Kultur
07.09.2018

Ars Electronica: Explodierende Tiere, wuchernder Krebs

Das heurige Festival widmet sich dem Fehler. Denn Irren ist nicht nur menschlich.

Der kleine Roboter "Noodle" wird auch in Linz neue Socken bekommen. Derzeit hat er noch japanische an; bald werden es alpenländische sein. Davon ist er nicht sonderlich beunruhigt: Denn im Moment stehen zwei Personen vor ihm, die ihn an seine Mutter erinnern. "Sie machen mein Baby ruhig", sagt US-Künstlerin Sarah Petkus zu einer Besucherin. Der Blick des Roboters wechselt zwischen den beiden, beide bewertet er zu 90 Prozent als Mama. Ein Fehler - denn nur Petkus nimmt "Noodle" zu Weihnachten zu ihrer Familie mit, und reist sonst mit ihm durch die Welt. Überall, wo er landet, bekommt er Socken.

Derzeit ist er Teil der "CyberArts"-Ausstellung der heurigen Ars Electronica. Die widmet sich dem "Error", jener innovationstreibenden Fehlerkultur also, die zu Facebook, Google, aber auch Edward Snowden und dem Social-Score-System in China geführt hat. Der Fehler ist in der digitalen Welt allüberall, manchmal hilfreich, manchmal katastrophal. Etwa für die wilden Tiere im Niemandsland zwischen Nord- und Südkorea. Die explodieren nämlich, wenn sie einen falschen Schritt machen. Das sieht dann so aus:

Denn das Sperrgebiet ist vermint und voller Munitionsreste - und außer für spezielle Ereignisse - unbetretbar. Zugleich ist es - ähnlich wie einst das Gebiet der ehemaligen deutschen Mauer - aber ein Naturparadies. Dieses kann man im OK Center, wo die CyberArts-Schau vom Keller bis ins Dachgeschoß (und darüber hinaus) führt, in einer Simulation erkunden. Ganz ohne Explosionsgefahr.

Man darf in einem Fotoautomaten eine emotionale Bindung zu künstlicher Intelligenz aufbauen, gemeinsam mit anderen in eine virtuelle Welt eintauchen oder auf einem Computer ein Programm starten, woraufhin virtuelle Ratten ein Gemälde aus der Zeit der alten Meister auffressen. Und den Computerdesktop gleich mit.

Krebs wuchert im Bunker

Die Hauptausstellung der Ars Electronica bespielt - leider wohl zum letzten Mal - das fantastische ehemalige Postzentrum beim Bahnhof, eine Bilderbuch-Industrieruine mit Charme und viel Platz. Den zu füllen, tut sich das finanzmittelgeschwächte Festival heuer merklich schwer, der obere Stock ist locker mit Kooperations- und Fremd-Projekten bespielt, es gibt Gewand, das einem automatisch schlechet Haltung abgewöhnt, fliegende Drohnen, eine brummende Miniaturweltinstallation oder auch ein Projekt zum Biotop Vaginalsekret.

Huch!

Doch hinab in den Bunker! Dort, im licht- und handyempfangsfreien Raum, spielt das außergewöhnliche Festival, dessen Wichtigkeit im heimischen Kulturleben immer noch nicht angekommen ist, seine wohltrainierten Inhaltsmuskeln aus.

  • Eine Künstlerin lässt parallel "normale" Zellen ihres Körpers - und Krebszellen wuchern; und projiziert die entstehenden Miniaturuniversen - eines schrecklich, beide lebendig - an die Wand.
  • Ein Riesengummischlauch wird durch Klänge zum Leben erweckt.
  • Aus Handys auf dünnen Stangen zwinkern einem viele Augen zu.
  • Ein Roboterentwurf zeigt, wie künstliches Leben nach der Apokalypse unter Wasser aussehen könnte (Erinnerung: Mal wieder "Matrix" anschauen).

Anderswo geht es um das Gewicht von Licht, um Flüchtlingsrettungsaktionen im Mittelmeer und einen klitzekleinen Roboterkopf, dessen Augen einen verfolgen und der irgendwie ganz schön arm aussieht.

Dazwischen wird man durch einen langen unterirdischen Bunkergang geführt - "es ist ein bisschen gefährlich hier", mit elektronischem Knistern und der Aufforderung, nicht zu viel zu denken, versorgt; es gibt eine in Stein gemeißelte URL und eingelegte Schweineherzen, die zur unheimlichen Organinstallation werden; ebenso: Gallensteine, die wie Meteoriten fotografiert wurden.

Wir schaffen das*

Um all diese - und viele andere - Projekte wird wieder viel Techno-Kuratoren-Text gewoben, es geht allüberall um neue Wege, neue Ideen, Zukunftsfähiges und die Erforschung der Stellung, die der Mensch und das Leben in Richtung Digitalisierung einnehmen können. Die Antwort ist meist optimistisch und auf Machbarkeit hingetrimmt: Wir schaffen das (* "das" meint hier: nicht von Umweltzerstörung, Digitalisierungsübermacht, drohender Bedeutungslosigkeit angesichts immer menschlicher werdender Maschinen überrannt zu werden). Die Ars Electronica nähert sich den großen Fragen der digitalen Zukunft von der Bewältigungsseite her; man knabbert an den riesigen Problemen mit winzigen Fortschritten. Das ist irgendwie beruhigend - und für all jene ein Pflichtbesuch, die das Ausmaß der kommenden Umwälzung ahnen, aber dem Menschen eine Chance geben (wollen).