Kultur
11.01.2015

Schnitzlers Nachlass: Gerettet – und enteignet

Die Universität von Cambridge profitierte in der NS-Zeit von der Notsituation einer jüdischen Familie aus Wien: Sie verleibte sich ohne Zustimmung des Erben den Nachlass von Arthur Schnitzler ein.

Das Erstaunen war groß im Mai des vergangenen Jahres: Der Zsolnay-Verlag veröffentlichte unter dem doppeldeutigen Titel "Später Ruhm" eine bis dahin unbekannte Novelle von Arthur Schnitzler. Wilhelm Hemecker und David Österle, die beiden Herausgeber, hatten die "Geschichte von einem greisen Dichter", 1895 fertiggestellt, in der Universitätsbibliothek von Cambridge entdeckt.

Dort lag der umfangreiche Nachlass von Schnitzler seit Mai 1938 in einer Art "Dornröschenschlaf". Und er dürfte nach heutigen Moralvorstellungen nicht rechtmäßig dort sein. Denn die Elite-Universität profitierte von der Notsituation, in der sich die jüdische Familie Schnitzler nach dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich befand. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte man kein Unrechtsbewusstsein: Die Bibliotheksleitung erpresste Heinrich Schnitzler, den Sohn des Schriftstellers.

Die komplexe Geschichte beginnt im Oktober 1931. Nach dem Tod von Arthur Schnitzler blieb der Nachlass in dessen Haus in der Sternwartestraße, in dem Olga Schnitzler wohnte. Sie gilt als Witwe, obwohl sich das Ehepaar 1921 scheiden ließ.

Mit Besorgnis verfolgten Olga und Heinrich die Entwicklungen in Deutschland: Am 30. Jänner 1933 kam es zur Machtübergabe an Adolf Hitler, wenig später begann die Entrechtung der Juden. Arthur Schnitzler gehörte zu den Autoren, "die 1933 durch öffentliche Verbrennung ihrer Werke ausgezeichnet" wurden, wie es Heinrich Schnitzler ausdrückte.

Und dann, am 12. März 1938, marschierte Hitler in Österreich ein. Sogleich wurden prominente Juden sonder Zahl verhaftet und enteignet. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die NS-Schergen in der Sternwartestraße auftauchen, bis sie "jede Schublade auskippen, mit ihren Stiefeln, ihrem Hass alles zerstören, zertreten, verbrennen würden". Derart plakativ beschreibt es Jutta Jacobi in ihrem Buch "Die Schnitzlers", das kürzlich im Residenz Verlag erschien.

Britischer Schutz

Damals war Eric A. Blackall, ein Student aus Cambridge, in Wien. Er erkannte sofort die Gefahr für die Schnitzler-Materialien: Am 19. März 1938 fragte er bei der Bibliothek seiner Uni nach, ob sie bereit wäre, den Nachlass als Geschenk der Erben zu akzeptieren. Das Konsulat in Wien würde die Materialien bis zum Abtransport unter Schutz zu stellen.

So kam es auch. Am 21. März 1938 wurde der Nachlass zum Eigentum von Cambridge erklärt – und das Arbeitszimmer mit dem britischen Hoheitszeichen versiegelt. Zwei Monate später holte ein Spediteur acht Kisten mit Manuskripten, Skizzen, Notizen, umfangreichen Korrespondenzen und der Totenmaske Schnitzlers sowie vier Kisten mit vielen tausend Zeitungsausschnitten ab.

In ihrem Buch, autorisiert von der Familie Schnitzler, erzählt Jacobi ausführlich, "wie Olga den Nachlass rettete". Sie stützt sich dabei auf einen Brief von Heinrich an seine Mutter, in dem es heißt: "Du hast den Nachlass aus Wien herausgerettet und hast diesen Abschnitt der Geschichte ganz allein und wunderbar geleitet."

Er selber wäre dazu nicht in der Lage gewesen. Denn der Regisseur war seit Mitte Februar in Brüssel engagiert – und kehrte nach dem "Anschluss" nicht nach Wien zurück. Über Zürich emigrierte er mit seiner Frau Lilly und Sohn Peter, geboren 1937, nach New York. Dorthin wollte er den Nachlass verbracht wissen. Denn an der dortigen Columbia University lehrte Otto Paul Schinnerer, der mit dem Werk Schnitzlers bestens vertraut war. Und Heinrich wollte die Stoffe – grandiose Geschichten über Liebe, Begehren und Rache – Hollywood zur Verfilmung anbieten. Er war schließlich der alleinige Erbe.

