr wertvolle Kunstgegenstände – wie ein Gemälde von Kolo Moser, Rufpreis 100.000 Euro – ebenso wie „Nettigkeiten, die ihnen einfach gefallen haben.“ Bei vielen Objekten erinnert sich Hieke noch, als ihr die „Beute“ stolz gezeigt wurde.

Von New Yorker Flohmärkten

Der Jugendstil hatte es den Schenks angetan, nicht nur eine ganze Regalwand voller entsprechender Vasen zeugte davon. Viele Kunstgegenstände haben sie auf Flohmärkten gefunden: „Sie haben in den 60er-Jahren begonnen, da konnte man noch gute Qualität finden. Einiges ist aus New York, wo Otto Schenk viele Opern inszeniert hat.“ Die Liebe zur Antiquitätensuche zeigte sich auch pragmatisch: „Auf ihrem Kühlschrank war immer ein Kalender der Flohmärkte von Wien und Umgebung angebracht“, erzählt die pensionierte Galeristin.

Das Besondere an der Sammlung der Schenks? „Eine Einheit in der Vielfalt“, formuliert es Hieke. Warum die Sammlung dann nicht als Ganze verkaufen? „Das wollten sie nicht. Das war ihre persönliche Sammlung. Und wenn sie nicht mehr sind, wollten sie, dass die Dinge in die Hände von Menschen kommen, die sie genauso schätzen.“

Der Geist der beiden

Dass so eine Mission auch belastend ist, liegt auf der Hand: „Das erste Mal in die leere Wohnung zu kommen, war schon sehr traurig. Plötzlich war niemand mehr da. Aber alles hat den Geist der beiden so geatmet.“ Vielleicht deswegen fällt ihr schwer, ein Objekt herauszugreifen, dass ihr bei der Auktion am meisten am Herzen liegt. Sie entscheidet sich für etwas, das an gemeinsame Zeiten erinnert: „Der schöne Glasluster, unter dem wir auf der großen Garnitur immer geplaudert haben.“

Wie andere Verstorbene haben auch Künstlerinnen und Künstler nicht nur Gegenstände, die Auktionshäuser oder Museen interessieren. Nach der Auktion von Objekten aus dem Besitz von Fritz Muliar und seiner Frau Franziska Kalmar im Vorjahr war etwa noch sehr viel Hausstand übrig. Alfred Burzler wurde eher unversehens damit betraut, das Haus der Muliars zu räumen. Denn eigentlich ist er – ursprünglich Grafikdesigner – Vintagehändler, man trifft ihn auf Flohmärkten oder in seiner „Säcondhand Trafik“ in der Reindorfgasse.

Widmungen als Schatz

Räumungen en gros macht er nie. Aber es reizte ihn, denn „dieses Haus hatte eine Atmosphäre, die anders ist als in irgendeinem anderen Haus. Das hat schon damit begonnen, dass der Eingangsbereich vollgehängt war mit Theaterfotos.“ Wenn man „vom Dachboden bis zu den alten Autoreifen“ alles aufarbeitet, ist das viel Aufwand. Aber auch viel Gelegenheit zur Schatzsuche, „die ist in dem Job immer das treibende Element.“ Muliar hatte etwa die Kopfbedeckungen seiner Rollen aufgehoben: „Die sind für sich schon selten, wie eine alte Straßenbahnmütze“. Nicht nur 3.000 Bücher, auch viele Widmungen – „von Pluhar über Mitterer zu Johannes Mario Simmel: Der hat ihm in 12 Büchern einen Brief auf die erste Seite geschrieben“ – waren zu finden.

Verschiedene Antiquitäten wie Büsten, Ikonen, Silbergeschirr, Figuren und alte Bücher liegen auf einem Tisch ausgebreitet.

Allerlei aus dem Hause Muliar beim Antiquitäten-Flohmarkt Wunderkammer.

Abseits vom Marktwert

Viele Dinge illustrierten Aspekte, die die Person Muliar ausmachten: „Er war Sozialist und er hatte einen jüdischen Stiefvater. Er hat viel jüdischen Humor in Buchform gesammelt. Und es gab viele Kreisky-Widmungen.“ Für Burzler war diese für ihn so untypische Aufgabe auch ein spannendes Näher-Kennenlernen des berühmten Schauspielers: „Es gab viele Entdeckungen, die einen auch persönlich bereichern, abseits vom Marktwert. Zum Beispiel sein Arbeitszimmer, das seit seinem Tod (Muliar ist bereits 2009 gestorben, Anm.) nicht mehr betreten und angerührt wurde. Ich habe dann auch mit Kunden immer wieder über ihn geredet, da war alles dabei von schmelzender Begeisterung bis ,Den hab ich nie mögen‘. Da setzt sich ein Bild zusammen. Das war schon intensiv.“

Es kann durchaus sein, dass mancher bei Alfred Burzler ein Stück Muliar-Nachlass gekauft hat, ohne es zu wissen. „Ich hab das nicht immer ausgeschildert. Auch aus Respekt. Ich wollte keine Muliar-Verschleuderungsindustrie betreiben.“ Begehrt war übrigens ein Regiesessel mit Muliar-Namenszug. Ein treuer Begleiter auf Märkten ist hingegen nach wie vor eine Gipsbüste des Schauspielerkopfs, Abguss einer Bronze. Die wäre noch zu haben. Ebenso wie die Zinnsoldatensammlung des einstigen „Soldaten Schwejk“.

