Neel Mukherjee

© /Nick Tucker

Literatur
06/18/2016

Auf die Gierigen wartet unten das Nagelbrett

Der Verfall einer Fabrikantenfamilie in Kalkutta nimmt einen mehr mit, als man gedacht hat.

von Peter Pisa

Der Vater, dem es wieder nicht gelang, eine SchĂŒssel Reis zu erbetteln, kommt ĂŒber den leblosen Acker heim zur HĂŒtte.

Zuletzt hatten seine drei hungernden Kinder Heu gegessen, im trĂŒben Brunnenwasser gekocht.

Vater hebt seine Sichel.

Er tötet alle, auch seine Frau, dann sich selbst.

Er kehrt vom Nichts seines Lebens in Nichts zurĂŒck.

Das geschieht gleich auf Seite 11 von den mehr als 600 Seiten, und das vorschnelle Urteil, bei "In anderen Herzen" mĂŒsse es sich doch wohl um ein kitschiges StĂŒck aus Indien handeln, ist damit rasch vom Tisch.

Didi, Dada

Die "indischen Buddenbrooks", so wird die Geschichte der Papierfabrikanten-Dynastie Gosh gern genannt. Die Familie aus Kalkutta fÀllt tief, unten wartet schon ein Nagelbrett (aber mit wenigen NÀgeln, damit es weh tut).

Der in London lebende Neel Mukherjee hat damit nur knapp den Booker Prize 2014 verfehlt.

"In anderen Herzen" ist sein PortrÀt der Gierigen, plastisch, kÀmpferisch, schonungslos. Dass es Ende der 1960er-Jahre spielt, ist kein Grund, nicht stÀndig an die Gegenwart zu denken.

Mukherjee involviert uns – sofern wir’s ihm erlauben.

Er selbst hat sich in jede einzelne Romanfigur tief hineinziehen lassen, und es sind viele. So viele, dass es einige Zeit braucht, bis die drei Generationen im dreistöckigen Haus auseinanderzuhalten sind.

Dazu kommt noch: Didi ist die Bezeichnung fĂŒr die Ă€ltere Schwester, Dada ist der Ă€ltere Bruder, Thakurda der Großvater vĂ€terlicherseits, Kaki ist die Ehefrau ...

Und es wird gevöllert im Haus, wĂ€hrend Hungersnot herrscht "draußen". Oben wird gevöllert. Unten nicht. Unten wohnt "bloß" eine Angeheiratete, deren Mann gestorben ist. Die Witwe und ihre beiden Kinder bekommen Essensreste geschickt.

Und es wird gebetet im Haus. Die Àlteste Schwiegertochter hat die Pflicht, jeden Morgen in sÀmtlichen RÀumen Kopra und Weihrauch abbrennen zu lassen. Die Glutpfanne, die sie mitschleppt, wird ihr allmÀhlich zu schwer.

Nehmen, raffen

Ein Enkelkind bricht aus. Der 21-JĂ€hrige flĂŒchtet zu den Armen, es wird bewaffneten Straßenkampf geben.

Seiner Mutter hinterlÀsst er die Nachricht: "Ich bin erschöpft vom Konsumieren, vom Nehmen, Raffen und Verbrauchen."

Um die Welt ins Gleichgewicht zu bringen, wollte er die Luft zerbrechen, den Wind zerreißen, das Wasser zerschmettern ... zerbrochen, zerrissen, zerschmettert wurde er.

Neel
Mukherjee:

„In anderen Herzen“
Übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini.
Kunstmann Verlag.
640 Seiten.
26,80 Euro.

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