Doch die Aktivitäten seiner Mutter kamen ihm in die Quere. Sie war einer Einladung nach Cambridge gefolgt und heilfroh, den Nationalsozialisten entkommen zu sein. Zudem weigerte sich die Uni beharrlich, den Nachlass wieder herauszugeben.

Über diese Entwicklung, die schließlich in einer "Kapitulation" mündete, berichten Wilhelm Hemecker, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Theorie der Biografie in Wien, und sein Mitarbeiter David Österle im renommierten Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft unter dem lapidaren Titel "... so grundfalsch war alles Weitere". Die Herausgeber der Novelle "Später Ruhm" zitieren aus der beklemmenden, bisher unveröffentlichten Korrespondenz zwischen Heinrich Schnitzler und seiner Mutter. Diese befindet sich im Österreichischen Theatermuseum sowie im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Heimatloser Dichter

In ihren Briefen an "Heini" schwärmt Olga Schnitzler von Cambridge. Ganz angetan ist sie von Alwyn Faber Scholfield, dem Leiter der Bibliothek: Er sei "ein prächtiger nobler gut aussehender Mann" mit vollendeten Formen. Auf dessen Frage, was sie von Cambridge erwarte, habe sie geantwortet: Nichts – außer Gastfreundschaft gegenüber dem Werk eines heimatlosen Dichters. Dies kam der Witwe zugute: Nach einer Intervention Scholfields erhielt sie eine unbeschränkte Aufenthaltsbewilligung.

Die Schnitzlers befürchteten aber schon bald, dass sich die Bibliothek als Besitzer des Nachlasses fühlen könnte. Olga schrieb: "Ich bin dafür, Heini, dass wir, Du und ich, so arm wir sind, den Transport der Kisten selbst bezahlen, oder es wenigstens vorschlagen, damit wir völlig freie Hand behalten." Das war ganz im Sinne des Sohnes: Er beglich die Rechnung – auch um als alleiniger Verfügungsberechtigter auftreten zu können. Die Bibliothek solle einige Manuskripte "als Zeichen des Danks" bekommen, alles andere nach New York transportiert werden: "Ich denke, dass alles ganz glatt gehen wird."

Verteufelte Situation

Doch Schnitzler täuschte sich gewaltig. Denn Scholfield hielt am 31. Oktober 1938 fest, dass der Nachlass übergeben worden sei; keine Manuskripte könnten die Bibliothek verlassen. Schnitzler war außer sich. Er versuchte nun, mit Cambridge einen Vertrag abzuschließen: Die Familie müsse jederzeit Zugriff auf den Nachlass haben können. Zudem müsse sich die Bibliothek dazu verpflichten, die Vorschriften des Testaments zu beachten. Doch die Uni blieb stur.

Am 20. Jänner 1939 schreibt Heinrich Schnitzler: "Liebe Mutter, ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr mich diese ganze Angelegenheit bedrückt und beschäftigt." Und am 26. Jänner: "Ich bin – leider – machtlos, wiewohl ich doch juristisch DER Verfügungsberechtigte bin! Eine verteufelte Situation."

Die Mutter erwiderte: "Wer sich im März in das gefährdete, unangenehm beobachtete leere Haus in der Sternwartestraße begeben hat, war ich, und wer sich um den Nachlass leider nicht bemüht hat, warst Du. Wenn es auf Dich ankäme, wäre der Nachlass heute in den Händen der Nazis. Dass er von Cambridge aus geschützt wurde, war ein Glück."

Heinrich Schnitzler erwidert: "Der Fall liegt rechtlich vollständig klar. Und ebenso klar die Lümmelei dieser Gentlemen. Ich bin der Eigentümer des Nachlasses. Ich habe ihn niemals hergeschenkt. Niemand hat mit mir darüber auch nur eine Zeile gewechselt. Nur Herr Scholfield, ein Angestellter, hat mich vor ein fait accompli stellen wollen. Niemand hat sich jemals bei mir für das Geschenk bedankt, niemand hat mir, dem Eigentümer, den Empfang bestätigt, niemand die Bezahlung des Transports."