Künstler verkaufen für Künstler

Wenn beim Flohmarkt im Künstlerheim Baden etwas nicht verkauft wird, hat es noch zwei Jahre eine Chance. Dann wird es weggeworfen. „Wir haben ja viele Stammkunden, die wollen was Neues sehen“, erzählt Heimleiterin Margit Rosenstatter. Auch ist der Lagerplatz für die Schätze übers Jahr beschränkt. Jedes Jahr am zweiten Samstag im Oktober (heuer am 10. 10.) findet der traditionelle Benefizmarkt statt.

Bekannt gemacht hat ihn Lotte Tobisch, die Präsidentin des hinter dem Heim stehenden Vereins „Künstler helfen Künstlern“ war. Sie erzählte gerne, sie dürfe sich „als Erste eine besondere Scheußlichkeit aussuchen“. „Sie hat sich auch wirklich immer was Schlimmes genommen“, erinnert sich Rosenstatter.

Ein Flaschenöffner in Form eines muskulösen Männerkörpers steht zwischen Kristallgläsern und einer schwarzen Perlenkette.

Aus Lotte Tobischs Nachlass: Eine von ihr beim Künstlerheimflohmarkt erstandene "Scheußlichkeit", wieder zurück am Flohmarkttisch.

Nachhaltig eingerichtet

Die Ware, die zum Verkauf kommt und teilweise auch mit Namen beschriftet wird, stammt nicht nur von verstorbenen Künstlern. Auch von Mitgliedern des Vereins, die für den guten Zweck ausmisten wollen, oder von neuen Bewohnern, die sich verkleinern müssen. Das Pensionistenheim für Künstler und Angehörige von Künstlern mit seinen 27 Einzelzimmern und Appartements ist auch selbst großteils auf diese nachhaltige Weise ausgestattet: „Wir hatten zum Beispiel eine Bewohnerin, die hatte keinen Platz für ihre schöne Ledercouch, jetzt steht sie in unserer Leseecke“, erzählt Geschäftsführerin Brigitte Hartl-Wagner.

Eine ältere Frau steht lächelnd an einem Tisch mit verschiedenen Antiquitäten und Dekorationsgegenständen.

Schauspielerin Helma Gautier verkauft beim Flohmarkt zu Gunsten des Künstlerheims in Baden.

Manchmal auch eine Show

Am besten verkaufen sich auf dem Flohmarkt Modeschmuck und echter Schmuck. Bei den Büchern, CDs und Schallplatten, so Hartl-Wagner, kommt es drauf an, wer sie verkauft. Denn das Besondere bei diesem Event im Theater am Steg ist, dass hier auch Künstler feilbieten. Wenn Adi Hirschal, Kristina Sprenger oder Mercedes Echerer die LPs und Co. anpreisen, kommt gleich mehr Geld rein. Wenn es gut läuft, gibt es am Nachmittag spontane Auftritte.

Auf die Sachspenden, die Geldspenden der Marktkäufer und die Zeitspenden der Verkaufenden ist das Künstlerheim angewiesen. So kann das Haus, das seit 1964 Schauspieler von Rosa Albach-Retty bis Lotte Ledl, Hans Holt bis Cissy Kraner, Filmemacher wie Ferry Radax und Architekten wie Heinz Tesar beherbergt hat, wichtige Instandhaltungen finanzieren. Heuer wird der Speisesaal modernisiert und barrierefreier gemacht. Eher seltener werden dem Heim sehr wertvolle Kunstgegenstände vermacht, da hilft dann ein Badener Antiquitätenhändler bei der Preisschätzung. Heuer wird es wahrscheinlich wieder eine Versteigerung solcher Objekte – von Gemälden über Silberbesteck bis zum Kruzifix – geben.

Feilschen erlaubt

Apropos Preisgestaltung: Handeln die Menschen weniger auf einem Flohmarkt für den guten Zweck? „Nein, da wird auch ordentlich gefeilscht. Aber wir sagen auch, wenn sich jemand noch mehr über etwas freut, weil er’s um zwei Euro billiger kriegt, dann soll’s so sein“, sagt Hartl-Wagner. Und Rosenstatter fügt hinzu: „Andere zahlen dafür dann wieder freiwillig mehr.“

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