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Die neue Salzburger „Carmen“ in der Dunkelkammer

Die erste szenische Opernpremiere polarisierte. Asmik Grigorian wurde für ihr Rollendebüt gefeiert, Dirigent Teodor Currentzis mit Applaus bedacht, die Regie von Gabriela Carrizo mit einigen Buhs.
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Thomas Bernhard hätte seine Freude gehabt mit dieser Inszenierung von Georges Bizets „Carmen“. Ihm (und Regisseur Claus Peymann) war es 1972 nicht gelungen, die Uraufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ in völliger Dunkelheit ausklingen zu lassen, was zum berühmten „Notlicht-Skandal“ geführt hatte. Nun ist es im Großen Salzburger Festspielhaus so dunkel, wie man es bei Opern so gut wie nie sieht (wobei „sehen“ diesfalls ein problematisches Verb ist).

Erste szenische Musiktheater-Premiere der Festspiele 2026 – und man bemerkt auch auf der Bühne die dunklen Zeiten, von denen schon bei der Eröffnung wenige Stunden zuvor die Rede war.

Man kann in der Inszenierung von Gabriela Carrizo von der belgischen Tanzkompanie Peeping Tom (der Name steht für Spechtler, Voyeur, Anm.) viel zu wenig erfassen. Die Mimik der Protagonisten bleibt zumeist unkenntlich. Das Licht ist so stark gedimmt, dass man sich fragt, ob das schon erste Sparmaßnahmen für den geplanten Umbau des Hauses sind. Es ist schummrig, düster, sinister, was in großem Widerspruch zur Musik steht. Selten sprechen Partitur und Optik eine derart andere Sprache. Einmal gehen sogar die Pultlichter aus – dass die Musiker da nicht rebellieren, zeigt, wie mächtig ihr Dirigent ist.

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Die Interpretation

Der geneigte Zuseher tappt also im Dunkeln, versteht aber dann doch die Intention der Inszenierung: Diese Carmen ist von Anfang an dem Tod geweiht. In einer Männerwelt, die ganz stark aus Gewalt besteht. Vom ersten Moment an läuft alles auf den berühmtesten Femizid der Operngeschichte hinaus.

Man versteht auch: Carmen ist hier nicht das singuläre, stilisierte Sinnbild einer Frau, der alle Männer verfallen, das Symbol für Verführungskraft, der Freigeist, den niemand halten und schon gar nicht dominieren kann. Was Carmen passiert, kann allen Frauen passieren, weil manche Männer schon als Kinder zum Töten animiert werden.

Was man bei dieser Produktion jedoch nicht versteht: viele Details der Geschichte, weil die Striche in der gespielten Fassung heftig sind und sämtliche Dialoge fehlen. Stattdessen hört man Elektronikklänge und sieht (erstklassige) Bewegungschoreografien von Peeping Tom.

Die Protagonisten bekommen bei Carrizo, die zum ersten Mal Regie bei einer Oper führt, Alter Egos zur Seite gestellt, die deren Innenleben tänzerisch darstellen. Das ist grandios und geradezu zirzensisch. Man muss sich an die zuckenden Bewegungen aber erst gewöhnen. Und leider lenken die Choreografien auch ab, wenn man etwa nicht mehr dem musikalisch heldenhaften Escamillo zusieht, sondern dem tanzenden Torero dahinter, der sich in Todesangst wälzt.

Heller wird es auf der Bühne absurderweise erst, wenn Carmen von Don José erstochen wird – sie beginnt schon zu bluten, wenn er sie nur mit den Händen berührt. Ist wohl auch eine Botschaft. Ebenso wie die Besetzung von Lillas Pastia mit einer Frau. Oder der Kunstgriff, dass diesmal auch Don Josés Mutter gezeigt wird (am Ende sogar nackt).

All das ist analytisch und aufschlussreich. Insgesamt ist es jedoch traurig, wenn eine der grandiosesten Opern szenisch in keiner Phase strahlen darf. Asmik Grigorian wird bei ihrem Carmen-Debüt jeder Glanz dieser Figur genommen, ihre Kostüme zielen auf Simplizität und Allerweltschick ab. Don José (Jonathan Tetelman) wird als biederer Soldat gezeichnet, der den seelischen Verfall glaubhaft spielt. Micaëla muss optisch besonders unscheinbar wirken. Und auch die graue Einheitsbühne (Christof Hetzer) nimmt dem Werk jede Farbenpracht. Diese „Carmen“ ist monochrom und optisch eine große Nachtmusik.

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Die Sänger

Gesungen wird großteils fabelhaft, allen voran von Asmik Grigorian, die auch in dieser Mezzopartie mit wunderschönem Timbre, viel Ausdruck und nobler Phrasierung brilliert. Stimmlich ist sie das, was sie szenisch hier nicht sein darf.

Jonathan Tetelman muss seine große Arie in der Ecke kauernd singen, besticht aber insgesamt mit vokaler Noblesse, guter Höhe, ausreichend Kraft und Intensität.

Davide Luciano ist ein Escamillo mit stimmlicher Eleganz, der nicht andauernd forciert, in den tiefen Passagen tut er sich schwerer. Kristina Mkhitaryan verfügt als Micaëla über einen schönen Sopran, aber nicht allzu viele Facetten. Sämtliche kleineren Partien sind gut besetzt, Liviu Holender ist als Morales besonders markant. Auch der Utopia Choir, der Bachchor und der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor machen ihre Sache sehr gut.

SALZBURGER FESTSPIELE 2026: FOTOPROBE ?CARMEN?

Der Dirigent

Das Dirigat von Teodor Currentzis am Pult seines Utopia Orchestra liefert, vor allem auch in dieser Fassung ohne Dialoge, Stückwerk, eine Bravourpassage nach der anderen, aber keinen großen Bogen. Die Solisten des Orchesters sind exzellent, jede Phrase wird zelebriert, all diese klanglich ausgefeilten und farbenprächtigen Teile ergeben aber ein Ganzes, das distanziert und artifiziell bleibt. Viele Passagen wirken sehr geschleppt, einiges zu laut, sodass manche Gesangssolisten dann nicht nur schlecht zu sehen, sondern auch nicht mehr gut zu hören sind.

Insgesamt ist diese „Carmen“ trotz prachtvoller Bilder (zum Beispiel eine Marien-Prozession, die auf den Tod der Titelfigur verweist) allzu sehr verkunstet, entrückt, mehr generelles Statement zu dunklen Zeiten als Operninterpretation.

Aber ist Asmik Grigorian nun die neue Maßstäbe setzende Carmen? Das wird wohl erst eine andere Inszenierung zeigen.

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