Der Ton zwischen Mutter, die Cambridge verteidigt, und Sohn wird immer harscher, fast kommt es zum Zerwürfnis. Im März 1939 emigrierte auch Olga in die USA. Im Gepäck hatte sie – mit Erlaubnis der Bibliothek – einige Materialien: die Tagebücher, die Autobiografie, die Manuskripte "Liebelei", "Casanova’s Heimfahrt", "Reigen" und "Träume", ferner Familien- und Frauenbriefe. Alles andere verfiel in Cambridge, wie Olga Schnitzler es ahnte, in einen "ewigen Dornröschenschlaf in festvernagelten Kisten".

Ab September 1946, eineinhalb Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, erbat Schnitzler zwei Mal Mikrofilme von diversen Materialien. Sie wurden ihm zugeschickt. Am 11. August 1949 forderte er erneut Mikrofilme – vom restlichen Bestand. Doch die Bibliothek weigerte sich: Sie forderte im Gegenzug, dass Schnitzler quasi auf alle Rechte verzichtet.

Ein Fall von Notlage

Selbst Olga war ungehalten. Mitte Februar 1950 schlägt sie vor, in der Korrespondenz zu erwähnen, "dass ja die ganze Schenkung im höchsten Grad ein ,case of emergency‘ gewesen ist".

Am 3. März 1950 versuchte Heinrich Schnitzler ein letztes Mal, seine Ansprüche geltend zu machen. Wieder blitzte er ab. Verbittert schreibt er Olga am 5. April 1950: Man schäme sich nicht, "Nutzen aus der seinerzeit von den Nazis geschaffenen Situation ziehen zu wollen" – und verlange von ihm die "bedingungslose Kapitulation". Olga pflichtet bei: Cambridge "vollendet, was die Nazis (vielleicht) getan hätten – nämlich uns enteignen." Das dürfe man aus Prinzip nicht durchgehen lassen.

Heinrich Schnitzler will nun mit der Hilfe eines Advokaten gegen Cambridge vorgehen. Doch er kann sich die Anwaltskosten nicht leisten: "Und so werde ich wohl klein beigeben müssen." Am 30. Mai schließlich informiert er Olga darüber, dass man ihm geraten habe, "die Bedingungen von Cambridge einfach anzunehmen, da die Leute sonst am Ende die Mikrofilme nicht herstellen lassen werden": Die Herren in England seien in einer Lage, "wo sie uns diktieren können".

Hemecker und Österle versagen sich in ihrem Bericht so gut wie jeden Kommentar. Eines aber stellen sie schon fest: Die Schnitzlers mussten "am Ende den bittersten Vergleich" akzeptieren, "der überhaupt, zumal unter Exilierten dieser Ära, denkbar ist". Eigentlich müsste Cambridge den Nachlass an die Enkel von Arthur Schnitzler restituieren.

Von Thomas Trenkler

Der Arzt als Schriftsteller und Weiberheld

Arthur Schnitzler, 1862 in Wien-Leopoldstadt geboren, arbeitete nach dem Medizinstudium u. a. an der Poliklinik, wo er seinem Vater assistierte. Nach dessen Tod 1893 eröffnete er seine eigene Praxis, doch der Weiberheld, der pedantisch Tagebuch führte, interessierte sich längst viel mehr für die Schriftstellerei.

Als einer der Hauptvertreter des "Jungen Wien" schrieb er Prosa und Dramen. Der Lokalkolorit und die Zeit um 1900 spielt eine zentrale Rolle, Schnitzlers Themen aber, darunter Liebe, Ehre, Ehebruch und Antisemitismus, sind zeitlos ("Der einsame Weg", "Professor Bernhardi", "Liebelei"). Er interessierte sich für die Seele, die ein "Weites Land" sei: Mit dem inneren Monolog in "Leutnant Gustl" sorgte er für eine Novität – und mit der Szenenfolge "Reigen" für einen Skandal. Von 1903 bis 1921 war er mit der Schauspielerin Olga Gussmann verheiratet; die beiden hatten zwei Kinder: Heinrich (1902–1982) und Lili (1909– 1928). Schnitzler starb 1931 an einer Hirnblutung.